Aachen: „MozARTstraße“: Bernd Radtke zeigt Bilder mit Interpretationsreichweite

Aachen : „MozARTstraße“: Bernd Radtke zeigt Bilder mit Interpretationsreichweite

Wände können bedrückend sein, aber auch einen Raum öffnen. Sie können wuchtig und schwer, aber auch leicht und fast nicht wahrnehmbar sein. Wände sind Raum für Kunst und werden selbst zur Kunst — das zeigt Fotograf Bernd Radtke in seiner Ausstellung „Innerhalb und Außerhalb“, die ab sofort im Verwaltungsgebäude Mozartstraße in der zweiten Etage zu sehen ist.

Seit 15 Jahren existiert die Reihe „Kunst in der MozARTstraße“ — ein Spiel mit dem englischen Wort für Kunst — und Susanne Schwier, Beigeordnete für Bildung und Kultur, Schule, Jugend und Sport, ist froh, diese Reihe, die von ihrem Vorgänger Wolfgang Rombey ins Leben gerufen wurde, so zuverlässig fortführen zu können. „Wir wollen Talenten aus der Region eine Plattform bieten“, so Schwier — und mit Bernd Radtke hat ein großes Talent seinen Weg in die Räumlichkeiten gefunden. Radtkes Fotos sind Werke mit beeindruckender Klarheit und großer Subtilität, geprägt von kleinen Details, die selbst der Fotograf erst Jahre später in den Bildern entdeckt.

Der Titel der Ausstellung lebt, ebenso wie die Werke selbst, von seiner Interpretationsreichweite. Für Sylvia Böhmer, Kuratorin des Suermondt-Ludwig-Museums, ist in ihrer Einführung in die Werke Radktes ein Aspekt besonders wichtig: „Was ein Mensch wahrnimmt, ist geprägt durch sein Vorstellungsvermögen.“ Der Beobachter beeinflusst immer das Beobachtete und dieser Grundsatz zeigt sich in den Fotografien deutlich. Erinnerungen sind maßgeblich mit daran beteiligt, wie man die gezeigten Strukturen wahrnimmt. Für den einen sind die massiven Blöcke des Bilds „Anduze #1“, wegen einer Urlaubserinnerung, Symbole für unendliche Weite, für einen anderen waren sie Symbol von Bedrückung und Bedrängnis.

Radtkes Bilder zeigen indes keine Menschen, sind aber unverrückbar mit dem Menschen verbunden. Gezeigt werden Orte, wo Menschen sind — beispielsweise ein interessanter Blick auf das Aachener Rathaus — oder aber, wo Menschen waren. Insbesondere die Bilder aus der Heilstätte Beelitz sind Zeugnisse solcher Orte, Bilder des Verfalls, des Rückzugs, aber mit einer eigenen poetischen Bildsprache, die den Betrachter lange gefangen nimmt. Sie wirken nicht tot, nicht trist und traurig, sondern erzählen weitgreifende Geschichten.

Zwei Bilder hob Sylvia Böhmer in Bezug auf den Rückzug der Menschen besonders hervor. Sie zeigen das Innere des Kinderkrankenhauses in Berlin-Weißensee, ebenfalls ein mittlerweile dem Verfall und Vandalismus preisgegebener Ort. Ein Staubsauger und ein Stuhl sind auf den beiden Bildern jeweils einsam zurückgelassen worden. „Die Melancholie des Staubsaugers“ oder die „Verzweiflung eines Stuhls“, könnten mögliche Titel für die Bilder sein — doch soll besser jeder Betrachter selbst einen für ihn passenden Titel für das Kunstwerk finden.

Das ist auch der Grund, weshalb die meisten Fotos einfache Ortsbezeichnungen als Titel tragen, so bleibt mehr Interpretationsspielraum für den Betrachter. All dies zusammen macht die Ausstellung zu einer faszinierenden kleinen Aufgabe für den Betrachter. Wer sich auf die Bilder einlässt — und davon Abstand nimmt, die täuschend dreidimensional wirkenden Tapetenfetzen von der Leinwand abziehen zu wollen — der findet in jedem eine ganz eigene Welt, die sich auch nur für ihn erschließt.

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