Aachen: Mietfreie Räume, aber keine Tagesmutter griff zu

Aachen : Mietfreie Räume, aber keine Tagesmutter griff zu

Frisch renovierte Räume, in denen Kleinkinder professionell betreut werden können: die hatte die Stadt Aachen für Tagesmütter oder -väter in Burtscheid zu vergeben. Die Kommune war sogar bereit, die Kaltmiete zu übernehmen und stellte einen ordentlichen Zuschuss zu den Einrichtungskosten in Aussicht. Aber es fanden sich keine Tagespflegepersonen, die das Angebot annehmen wollten.

Interessenten gab es durchaus. Die kamen aber nicht zum Zuge, weil sie bereits als Tagesmütter- oder -väter in Aachen im Einsatz sind. Die Offerte galt nämlich nur für Neueinsteiger in die Tagespflege. Die Stadt wollte dringend benötigte neue Plätze in der Kleinkindbetreuung schaffen und nicht bereits vorhandene Plätze lediglich verschieben. Für Anfängerinnen in der Tagespflege aber ist das Angebot offenbar nicht unbedingt attraktiv. Viele wollen ja gerade in den eigenen vier Wänden arbeiten, um auch die eigenen Kinder zu Hause versorgen zu können.

Die Räume, um die es geht, befinden sich im ehemaligen „Haus der Jugend“, Kalverbenden 2. Bis Ende 2016 waren dort Flüchtlinge untergebracht. Das Erdgeschoss ist nun für zwei Großtagespflegestellen hergerichtet.

Großtagespflegestellen: Dieses Wortungetüm bezeichnet ein Angebot, bei dem zwei Tagespflegepersonen in angemieteten Räumen gemeinsam bis zu neun Kleinkinder betreuen. Elf davon gibt es aktuell in Aachen, drei allein in Regie der RWTH. Mit der Initiative in Kalverbenden wollte die Stadt endlich auch bei der leidigen Vertretungsfrage ein Stück weiterkommen. Eine der beiden Großtagespflegestellen soll nämlich ausschließlich „Vertretungsstützpunkt“ sein, damit Kinder, deren Tagesmutter ausfällt, verlässlich betreut werden. Für diesen Vertretungsstützpunkt durften sich auch Tagesmütter bewerben, die in Aachen bereits im Geschäft sind. Aber auch hier zunächst: Fehlanzeige. „Wir waren eigentlich optimistisch, dass wir Tagesmütter für so ein Modell finden“, sagt Sabine Fischer vom städtischen Fachbereich Kinder, Jugend und Schule bedauernd.

Tagesmütter frustriert

Andererseits: Vorerst könnten interessierte Tagesmütter in Kalverbenden ohnehin nicht loslegen. Denn die Nutzungsänderung für die Räume ist noch nicht erfolgt. Da haben viele Stellen ein Wörtchen mitzureden: Bauordnungsamt, Veterinäramt, Gesundheitsamt, Feuerwehr … Fischer hofft, dass die beiden Großtagespflegestellen spätestens zum 1. Februar 2018 zur Verfügung stehen.

Für den „Vertretungsstützpunkt“ sucht die Stadt weiter Personal. Die Stellen für die reguläre Großtagespflegestelle werden nun neu ausgeschrieben. Dann sollen auch Tagesmütter zum Zuge kommen, die bereits Kinder in Aachen betreuen. Allerdings müssen sie Miete zahlen. Die Kaltmiete werde noch festgelegt, so Fischer.

Kerstin Wolff gehört zu den Tagesmüttern, die in der ersten Runde in Kalverbenden nicht zum Zuge gekommen sind. Gemeinsam mit einer Kollegin hätte sie dort gerne eine Großtagespflegestelle eröffnet. Die eigenen Kinder sind aus dem Gröbsten raus, deshalb will Wolff künftig nicht mehr in den eigenen vier Wänden arbeiten. Für das Modell Kalverbenden kam sie aber zunächst nicht infrage, weil sie seit neun Jahren als Tagesmutter in Aachen arbeitet. Auch die Anmietung eigener Räume in Burtscheid sei letztlich gescheitert, berichtet sie, weil die notwendige Nutzungsänderung sich als zu teuer und langwierig herausstellte.

Ihrem Ärger hat Wolff im offenen Brief Luft gemacht, der unter anderem an den Oberbürgermeister, die Fraktionen und an die Entscheider im Jugendamt ging. Angesichts der Umstände, kündigt sie an, werde sie sich womöglich aus der Tagespflege zurückziehen. „In den eigenen Räumen höre ich im Sommer 2018 definitiv auf“, erklärt Wolff im „Nachrichten“-Gespräch.

Stress im „Zwergenhaus“

Auch Tagesmutter Rebecca Laschet-Caiola hat aktuell ziemlich die Nase voll. Was sie besonders aufregt, ist die aus ihrer Sicht mangelhafte Kommunikation. Gemeinsam mit einer Kollegin betreut sie Kleinkinder in der Großtagespflegestelle „Zwergenhaus“ an der Lothringerstraße. Und weil die Kollegin demnächst ausscheidet, würde sie gerne eine weitere Tagesmutter einbinden, zunächst vertretungsweise.

Für diesen Einsatz ist aber eine Pflegeerlaubnis nötig. Und in dieser Sache wartet Laschet-Caiola, wie sie sagt, mittlerweile seit mehreren Monaten: „Meine letzte E-Mail an die Stadt ist vom Sommer. Und ich warte immer noch auf Antwort.“ Sie hat nun noch einmal einen Brief losgeschickt. Per Einschreiben. „Mich ärgert das konsequente Ignorieren von Anfragen“, kritisiert sie. „Wenn ich im Frühjahr ohne zweite Tagesmutter dastehe, muss ich aufgeben.“

Christine Frels, Sprecherin der Interessengemeinschaft Kindertagespflege Aachen, beobachtet schon länger mit Sorge, dass zunehmend erfahrene Tagesmütter das Handtuch werfen. „Warum lässt man die alten Hasen ziehen?“, fragt sie. „Gerade Berufserfahrung und Fortbildungen machen doch unsere gute Arbeit aus.“ Dass erfahrene Tagesmütter bei den Großtagespflegestellen nicht zum Zuge kommen, hält sie schlicht für „ungerecht“.

Die familiäre Tagesbetreuung ist die zentrale Drehscheibe in der Tagespflege in Aachen. Sie qualifiziert und vermittelt Tagesmütter, über den Verein läuft auch die Vergabe von Betreuungsräumen. „Die Großtagespflege ist in vielen Kommunen in NRW ein großes Thema“, sagt Geschäftsführerin Bettina Konrath. Deshalb sei es ratsam, die Rahmenbedingungen erneut zu betrachten. Eine finanzielle Unterstützung von Tagesmüttern in angemieteten Räumen findet sie durchaus überlegenswert. Auch bei den Anforderungen an die Räume müsse man genau hinschauen, regt Konrath an: „Eine Großtagespflegestelle sieht vielleicht aus wie eine kleine Kita, aber sie ist eine familienähnliche Betreuungsform.“

Familien in Not

Dringend gebraucht würden die Betreuungsplätze in Kalverbenden wohl auf jeden Fall. Aktuell stellen rund 150 Tagespflegepersonen in Aachen zwar 576 Plätze (Stand Ende Oktober) zur Verfügung. Aber manche Familien sind jetzt schon auf der Suche nach einer Tagesmutter für 2019. Die Kinder, um die es geht, sind noch nicht einmal geboren.

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