Lokalredaktion Aachen nimmt Stellung zu Plänen für Regio-Tram

Eine Regio-Tram für Aachen : Neue Argumente für die Stadtbahn

Scheitern und Erfolge: Die Straßenbahn in Aachen

Vor sechs Jahren wurde die Stadtbahn per Bürgerentscheid aufs Abstellgleis gefahren. Jetzt will die Politik einen zweiten Anlauf mit der Regio-Tram starten. Argumente für die Schiene hat die Lokalredaktion zusammengetragen. Wie ist Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit!

Endlich wieder eine Tram in der Stadt? Die Lokalredaktion Aachen sieht in diesen Bestrebungen großes Potenzial.

Echte Mobilitätswende

Das Votum vor sechs Jahren war so deutlich wie unglücklich. Knapp 55.000 Aachener bugsierten die Stadtbahn aufs Abstellgleis. Aber: 110.000 haben seinerzeit beim Bürgerentescheid (leider) erst gar nicht mitgemacht! Käme es heute zu einer ähnliche Abstimmung (die Brexit-Diskussion lässt grüßen!), das Votum wäre sicher ebenso eindeutig – pro Schiene. Will man umweltfreundlicherer Mobilität die Vorfahrt geben, muss die Schiene reaktiviert werden. Wer glaubt, eine Bahn passe nicht zu Aachen, muss nur einmal über den Tellerrand hinausschauen. Andere Städte machen es vor, wie einfach sich solche Systeme in die Infrastruktur einbinden lassen. Die Entwicklung der Hochschulbereiche am Stadtrand ist ein weiteres Argument dafür, dass innovative Modelle gefragt sind. Aachen will immer Vorreiter sein – dann, bitte, galoppiert los!

Albrecht Peltzer

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Renaissance berechtigt

Eine rumpelige Fahrt in einer lauten Bimmelbahn? Das war einmal. Die moderne Tram ist komfortabel, schnell und macht auch optisch was her. Wer jahrelang in einer Stadt mit einem ausgewachsenen Straßenbahnnetz gelebt hat, kann sich kaum vorstellen, dass 66 Prozent der Aachener gegen die Campusbahn gestimmt haben. Der allgemeine Trend spricht gegen dieses Ergebnis: In Mannheim wird das Streckennetz ausgebaut, in Freiburg ebenso, und in Montpellier wurde 2000 die erste Linie eröffnet, nachdem die Gleise rund 50 Jahre still lagen. Die Tram erfährt eine Renaissance – und das völlig zu Recht. Verkehrsexperten haben berechnet, dass eine Straßenbahn mit 200 Fahrgästen zwei Gelenkbusse und mehr als 150 Autos ersetzt. Letztlich profitieren also alle von der Regio-Tram: die Fahrgäste selbst und auch die verbliebenen Autofahrer, die nicht länger im Stau stehen.

Annika Kasties

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Zentrale Haltestelle für die Straßenbahn war der Elisenbrunnen. Foto: Call Hein

Die Chance nutzen

Wer über die täglichen Staus auf den Straßen schimpft, sollte offen für die einzig richtige und vernünftige Lösung sein, mit der die Verkehrs- und Umweltprobleme schnell und wirkungsvoll eingedämmt werden können. Die Bahn ist vor allem für Pendler das optimale Angebot, in die Stadt zu kommen. Kein anderes Verkehrsmittel kann so viele Menschen so schnell, so zuverlässig, so komfortabel und so sicher befördern. Und während Busfahrpläne viele Menschen orientierungslos zurücklassen, ist das Liniennetz von Bahnen meist leicht verständlich. Auch das ist ein Grund, warum der Schienenverkehr eine besondere Anziehungskraft hat und gerade auch für Touristen so attraktiv ist. Die Aachener haben jetzt eine neue Chance, eine der größten verkehrspolitischen Fehlentscheidungen – die Abschaffung der Tram – wieder gutzumachen. Sie darf nicht wieder vertan werden.

