Aachen: Mensch kommt vor der Religion

Aachen: Mensch kommt vor der Religion

„Hier sind die Weltreligionen vertreten”, stellte Iris Kreutzer fest. Sie ist die Integrationsbeauftragte der Stadt Aachen und leitete die Pressekonferenz zum Thema Dialog der Religionen.

Zahlreiche Vertreter der verschiedensten Glaubensgemeinschaften waren gekommen, sie repräsentierten den Arbeitskreis „Dialog der Religionen”. Die katholische Kirche beteiligt sich am Dialog wie die evangelischen Gemeinden, die Juden sind dabei, die Muslime, die orthodoxen Gemeinschaften ebenso, die Aleviten, und auch die Hindus und die Baha´i Gemeinde machen mit.

Vor vier Jahren wurde der Arbeitskreis gegründet, als wichtige Konsequenz aus dem städtischen Integrationskonzept. Denn die Religionen leisten ihren Beitrag zur Integration. „Ein Drittel der Aachener Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund”, stellt die Integrationsbeauftragte fest. Rund 79000 Menschen sind das. Daher könnten die Religionsvertreter als Brückenbauer, als Multiplikatoren, fungieren. Ihre Gemeinden seien die Anlaufstellen für die Angehörigen, sie böten Rückhalt und Orientierung in sozialen, kulturellen und religiösen Fragen. „Wir sind eine Gemeinschaft von Gleichberechtigten”, beschrieb der evangelische Pfarrer Hans-Christian Johnson den Stellenwert von 126000 Katholiken, 32000 Mitgliedern der evangelischen Kirche, 5000 Mitgliedern frei-evangelischer Gemeinden, 3250 orthodoxen Christen, 1500 Juden, 400 Hindus, 34 Mitgliedern der Baha´i-Religion in Aachen sowie 20000 Muslimen in der Städteregion. „Wo gibt es denn sonst sowas? Wir haben uns gegenseitig in städtischen Konferenzräumen das jeweilige Gottesbild vorgestellt”, sagte Johnson. Auch habe man über mögliche Konflikte diskutiert, beispielsweise zum Frauenbild oder zu Bildungsfragen. „Wir haben uns kennengelernt.” Gegenseitige Einladungen und Besuche bezeugten dies.

„Sich öffnen tut gut”, bemerkte Iris Kreutzer und erzählte, wie lohnend so mancher städtische Mitarbeiter den Besuch der Bilal-Moschee empfunden habe. Johnson ergänzte: „Nicht die Religionen unterhalten sich, sondern die Menschen, die alle eine andere Prägung haben.”

Bereits zum zweiten Mal legte der Arbeitskreis nun einen interreligiösen Kalender vor, dem die Festtage aller vertretenen Religionen entnommen werden können. Ayse Ulufer von der Ditib-Gemeinde der Yunus-Emre-Moschee an der Stolberger Straße wies darauf hin, dass „wir ganz bewusst auf die Kennzeichnung politischer und historischer Ereignisse verzichtet haben”. Shahab Ebrahimi von der Baha´i-Gemeinde freute sich: „Was vor ein paar Jahren noch nicht möglich war, ist jetzt perfekt.”

Und Regionaldekan Josef Voß stellte lakonisch fest: „Wir sind nun mal auf dieser einen Welt. Da müssen wir auch einen gemeinsamen Nenner finden.” Er ist gespannt auf den Tag der Integration, der am morgigen Sonntag im Pius-Gymnasium, Eupener Straße, geboten wird. Der katholische Pfarrer ist ein leidenschaftlicher Vertreter der religiösen Gleichberechtigung: „Das haben wir bereits bewiesen, als wegen der Gates-Schließung in St. Fronleichnam alle Religionen gemeinsam gebetet haben.” Hildegard Mazyek von der Bilal-Moschee bringt es auf den Punkt: „Der Mensch kommt zuerst, dann erst die Religion.”

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