Aachen: Marianne Conradt: „Ein Gesicht“ für den Bezirk Aachen-Mitte

Aachen: Marianne Conradt: „Ein Gesicht“ für den Bezirk Aachen-Mitte

Es war ein Traumergebnis. 17 von 19 stimmten für sie. Als die Bezirksvertretung Aachen-Mitte am 11. Juni sie über Parteigrenzen hinweg fast einvernehmlich zur Bezirksbürgermeisterin wählte, hat „das einheitliche Bild“ die CDU-Politikerin Marianne Conradt „riesig gefreut“. Die 62-Jährige ist die erste Frau in diesem Ehrenamt in Aachen-Mitte.

In der Bezirksvertretung agiert Marianne Conradt ruhig, unaufgeregt, sachlich. Freundlich zu allen. Die Mutter von fünf Töchtern hat das Ausgleichende allerliebst drauf. Es geht ihr um ein „kollegiales Verhältnis“ in der „B0“, wie die Bezirksvertretung Mitte im Amtskürzel heißt. Von ihr kommt kein böses Wort. Mag sprichwörtlich auf den groben Klotz der grobe Keil gehören — ihr Ding ist das nicht. Sie klotzt nicht, sie keilt nicht, sie poltert nicht. Über in ihren Augen politisch Törichtes kann sie sich manchmal „wundern“, und das ist schon höchster Ausdruck der Missbilligung. „Politische Scharmützel“, bekennt sie, „bewundere ich, die geben dem politischen Geschäft Würze — aber ich kann das nicht.“ Was sie aber kann, ist „für eine Sache lange kämpfen“, sagt sie. Sanft, hartnäckig. Aber immer kompromissfähig, so es der Sache dient. Manchmal merkelt sie, ganz „Mutti“ eben.

„Im Moment bin ich voller Eifer. Ich hoffe, der bleibt mir erhalten“, freut sich Marianne Conradt auf das neue Amt.

Der Lieblingsort: Es gibt mehrere. Familie Conradt wohnt in der Nizzaallee. Die nahe Pontstraße „mit ihrem studentischen und mediterranen Flair“ rangiert bei der Bürgermeisterin ganz oben. Das Südländische genießt sie sommers auch rund um Dom und Rathaus. Über den früheren Klosterplatz zu spazieren, den neuen Papst-Johannes II.-Platz, „macht schon Spaß“.

Vollends ins Schwärmen aber gerät Marianne Conradt über ihre Neuentdeckung: „Vom neuen Park des Ludwig-Forums an der Jülicher Straße bin ich einfach nur begeistert. Lauschige Ecken, neue Sträucher, Pflanzen, Beeren, zum Pflücken, zum Essen — überall lädt der Park zum Verweilen ein. Vier Jahre hat es gedauert, ihn herzurichten, nun ist er wunderschön. Ich kann jedem den Besuch nur empfehlen.“ Überhaupt gefallen ihr die vielen Parks in Aachen. Sie staunt und genießt es immer wieder: „Aachen ist schon eine grüne Stadt.“

Das größte Problem: „Da sind wir aber auch schon bei einem Problem“, sagt Marianne Conradt, wenn sie von den Parks spricht. Nicht das ärgste, aber „Anwohner und Nutzer kommen schon mal in Konflikt miteinander“, umschreibt die Bürgermeisterin behutsam vielfachen Ärger, wenn die einen sich in freier Natur „ausleben“ und die anderen nur ihre Ruhe haben wollen. Die Bezirksvertretung werde sich „bis zum nächsten Sommer dazu konkrete Gedanken machen“. Auch darüber, ob sich in Aachen die Idee aus München vom „Silencer“ umsetzen lasse. Der Begriff kommt aus dem Englischen und meint einen „Ruhestifter“. Schäumt in Parks die Feierlaune lärmend über, soll der Konfliktvermittler zur Rücksicht mahnen.

Viel schwieriger ist für Conradt die Situation am Adalbertsteinweg. „Wir müssen ein Auge drauf haben, dass der nicht einer einzigen kulturellen Gruppe überlassen bleibt. Wir müssen dort die Mischung im Einzelhandel stärken, er darf nicht nur von Wettbüros und ähnlichen Dingen überlagert werden“, beschreibt sie — wieder vorsichtig — eine Entwicklung, die von Alteingesessenen als katastrophal bezeichnet wird.

Um den innerstädtischen Einzelhandel insgesamt müsse sich gekümmert werden. „Aquis Plaza am Kaiserplatz ist eine Riesenchance für Aachen, es wird ein Magnet sein, überdachte Passagen sind das Einkaufen der Zukunft“, glaubt Marianne Conradt. Sie lässt das große Aber gleich folgen: „Aber wir müssen ein Konzept überlegen, damit andernorts in der Stadt die Geschäfte nicht ausbluten und sterben.“ Das gelte für die Großkölnstraße wie für die „Zeile rund ums Theater“. Sie habe kein Konzept, bekennt die CDU-Politikerin, aber um Standorte zu sichern, sei auch Kreativität gefragt. Wie etwa in der Annastraße, wo es viel Eigeninitiative gibt und die Geschäftsleute zum jährlichen Straßenfest einladen.

