Literaturkritiker Denis Scheck in Aachen

Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt : Für die Aachener hat Denis Scheck wieder viele Lesetipps parat

Was sind die besten und spannendsten Bücher? Auch in diesem Bücherherbst stellte Denis Scheck in Aachen seine ganz persönlichen Empfehlungen vor.

90.000 Bücher erscheinen jedes Jahr in Deutschland – wie soll man da den Überblick behalten? Gut, dass es Menschen wie den Literaturkritiker Denis Scheck gibt. Seit zwölf Jahren nimmt er interessierte Aachener Ende Oktober mit auf einen Streifzug durch die Gegenwartsliteratur. In diesem Jahr allerdings nicht wie üblich in der Stadtbibliothek – aus „organisatorischen Gründen“ musste die Veranstaltung kurzfristig in die Citykirche verlegt werden.

Die meisten Besucher nahmen es gelassen. Scheck selbst kommentierte den Veranstaltungsort so: „Ich habe die Bezeichnung ,Literaturpapst‘ eigentlich immer weit von mir gewiesen. Aber vor diesem Hintergrund kann man über ,Literaturbischof‘ oder ‚Literaturkardinal‘ diskutieren.“ Dann führte er das Publikum in kurzweiligen anderthalb Stunden durch die Neuerscheinungen.

Wie sich orientieren im Angebot? Die Spiegel-Bestsellerliste tauge da eher wenig als Orientierung, sagte Scheck. Das Wort Bestseller an sich sei schon eine Warnung. Bestes Beispiel sei das Buch des Rappers Kollegah „Das ist Alpha“. Das Buch erreichte bei der Veröffentlichung den Spitzenplatz der Spiegel-Bestsellerliste. Bei ihm, sagte Scheck, bestärke es eher die Ansicht, dass bestimmte Bücher doch weggeworfen gehören.

Taugen Preise als Orientierung? Auch hier sei Vorsicht geboten. Der „wichtigste“ Literaturpreis, der Literaturnobelpreis, versinke gerade in einem Sumpf von Korruption, Vergewaltigungsvorwürfen und Sexskandalen. Sehr viele der wegweisenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, darunter Gertrude Stein, Franz Kafka oder Sergej Nabukov, mussten Zeit ihres Lebens ohne Literaturnobelpreis auskommen.Immerhin verwies Scheck auf den „Literaturnobelpreisträger der Herzen“, den US-Amerikaner Philip Roth. Seine USA-Trilogie sowie andere Werke des im Mai verstorbenen Schriftstellers wurden neu aufgelegt und zählen für Scheck zu den modernen Klassikern der Weltliteratur.

Wer wissen wolle, wohin sich die Literatur des 21. Jahrhunderts entwickele, sollte die Bücher des Chilenen Roberto Bolano und des US-Amerikaners David Foster Wallace lesen. Beeindruckend sei auch der historische Roman „Tyll“ von Daniel Kehrmann, in dem er die Figur des Till Eulenspiegel in die Zeit des 30-jährigen Kriegs versetzt. Für Scheck „das Meisterwerk schlechthin im deutschsprachigen Bereich“ des vergangenen Jahres.

Vierseitige Liste

Im Plauderton führt der Literaturkritiker, bekannt durch TV-Formate wie „Druckfrisch“, durch die Neuvorstellungen. Vier DIN-A4-Seiten umfasste die Liste, auf der sich auch die Neuerscheinungen von Dörte Hansen („Mittagsstunde“, ein Schwanengesang auf das Leben im Dorf), Juli Zeh (Neujahr) oder Wolfgang Haas („Junger Mann“, eine autobiografische Coming-of-Age-Geschichte) oder Maxim Biller („Sechs Koffer“) wiederfanden. Über Maxim Biller sagte Scheck: „Ich verehre ihn, wenn er schmale Bücher schreibt, ich fürchte ihn, wenn er dicke Bücher schreibt.“ Für den Tolkien-Fan Scheck durfte natürlich auch dessen Buch „Der Fall von Gondolin“, herausgegeben und bearbeitet von Sohn Christopher Tolkien, nicht fehlen.

Die Lesung mit Denis Scheck findet jedes Jahr im Rahmen der bundesweiten Bibliothekswoche Ende Oktober statt. Mit rund 1000 Besuchern täglich sei die Aachener Stadtbibliothek die meistbesuchte Kultureinrichtung der Stadt, unterstrich Manfred Sawallich, Leiter der Stadtbibliothek. Auch im nächsten Jahr wird Denis Scheck wieder nach Aachen kommen, dann wohl wieder in der Stadtbibliothek.