Aachen: Mit Smartphones das Aachener Verkehrssystem verbessern

Aachen : Mit Smartphones das Aachener Verkehrssystem verbessern

Wenn André Offele abends auf sein Smartphone blickt und den Tag Revue passieren lässt, dann bietet sich ihm ein Gewirr aus farbigen Linien und Pfeilen. Sie zeigen an, wann er welchen Ort in Aachen angesteuert hat, welche Routen er gewählt hat — und vor allem mit welchem Verkehrsmittel.

„Orange steht fürs Auto, dunkelgrün fürs Fahrrad und hellgrün für Wege, die ich zu Fuß zurückgelegt habe“, erklärt der 29-Jährige. Dass am Ende des Tages doch so viele hellgrüne Linien auf der Karte zu sehen sind, habe ihn schon überrascht. Schließlich steige er fast jeden Morgen ins Auto, um die fünf Kilometer von der Innenstadt zu seinem Arbeitsplatz am Campus-Boulevard zurückzulegen. „Doch von der reinen Anzahl her erledige ich offensichtlich immer noch viele Wege zu Fuß“, freut sich Offele. Genauer gesagt: 69 Prozent der Wege — auch wenn die Distanz, die er pro Strecke zu Fuß zurücklegt, kurz sei.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 28.11.2016 Baustellenstaus, hier Wilhelmstr. Foto: Harald Krömer

17 Prozent der Wege fährt er mit dem Auto, 13 Prozent mit dem Fahrrad. So steht es in Offeles Verkehrsstatistik, die er auf seinem Smartphone stets griffbereit hat. Auch die CO2-Bilanz wird berechnet. Doch so aufschlussreich der Blick in die App Modalyzer für Offele auch ist: Als Wissenschaftler interessiert ihn seine persönliche Verkehrsmittelwahl, sein Modal Split, kaum. Sein Interesse gilt umfassenderen Fragen: Wie bewegen sich die Aachener von A nach B? Und wie kann das Verkehrssystem in Aachen verbessert werden?

Auto, Bus oder doch lieber mit dem Fahrrad? Wissenschaftler der RWTH untersuchen, mit welchen Verkehrsmitteln die Aachener unterwegs sind und wollen ermitteln, wie das Verkehrssystem in der Stadt verbessert werden kann. Foto: Michael Jaspers

Antworten auf diese Fragen soll ein Forschungsprojekt des Lehrstuhls für Production Engineering of E-Mobility Component (PEM) der RWTH Aachen in Zusammenarbeit mit Velocity und dem Ford-Forschungsstandort Aachen (Ford Research and Innovation Center) bieten. Das Forschungsmaterial liefern die Aachener selbst. „Wir laden die Bürger dazu ein, ihr Verkehrsverhalten aufzuzeigen und ihre Daten zu spenden“, sagt Ruben Förstmann, 32 Jahre alt und wie sein Kollege Offele wissenschaftlicher Mitarbeiter beim PEM. Über ihr Smartphone sollen die Aachener bis zum 25. September an mindestens zehn Tagen ihre Wege aufzeichnen. Die Wege werden von der App Modalyzer erfasst und den Forschern anonymisiert zur Auswertung übermittelt.

Auto, Bus oder doch lieber mit dem Fahrrad? Wissenschaftler der RWTH untersuchen, mit welchen Verkehrsmitteln die Aachener unterwegs sind und wollen ermitteln, wie das Verkehrssystem in der Stadt verbessert werden kann. Foto: Michael Jaspers

Schon 200 Teilnehmer helfen

Von den Ergebnissen erhoffen sich die Forscher nicht nur ein möglichst aussagekräftiges Modell davon, wie sich die Aachener von A nach B fortbewegen. Sie wollen auch Handlungsempfehlungen für die Gestaltung des Verkehrssystems ableiten. „Wenn sich zum Beispiel herausstellen sollte, dass an einem bestimmten Knotenpunkt besonderes viele Radfahrer unterwegs sind, die Straßen aber gar nicht auf den Fahrradverkehr ausgerichtet sind, wäre das ein Anknüpfungspunkt, um daran etwas zu ändern“, erläutert Förstmann. Zudem könne ermittelt werden, an welchen Stellen weitere Velocity-Stationen sinnvoll sind.

Laut Offele können bereits 200 Teilnehmer aussagefähige Daten für das Forschungsprojekt liefern. „Doch je mehr Menschen mitmachen, desto besser ist das Verkehrsmodell“, so der Projektleiter weiter. Die Aachener hätten es somit zu einem gewissen Grad selbst in der Hand, dass sich die Verkehrssituation in Aachen verbessert — mit einem Klick auf dem Smartphone.Dass dabei der Datenschutz gewährleistet wird, ist den Wissenschaftlern besonders wichtig. „Die Daten werden anonymisiert gespeichert, bleiben auf europäischen Servern und werden uns nur zusammengefasst übermittelt“, sagt Förstmann und versichert: „Wir haben auf kein einziges individuelles Bewegungsprofil Zugriff.“

Erste Ergebnisse wollen die Wissenschaftler Ende September im Rahmen der Europäischen Mobilitätswoche präsentieren, etwa eine vorläufige „Heatmap“, auf der eingezeichnet ist, auf welchen Wegen die Menschen mit dem Fahrrad unterwegs sind. Ende des Jahres sollen dann die konkreten Handlungsempfehlungen folgen.

Auch OB Marcel Philipp hofft, dass sich zahlreiche Aachener aktiv an der zukünftigen Gestaltung der Stadt beteiligen. „Für die Stadt können daraus wichtige Erkenntnisse zur aktuellen Verkehrssituation und zur Anpassung der Verkehrsmodelle gewonnen werden“, sagt dazu Uwe Müller, Leiter des Verkehrsmanagements. Durch ein buntes Gewirr aus Linien und Pfeilen.

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