Aachen: Mathieustraße: Aus Verbrennungsanlage wird Kraftwerk

Aachen: Mathieustraße: Aus Verbrennungsanlage wird Kraftwerk

An der Spitze zu liegen, ist das Ziel. Auch im Bereich Energie und Abgasreduzierung. „Aachen wächst geplant und sehr erfolgreich. Wir müssen auch da Vorbild sein“, formulierte es Oberbürgermeister Marcel Philipp in einem hochkarätig besetzten Termin im TH-Erweiterungsgebiet Seffent/Melaten.

Die dortige, längst ausrangierte Müllverbrennungsanlage an der Mathieustraße, nicht weit von der Feuerwache Nord und in den 1970er Jahren errichtet, wird deshalb für 15 Millionen Euro zum größten und modernsten Blockheizkraftwerk Aachens ausgebaut — mit je zehn Megawatt elektrischer und thermischer Leistung. Die Wärme wird zur Hälfte in das Netz der RWTH gespeist, die andere für Gebäude im Westen Aachens genutzt, insbesondere den Campus Melaten.

„Die Hochschule wächst, und mit jedem neuen Forschungsbau steigt natürlich auch der Wärmebedarf“, erläuterte RWTH-Kanzler Manfred Nettekoven. Derzeit wird das alte Betongebäude entkernt, um Platz für Motoren und Generatoren des Heizkraftwerks zu schaffen. Daneben werden eine Trafostation sowie zwei Wärmespeicher mit einer Höhe von imposanten 30 Metern errichtet, die mit ihrem jeweils 330 Kubikmetern Wasserinhalt Schwankungen im Verbrauch ausgleichen können.

40 Millionen Kilowattstunden Strom und 40 Millionen Kilowattstunden Wärme wird die Anlage jährlich erzeugen, 11.500 Haushalte könnten so (theoretisch) mit umweltfreundlichem Strom versorgt werden. Immerhin hat das Werk einen Gesamtwirkungsgrad (der eingesetzten Primärenergie) von 89 Prozent, ältere Anlagen kamen nicht einmal auf die Hälfte.

Versorgung wird dezentraler

Die Energieversorgung werde dezentraler und nachhaltiger, erläuterte Stawag-Vorstand Christian Becker. Dafür brauche man nicht nur Strom aus erneuerbaren Energien, sondern auch eine nachhaltigere Wärmeversorgung, weshalb man auf die Kraft-Wärme-Kopplung und Nahversorgung setze. „So spart das hier von uns eingesetzte Blockheizkraftwerk 48 Prozent CO2 gegenüber einer herkömmlichen Energieversorgung ein.“

Mit den zehn Megawatt liefert die neue Anlage knapp 15 Prozent der benötigten Fernwärme in Aachen, der Hauptanteil kommt nach wie vor vom Kraftwerk Weisweiler, der Rest aus kleineren Anlagen. Man müsse sich aber darauf vorbereiten, dass die Verbrennung von Braunkohle irgendwann zu Ende gehe, sagte Becker weiter: „Das hier ist ein ganz wesentlicher erster Schritt dazu.“ Finanziert werde die Anlage aus eigenen Mitteln, mit Zuschüssen im laufenden Betrieb: „Wir müssen dieses Jahr noch fertig werden.“

Die Stawag als Dienstleister profitiere von der RWTH, weil die Absolventen, die man einstelle, vielfach dort studiert hätten und sich in den Innovationen etwa beim Ausbau regenerativer Energieerzeugung auskennen, erläuterte Becker. Schließlich gebe es noch die besondere Lage Aachens im Talkessel, aus dem Emissionen möglichst herausgehalten werden sollten. Kaufmännisch ist das „ganz wichtige und ambitionierte Projekt“ auf 20 Jahre angelegt, technisch könne es aber auch 40 oder 50 Jahre halten.

Die totale Energiewende ist damit natürlich noch nicht geschafft. Das Kraftwerk wird schließlich durch Erdgas gespeist, das ja noch aus der Erde kommt und endlich ist. Man arbeite aber intensiv an einem Wasserstoffantrieb, erläuterte Prof. Manfred Wirsum, Leiter des Instituts für Kraftwerkstechnik, Dampf- und Gasturbinen, in dessen Gebäude die Pressekonferenz stattfand.

Forschen mit Wasserstoff

Er hoffe, dass man diese Technik irgendwann in das Blockheizkraftwerk einbauen könne: „Wasserstofftechnik steht im Mittelpunkt unserer Forschung. Einen Prototyp haben wir schon entwickelt.“ Das sei dann ein weiterer Schritt auf dem Weg, irgendwann einmal komplett emissionsfrei zu werden.

Mehr von Aachener Nachrichten