Zu den wichtigen Aufgaben der innerstädtischen Entwicklung zählt für die Bürgermeisterin das Revier rund um die Antonius­straße. „Das darf auf keinen Fall aus den Augen verloren gehen.“ Ob der jahrzehntelangen Hängepartie um das innerstädtische Filetstück klagt sie seufzend: „So viele Konzepte haben uns in der Bezirksvertretung schon vorgelegen, doch alle Investoren sind immer wieder abgesprungen.“

Eine Herausforderung für die Stadt bleibe das Thema „Individualverkehr — Öffentlicher Personennahverkehr“. Nach dem Nein der Bürger zur Campusbahn seien die Probleme ja nicht gelöst, im Gegenteil: „Sie werden drängender, wir können nicht warten“, mahnt Conradt. Auch die B0 komme an den innerstädtischen verkehrs- und umweltpolitischen Fragen nicht vorbei. „Wir können als Bezirk darauf hinweisen, dass der Stadtrat ein Konzept erstellen muss“, weiß sie gleichwohl um die Grenzen der bezirklichen Macht.

Die Waldsiedlung Preuswald ist für die Bezirksbürgermeisterin „ein Grundsatzthema“. „Verschiedene Dinge sind nicht gut gelaufen“, geht sie die Dauer-Misere einmal mehr mit höflich-sanften Worten an. Zwar habe die Bezirksvertretung keine Möglichkeit, „Grundlegendes zu ändern“. Doch werde sie nicht aufhören, auf die Probleme hinzuweisen.

Die besten Aussichten: „In der Stadt tut sich an ziemlich vielen Ecken etwas“, weist Conradt auf Fortschreitendes und Verschönertes hin. Siehe „Aquis Plaza“ am Kaiserplatz und — sie kann sich nicht oft genug begeistern — der Erlebnispark Ludwig-Forum. Potenzial, etwas zu verändern, stecke in allen aufgezählten Problemen — ÖPNV, Adalbertsteinweg, Preuswald, Büchel, Einzelhandel.

Etwas Neues will Marianne Conradt auf jeden Fall wagen. Es hat direkt zu tun mit ihrem Credo, „immer ein offenes Ohr für die Bürger zu haben“. Nach der Wahl zur Bezirksbürgermeisterin hat sie als erstes gefragt: „Wo ist mein Büro?“ Es gab keins, zu ihrem großen Erstaunen. Von den Vorgängern hat wohl keiner nach so etwas gefragt. „Ich möchte das jetzt aber“, bestand Marianne Conradt auf einem eigenen Büro. Im Rathaus waren dann auch alle „sehr entgegenkommend, meine Frage ist gar nicht komisch angekommen“, freut sie sich über ihren gelungenen Vorstoß.

So geschieht es denn. Nach den Sommerferien startet die Bezirksbürgermeisterin im neuen Büro im Verwaltungsgebäude Katschhof mit einer regelmäßigen Sprechstunde. Sie will für die Innenstadt „ein Gesicht“ sein. „Die Bürger sollen zu mir kommen, mich kennenlernen und Lob oder Tadel anbringen können. Es soll persönlich sein“, wünscht sich Conradt.

Sie sieht „die Schwierigkeiten der Bürger, uns wahrzunehmen“. „Uns“, den Bezirk Aachen-Mitte neben einem mächtigen Stadtrat zu bemerken. Aachen-Mitte ist von der Geschichte her anders als die Bezirksvertretungen „draußen“. Die stehen quasi für die Gemeinderäte der einst selbstständigen Orte Haaren/Verlautenheide, Brand, Eilendorf, Kornelimünster/Walheim, Richterich, Laurensberg. Die sechs sind ge- und begründet in ihren historischen Wurzeln. Zusammen zählen sie rund 90 000 Einwohner. Die Bezirksvertretung Mitte kommt auf mehr als 160 000. Es ist das Gebiet der alten Stadt, und hier hat von alters her der Rat alle Dinge gestemmt. Frage also: Ist eine zusätzliche Bezirksvertretung Aachen-Mitte nicht vollkommen „überflüssig“? Wer derart ketzerisch hinlangt, kriegt, was bei Marianne Conradt nicht überrascht, eine nachdenkliche Antwort: „Das Wort nehme ich nicht in den Mund. Aber mit der Thematik habe ich mich auch schon auseinandergesetzt.“

Auch wegen solcher Fragen will sie das eigene Bürgermeister-Büro. Es soll helfen, Aachen-Mitte in der Bürgerschaft bewusster zu machen. Die Aufwertung von Kinderspielplätzen und Turnhallen „mit unseren bescheidenen Mitteln“, sagt Marianne Conradt, zähle beispielsweise zu den „originären Aufgaben“ der B0. Der Rat sei damit überfordert. „Für solche Aufgaben bedarf es eines kleineren Gremiums. Das sich der alltäglichen Dinge und Probleme annimmt. Das einen Blick drauf hält und entsprechende Beschlüsse umsetzt“, ist die Bezirksbürgermeisterin überzeugt.

Derzeit studiert Marianne Conradt haufenweise Protokolle aus Rat, Ausschüssen und Bezirk. Sie rennt in Sitzungen, in die sie gar nicht muss. „Damit ich weiß, was läuft denn so“, erklärt sie die sich auferlegten Hausaufgaben.

Nach den großen Ferien wird es ernst. Am Mittwoch, 27. August, tritt die B0 unter Vorsitz „der Neuen“, Bezirksbürgermeisterin Marianne Conradt, zusammen.