1. Lokales
  2. Aachen

Aachen: Mariahilfstraße: Die Albinobuche ist zersägt und abgefahren

Aachen : Mariahilfstraße: Die Albinobuche ist zersägt und abgefahren

Naturdenkmal Nummer 126 ist endgültig Geschichte. Der einst gut 30 Meter hohe Albino unter den Buchen — in handliche Stücke zersägt und in einem Container weggefahren. Aber es musste sein, war höchste Eisenbahn den alten Baum per Menschenhand und Maschinenkraft zu entwurzeln, sonst hätte dafür in naher Zukunft womöglich der Riesenporling gesorgt.

Dann allerdings unkontrolliert. Am Pilz war es, das Schicksal der Buche an der Mariahilfstraße zu besiegeln und er tat das mit ... nun, auf Pilzniveau darf man wohl von Pauken und Trompeten reden.

Die Buche schwebt am 90 Tonnen-Kran. Nach 120 Jahren ist der Baum an der Mariahilfstraße gestern gefällt worden. Der Riesenporling hat ihm den Garaus. Foto: Andreas Herrmann

„Kommen Sie schnell“

Die Buche schwebt am 90 Tonnen-Kran: Nach 120 Jahren ist der Baum an der Mariahilfstraße gestern gefällt worden. Der Riesenporling hat ihm den Garaus gemacht. Foto: Andreas Herrmann

Bäume wie jene Buche werden von Mitarbeitern des Fachbereichs Umwelt regelmäßig kontrolliert, erklärt Wolfgang Kirch. In diesem Fall war es jedoch ein Anruf des Baumbesitzers, der den Stein ins Rollen brachte. Der meldete sich bei Kirch vor nicht allzu langer Zeit mit den Worten: „Herr Kirch, kommen Sie schnell. In meinem Garten sieht es aus wie nie zuvor.“

Und tatsächlich: Am Boden wucherte einmal um den großen Baum herum der Fruchtkörper des Porlings wie ein Krebsgeschwür aus dem Stamm heraus. Kirch ahnte, wie es in der Wurzel aussehen musste, und dass sie nicht mehr lange und schon gar nicht mehr viel halten würde. Also gab es nur eine richtige Entscheidung: Profis engagieren, die mit Sägen und schwerem Gerät der Gefahr den Garaus machen.

Das geschah am Donnerstag. Hans-Leo Herpertz — Forstwirt, Baumpfleger, Landschaftsgärtner — rückte mit seinen Mitarbeitern an, ebenso ein 90 Tonnen-Kran, Lastwagen mit Schildern, Gewichten und Container. Das Unvermeidliche verzögerten nur ein paar mutmaßlich Uneinsichtige hinaus, die ihre Autos im Vorfeld nicht aus der Sperrzone gefahren hatten. Um sie kümmerten sich Mitarbeiter des Ordnungsamts und eines Abschleppdienstes. Dann begannen die Ketten der Sägen das Rasseln.

Etwa 9.15 Uhr am Morgen war das. Wenig später war die Buche ihrer Krone beraubt. Unwissende Beobachter auf dem Bürgersteig mag die Szene an eine chirurgische Operation im großen Maßstab erinnert haben. Die Mariahilfstraße ist eine recht schmale Nebenstraße, die gegenüber des Neuen Kurhauses von der Monheimsallee abzweigt.

Der Mann, der in etwa 30 Metern Höhe mit Motorsäge durchs Geäst mal schwebte, mal kletterte — Lennart Herpertz (22) — musste acht- und dem Kranfahrer durchgeben, welche geschätzten Gewichte die Äste wohl haben, an denen er die Ketten des Krans befestigte. Zu wenig, und der Ast würde nach dem Abtrennen vom Ausleger des Krans wie von einem Katapult in Richtung Bastei geschleudert.

Zu viel, und der Kran würde umstürzen wie ein final getroffener Schwergewichtsboxer. Eine Aufgabe, die man sicher nicht leichtfertig in ungeübte Hände legt. Lennart Herpertz ist „European Tree Worker“ — ein Titel, für den er unter anderem 1200 Kletterstunden und das Vermögen, im Geäst mit der Motorsäge umgehen zu können, nachweisen musste.

Der Baum, der ging, war eine Buche. Aber auch hier lohnt es, genauer hinzusehen. Kirch: „Genetisch gesehen handelt es sich um eine Rotbuche, erkennbar an dem rötlichen Holz.“ An der Farbe der Blätter aber sei erkennbar, dass eine Pigmentveränderung vorliege. Das mache sich in einer veränderten Farbe der Blätter bemerkbar, die im Frühjahr verschiedene Stufen von rot hätten und gegen Herbst wieder grün oder gräulich würden. Diese Variante der Rotbuche werde Blutbuche genannt. „Sie können sich das in etwa so vorstellen, wie ein Albino in der Tierwelt.“

Ab in den Häcksler

Ob Rot- oder Blutbuche — der Baum ist weg und kommt nicht wieder. Was in Kirchs Augen bleibt, ist die Hoffnung, dass der Riesenporling nicht auch den ebenso hohen Ahorn infiziert hat, der vermutlich mit der Buche gemeinsam vor rund 120 Jahren in jenem Garten gepflanzt worden war und seiner Nachbarin all die Jahre wenige Meter entfernt Gesellschaft geleistet hatte.

Naturdenkmal Nummer 126 hat seine letzte Reise angetreten. Das kleinere Material wird seinen Weg in einen Häcksler finden. Das große Material wird aufgearbeitet und als Brennholz verkauft. Und wer immer an den kommenden kalten Winterabenden mit Wein und Wälzer am Kamin verbringt, mag einen Gedanken oder zwei an den Baum verschwenden, der nach 120 Jahren am Riesenporling scheiterte und nun vielleicht im eigenen Kaminfeuer knistert.