Gerald Eimer

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Enormes Fahrgastpotenzial

Ein halbes Jahrhundert nach der Stilllegung der letzten Straßenbahnlinie Vaals-Brand (1974) könnte die Regio-Tram aufs Gleis gesetzt werden. Die Zeit ist reif.  Allein 66.000 Berufspendler aus Baesweiler, Alsdorf und Würselen bieten enormes Fahrgastpotenzial. Wenn die Tram 2024 flott, bequem und preiswert ist, lassen die meisten ihr Auto zu Hause. Neben positiven ökologischen Effekten sind ökonomische Vorteile realistisch. Die elektrifizierte Bahn könnte in Aachen mitentwickelt, sogar produziert werden. Hochschule, Talbot Services und Elektroautoproduzenten wie e.GO müssten solch ein Vorhaben im Schulterschluss stemmen. Straßen entlastet, Umwelt geschont, Arbeitsplätze geschaffen. Die Aseag müsste nicht einmal ihren Namen ändern. Die Abkürzung steht tatsächlich für Aachener Straßenbahn- und Energieversorgungs-AG.

Robert Esser

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Innovationsmotor

Natürlich geht es um Mobilität und um Umweltdenken. Aber es geht auch um den Innovationsgedanken an sich. Der ist unserer Stadt abseits der Hochschulen in weiten Teilen verloren gegangen. Ein neue Bahn für die Bürger könnte ein Signal des Aufbruchs werden. Aachen kann das auch, kann Systeme realisieren, die in anderen Städten funktionieren. Die Herausforderung muss sein, nicht nur die Lösung der Probleme von heute und morgen, sondern auch die von übermorgen zu bieten. Visionen sind gefragt, Mut lautet das Gebot der Stunde. Die Kompetenz zur Entwicklung dieser Lösungen müsste doch in den Instituten der hiesigen Hochschulen vorhanden sein. Hier hilft nicht der Blick nach hinten auf die selige Tram. Gefragt ist der Blick nach China, nach Japan – wo Lösungen für ganz andere Menschenmengen gesucht und gefunden werden.

Hans-Peter Leisten

Viele Jahre Normalität: Die Straßenbahn in der oberen Adalbertstraße. Foto: Sepp Linckens

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Keine Stadt ohne Bahn

Eine Stadt ohne Bahn ist ein Städtchen. Das ist nicht Aachens Anspruch. Deshalb brauchen wir eine Stadtbahn. Oder besser noch: eine Tram. Welchen Namen man dem Kinde gibt, ist wichtig. Diese bittere Erfahrung haben die Befürworter der Campusbahn gemacht. Campusbahn? Das klang für viele so, als sollten für einen elitären Zirkel die Millionen aller verprasst werden.  Auch wenn dies damals schon unsinnig war: Eine bodenständige Öcher Tram wäre beim Bürgerentscheid nicht so fürchterlich baden gegangen wie die abgehobene Campusbahn. Am Nutzen einer Tram für Verkehr und Umwelt dürfte angesichts allgegenwärtiger Klimadebatten eh nicht mehr ernsthaft gezweifelt werden. Und wer doch noch fremdelt, soll die Sache einfach mal testen – in den vielen Städten mit Straßen- oder Stadtbahn. Passt garantiert auch für Aachen. Ist ja schließlich kein Städtchen.

Oliver Schmetz

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Durchrechnen

Aachen erstickt im Autoverkehr. Das kann man (fast) jeden Tag in der Innenstadt erleben. Auch ein deutlich enger getakteter Linienbusverkehr kann das nur bedingt auffangen. Nun soll die Regio-Tram kommen und Aachen, Würselen, Alsdorf, Herzogenrath und Baesweiler verbinden. 60.000 Pendler könnten laut Prognosen damit auf die Schiene gebracht werden. Wird das Großprojekt umgesetzt, dann fährt die Regio-Tram auf jeden Fall bis zum Bushof. Eine breite politische Mehrheit in Aachen will die Bahn gerne noch weiter fahren lassen, bis hinaus nach Vaals und bis rauf nach Brand. Die Politik hat recht: Diese Überlegungen müssen zumindest angestellt und durchgerechnet werden. Es wäre fahrlässig, hier nicht „groß“ zu denken. Einmal abgelehnt, immer abgelehnt, das kann kein Argument sein. Ja, Aachen braucht die Tram!

Margot Gasper

Nostalgie: Pferdebahnwagen am Kaiserplatz um 1890. Foto: Aseag
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