Mit vereinten Kräften gegen Rechts: Mehr als 2000 Aachener begehen den Tag der Arbeit

Mit vereinten Kräften gegen Rechts : Mehr als 2000 Aachener begehen den Tag der Arbeit

Man traute seinen Augen kaum auf dem Katschhof, der altehrwürdige Deutsche Gewerkschaftsbund als machtvoller Arm der Arbeitnehmerschaft schafft es jedenfalls in Aachen, am Tag der Arbeit, dem 1. Mai, traditionelle Strukturen über Bord zu werfen und vor allem die jungen Gewerkschafter nicht nur einzubinden, sondern mit politischen Statements und Formaten aus der Jugendkultur wie etwa den beliebten Poetry-Slams vorne weg zu schicken.

Bereits auf dem traditionellen Marsch des DGB und Vertretern seiner Einzelgewerkschaften von der Zentrale in der Dennewartstraße in die Stadtmitte rund ums Rathaus machte die Gewerkschaftsjugend mit Transparenten und Parolen viel her, das sollte im Laufe des mit politischen Diskussionen angereicherten Familientages der Gewerkschaft so weitergehen. Die Verlegung des Festes vom Markt auf den Katschhof hat sich gleichfalls gelohnt, am Ende versammelten sich hier mehr als 2000 Menschen, um den Tag der Arbeit zu begehen.

Bereits im Vorfeld hatte DGB-Chef Ralf Woelk für die 1. Mai-Feier angekündigt, mit einer langen Tradition aufzuräumen: Es gab keinen programmatischen Mairedner, wie ihn die alten Gewerkschafter seit Jahrzehnten kennen und der üblicherweise die Richtung der künftigen Arbeitskämpfe mit markigen Worten unter die Leute bringt. Stattdessen ging es angesichts der wichtigen Wahlentscheidung bei der Europawahl am 26. Mai zunächst in verschiedenen Gesprächsrunden mit Politikern, Gewerkschaftern und engagierten Gesprächspartner um die Zukunft Europas, auch hierfür ist der Katschhof als Veranstaltungsort zweifellos die richtige Umgebung.

Zum Gewerkschaftsthema „Europa. Jetzt aber richtig!“ gaben zunächst die beiden Euro-Gewerkschafter Stefan Gran vom Verbindungsbüro des DGB in Brüssel und Renaud Rahier vom belgischen Gewerkschaftsverband FGTB Statements ab. Hier dominierte eindeutig die Arbeitnehmer-Forderung zu mehr „sozialem Europa“ (Gran), für das man allerdings bereits viel erreicht habe, stellte Gran heraus.

Für den Belgier Rahier allerdings eine zwiespältige Geschichte: „Wir haben in Belgien bereits einen Mindestlohn, der bei 14 Euro liegt und wir wollen hin zu einer generellen Mindestrente von 1500 Euro“, beschrieb er die doch deutlich höheren Vorstellungen der belgischen Arbeiterschaft in Sachen Sozialstaat.

„Europa - jetzt aber richtig“: Mehr als 2000 Aachener haben sich bei Sonnenschein auf dem Katschhof versammelt. Foto: Andreas Herrmann

Einig war man sich beim Thema Bedrohnung von Rechts: „Die Rechten wollen die Europapolitik der Demokraten zerstören, sonst nichts“, beschrieb er die inhaltslose Antihaltung der antidemokratischen Kräfte.

Die politische Diskussion im Vorfeld der Europawahl führte danach eine bunte Dreiergruppe von Parteivertretern an, die im Tenor alle dasselbe Ziel verfolgten: Zur Wahl gehen, eine Aufforderung, die man gerade an die politisch oftmals radikal abstinente Gruppe der unter 25-Jährigen richtete. Hier machte insbesondere eine schillernde junge Europäerin Druck, die als Kandidatin für das Europäísche Parlament

auf Platz vier der Bundesliste der neuen europaweiten Parteigruppierung „Volt“ aufgestellt wurde. Eileen O'Sullivan heißt die junge Studentin (23) aus Frankfurt, die den pragmatischen Ansatz ihrer neuen Partei den Zuhörern auf dem Katschhof beschrieb. Sie habe einen irischen Vater und eine türkische Mutter, leben in Frankfurt, beschrieb sie ihre gesamteuropäische Vita. Auch deswegen trete sie in einer Partei an, die jetzt in jedem EU-Land existiere und die in acht Mitgliedsstaaten der EU Kandidaten für den Urnengang in der letzten Maiwoche aufgestellt habe.

Mit in der Talkrunde diskutierten der Aachener Bundestagsabgeordnete der Linken, Andrej Hunko, und der in der Städteregion beheimatete Europarlamentarier der SPD, Arndt Kohn. Der Stolberger forderte für den Wahltag am 26. Mai nochmals ein „deutliches Signal gegen Rechts“, man dürfe den Populisten keinesfalls das Feld überlassen.

Aktives Handeln gegen Rechts

Man sehe an den Folgen der Brexit-Verhandlungen, dass jene Populisten ohne Gewissen „falsche Rezepte“ unters Volk bringen. Anstatt den eingeforderten Kontrollverlust verursacht durch angeblich entfernte europäische Entscheidungsebenen zurückzuholen, stürzen gerade jene Kräfte die Gesellschaft „in einen gefährlichen politischen Kontrollverlust“, wie man ihn gerade in Großbritannien erlebe.

Hunko betonte, man sehe aktuell bei den Wahlausgängen etwa gerade in Spanien, dass sich die Rechte zwar in neuen Parteien formiere, dadurch durchaus keine automatischen Mehrheiten entstünden, Hunko: „Wir dürfen nicht weiter wie das Kaninchen auf die Schlange starren“, sagte er und rief gleichermaßen wie sein SPD-Kollege zum aktiven Handeln gegen Rechts auf. Als viertes Mitglied in dieser Runde war die CDU-Europaabgeordnete Sabine Verheyen (Aachen) vorgesehen, sie hatte abgesagt.

Während der politischen Statements auf der Katschhofbühne, di von DGB-Chef Woelk moderiert wurden, ging das muntere Treiben an den einzelnen Ständen weiter, es gab wieder reichlich internationale Küche, die die Mitglieder aus den verschiedenen Nationalitäten anbieten.

Im Dom nahen Bereich des Katschhofes hatten die Parteien von der SPD über Volt, der den Piraten, der Linken bis zu den Grünen ihre Stände aufgebaut. Den neuen Aachener SPD-Chef Matthias Dopatka fand man etwas versteckt im Zelt der „jungen Gewerkschafter“ von Verdi, hier versah der Gewerkschaftssekretär seinen normalen Dienst am Ehrentag der Arbeiterbewegung.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Statt langer Reden buntes Familienfest

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