Aachen: Medizinstudium: Experten fordern Reform der Zulassung

Aachen : Medizinstudium: Experten fordern Reform der Zulassung

Was sagt die Gesamtnote 1,0 auf dem Abitur über die Persönlichkeit eines Studienanfängers aus, über seine Entwicklungsmöglichkeiten, Belastbarkeit und nicht zuletzt über den voraussichtlichen Verlauf eines Medizinstudiums?

Die Note verrät nur, dass er einen funktionierenden Verstand hat, den er im Laufe seiner Schullaufbahn erfolgreich eingesetzt hat. Psychologische Testverfahren verlangen daher Experten im Rahmen einer Neugestaltung des Zulassungsverfahren zur Humanmedizin.

Der Vorsitzende des Marburger Bunds, Rudolf Henke, spricht am 26.05.2014 während einer Pressekonferenz in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen). Der Marburger Bund äußerte sich im Vorfeld des 117. Deutschen Ärztetags, der am 27.05.2014 beginnt. Foto: dpa

Wenn das Bundesverfassungsgericht zu den eingeklagten Wartezeiten verhandelt, wird das eher als Versuch gesehen, die Folgen einer problematischen Situation zu bearbeiten, die sich grundsätzlich ändern müsste. Dann aber auf einer gesetzlich klaren und für alle Bundesländer verbindlichen Grundlage.

„Die Anrechnung von Wartezeiten ist in erster Linie keine akademische Frage, sondern eine Frage des gesellschaftlichen Konsenses“, beurteilt Professor Dr. Aloys Krieg, Prorektor für Lehre an der RWTH Aachen, die Situation. „Die Gesellschaft will, dass Wartezeit angerechnet wird, jetzt muss geklärt werden, ob die Länge der Wartezeit gegen das Grundgesetz verstößt.“

Er selbst könnte sich andere Wege vorstellen. „Es gibt andere Modelle, bei denen Gespräche mit den Bewerbern und Testungen durch Psychologen im Vordergrund stehen. „Das kann ich mir alles sehr gut vorstellen“, betont Krieg. „Das Problem ist: Wir haben dafür nicht die Kapazität. Diese Einsätze müssten wir von der Lehre abziehen.“

Mit Blick auf die USA meint der Prorektor: „Dort wird getestet, aber das ist ein großer organisatorischer Aufwand, schließlich müssen zuverlässige Vergleichskriterien angewendet werden.“ Das Super-Abitur ist für ihn lediglich ein Signal dafür, dass sich diese Bewerber effizientes Arbeiten angeeignet haben, was auch einem Studium der Medizin entgegenkommt.

„Eine Universität, der 2800 Bewerbungen auf 60 Studienplätze vorliegen, wie bei uns in der Psychologie, ist schlicht überfordert. Gespräche müssten ja zudem einer gerichtlichen Überprüfung standhalten.“ Was er gar nicht schätzt: „Gut betuchte Leute, die sich mit Hilfe ihrer Anwälte an allen anderen Bewerbern vorbei in ein Studium einklagen!“

Soziale Kompetenz beurteilen

Auch Rudolf Henke, Vorsitzender der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, sieht in der Note 1,0 durchaus eine „tolle Leistung“ sowie die Hoffnung, dass so ein Bewerber unter anderem für die naturwissenschaftlichen Disziplinen gut vorbereitet ist. „Bei solchen Medizinstudenten darf man sogar hoffen, dass sie die Regelstudienzeit einhalten“, meint Henke im Gespräch mit unserer Zeitung.

Doch er stellt gleichzeitig die Frage: „Woher wollen wir wissen, ob er oder sie es schaffen, rund 35 Jahre in einem helfenden Beruf zu arbeiten? Ob sie soziale Kompetenz haben, im Team arbeiten können, es aushalten, in stressigen Situationen richtige Entscheidungen zu treffen, einem hohen Druck zu widerstehen?“ Hier fordert Henke, den Aspekt einer ethischen Grundorientierung stärker einzubeziehen. „Es ist wichtig, dass später jemand so aufrecht ist, dass er sogar mit wirtschaftlichen Aspekten eines Krankenhauses umgehen kann, dass er für den Patienten entscheidet.“

Wartezeiten, meint Henke, dürfen nicht länger sein als das gesamte Studium. Auch er kann sich psychologische Testungen bei der Auswahl der Bewerber vorstellen. „Wenn sich jemand bei der Bundespolizei oder bei der Bundeswehr bewirbt, gibt es Assessment-Verfahren, die mehrere Tage lang dauern“, sagt Henke. „Hier kommen viele Dinge zutage, die die Belastbarkeit und Reife eines Bewerbers betreffen. Psychische Probleme fallen gleichfalls auf, aber der Aufwand ist extrem.“ Henke plädiert dafür, auch Studienplatzbewerbern mit einem Notendurchschnitt jenseits der 1,0 ein Medizinstudium zu ermöglichen. Und er fordert mit Nachdruck: „Wir brauchen mindestens 1000 weitere Studienplätze!“

Eine dringende Reform des Zulassungsverfahrens zum Medizinstudium fordert Professor Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer. „Wer in der Schule mühelos gelernt hat, kann das auch im Medizinstudium. Aber zum Arztsein braucht es mehr“, betont Montgomery, der von mehr jungen Ärzten die Bereitschaft erwartet, etwa aufs Land zu gehen, wo Hausärzte dringend benötigt werden. Universitäten sollen, so Montgomery, mit neuen Verfahren „wissenschaftliche Begleitforschung und Evaluation“ betreiben — auf einer rechtlich abgesicherten Basis.

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