Aachen: Mission „Titelverteidigung“: Aachener Skat-Weltmeister in Berlin

Aachen : Mission „Titelverteidigung“: Aachener Skat-Weltmeister in Berlin

Pokern ist nicht Rolf Schniers Sache. Kein Wunder, schließlich ist Schnier amtierender Skat-Weltmeister. Und nun, zwei Jahre nach seinem spektakulären Triumph in der Spielmetropole Las Vegas, steht die Mission „Titelverteidigung“ an.

Mit Blick auf das in Kürze beginnende Turnier in Berlin formuliert Schnier, der im „normalen“ Leben unzähligen Aachenerinnen und Aachenern vor allem als Rathaus-Pförtner bekannt ist, daher ein klares Ziel: „Natürlich will ich wieder gewinnen!“ Die Karten liegen also auf dem Tisch.

Dass das nicht ganz so einfach werden dürfte, das weiß Rolf Schnier. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Schon gar nicht beim Skat, wo höchste Konzentration gefordert ist. Daher beginnt für Schnier in wenigen Tagen die intensive Vorbereitungszeit auf die WM in Berlin, die vom 17. bis zum 25. August im Maritim Hotel stattfindet. Veranstaltet wird das Turnier vom Weltverband, der International Skat Players Association (ISPA). Zwischen 800 und 900 Spieler aus rund 15 Ländern werden bei der 21. Skat-WM erwartet.

Ein Titel für zwei Länder

Seit 1983 spielt Rolf Schnier für den Verein „Ohne Elf La Calamine“ aus dem belgischen Kelmis. Das erklärt auch, dass er 2016 als Träger der belgischen Flagge in Las Vegas aufgetreten ist. „Der damalige belgische Meister hat nicht an der WM teilgenommen, daher durfte ich die Flagge stellvertretend tragen“, erzählt Schnier stolz und ergänzt mit einem verschmitzten Lächeln: „Das ist doch das Besondere an meinem Titel. Ich habe ihn gewissermaßen für zwei Länder, für Deutschland und Belgien, errungen.“

Beruflich hat Schnier übrigens mit Menschen aus noch viel mehr Ländern zu tun. Denn die Besucher des Rathauses kommen aus aller Herren Länder zu ihm. Aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden, aus Großbritannien und den USA bis hin zu Gästen aus Fernost. Und, nicht zu vergessen, die zahlreichen Öcher, die täglich bei Schnier und seinen Kollegen an der Pforte vorbeischauen.

„Bei uns im Rathaus geht es richtig international zu. Ob Hochzeitsgäste oder Besucher, fast alle, die bei uns hereinkommen, haben gute Laune. Das macht einfach Spaß!“, liebt der Wahl-Aachener, der aus Stolberg-Mausbach stammt, den Kontakt zu Touristen und Einheimischen gleichermaßen. Seit 2000 arbeitet Rolf Schnier bei der Stadt Aachen, seit 2002 im Rathaus.

Schon deutlich länger aber ist seine große Leidenschaft, das Skatspiel, Teil seines Lebens. „Die ersten Runden habe ich schon mit sechs Jahren gespielt“, erinnert er sich. In seiner Familie lagen die 32 Spielkarten stets parat. Die Eltern, die Großeltern, die Geschwister — alle spielten Skat. Und der kleine Rolf dann eben auch. Schnell begriff er die Kniffe, die Strategie, das taktische Geschick, das vonnöten ist, um seine Mitspieler auszustechen.

„Das Spiel besitzt etwa 1,6 Trillionen Möglichkeiten der Kartenverteilung“, erklärt Schnier. Selbst wenn man ein Leben lang spielen würde, es grenzt an ein Ding der Unmöglichkeit, dass sich eine Partie einmal eins-zu-eins wiederholt.

Mit 14 Jahren begann Schnier, Skatturniere zu spielen. Gut 40 Jahre später, im Jahr 2016, sollte dieser Weg in Las Vegas mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft seinen vorläufigen Höhepunkt finden. „Skat spielen und dabei gemütlich ein Bierchen trinken ist bei solch einem Wettbewerb natürlich nicht drin“, stellt Schnier klar. Skat ist Sport, vor allem für den Kopf. Die Vorqualifikation geht über fünf Tage. „Sechs Stunden spielen wir dann jeweils am Stück“, so Schnier. Dann folgt ein Spieltag der Nationalmannschaften. Reine Spielzeit dort: acht Stunden.

Reich wird man nicht

Sollte es Schnier erneut unter die Top 16 der Einzel-Wertung schaffen, steht am Finaltag die größte Herausforderung an. „Ich muss meine Karten optimal ausnutzen. Skat hat natürlich einen Glücksfaktor, aber je mehr Spiele gespielt werden, desto wahrscheinlicher ist, dass sich der, der die Karten am besten verarbeitet, am Ende durchsetzt.“ Und in Sachen Durchsetzen hat Schnier bekanntlich durchaus Erfahrung. Nur: Dieses Mal wird er der Gejagte sein.

„Meine Gegner wissen natürlich: Hier sitzt der Weltmeister am Tisch. Und den will bekanntlich jeder schlagen“, so Schnier. Dafür hat er sich über die Jahrzehnte eine unglaubliche Beobachtungsgabe angeeignet. Jedes Zucken, jede noch so kleine Veränderung der Mimik im Gesicht der Konkurrenten registriert er, kombiniert sekundenschnell, wie die Kartenverteilung am Tisch aussehen mag und zieht daraus seine Schlüsse.

Es ist bereits die vierte WM, an der Schnier teilnimmt. Die Wettkämpfe finden abwechselnd in Europa und in Übersee statt. Auch bei vier Europameisterschaften ist er bereits angetreten. Reich wird man mit dem Skatspiel aber nicht. Rund 3500 Dollar hat er für seinen WM-Triumph 2016 erhalten — in etwa so viel wie die Reise nach Las Vegas gekostet hat.

„Skat spielt man nicht fürs Geld, Skat spielt man aus Leidenschaft“, sagt Schnier. Geht aber nicht doch manchmal der Blick neidvoll zu den Profi-Pokerspielern, bei denen um Millionen gezockt wird? „Nein“, antwortet Schnier. Und zwar in einer Art, die keine Zweifel an der Ernsthaftigkeit seiner Aussage aufkommen lässt.

„Wenn man im Finale sitzt und spielt, dann denkt man nicht ans Preisgeld.“ Bei allem Ehrgeiz: Die nötige Gelassenheit lässt er sich nicht nehmen. „Ich habe vor zwei Jahren ein wunderschönes Geschenk bekommen. Ich bin Weltmeister geworden, als einer von 19 in 40 Jahren.“ Das kann ihm keiner mehr nehmen.

(red)
Mehr von Aachener Nachrichten