Aachen: Linden: „Bei Befangenheit beteiligt man sich nicht”

Aachen: Linden: „Bei Befangenheit beteiligt man sich nicht”

Am Tag nach der Entscheidung spricht der Aufsichtsrats-Chef der Aachener Alemannia. Jürgen Linden lässt im Gespräch mit den Redakteuren Bernd Mathieu, Christoph Pauli und Bernd Büttgens keinen Zweifel daran, dass er die Hilfe der Stadt Aachen bei der Beschaffung einer Bürgschaft für absolut richtig hält.

Eigene Fehler erkennt er nicht, die Liquiditätsprobleme erklärt er mit der Wirtschaftskrise, fehlenden Fernsehgeldern und mangelndem sportlichen Erfolg.

Herr Linden, wer hat die Alemannia in diese Situation gebracht?
Linden: Der Stadionbau ist eine komplexe Geschichte. Alemannia hatte im Jahr 2005 einen positiven Lagebericht. Der Wirtschaftsprüfer hat uns darin geraten, ein neues Stadion zu bauen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Stadt und Investoren standen nicht zur Verfügung, also hat der Verein sich die Frage gestellt, ob er das Projekt stemmen kann.

Die Alemannia hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC mit einer Realisierungsstudie beauftragt. Ergebnis: Der Stadionbau ist dann möglich, wenn er vom Land mit einer Bürgschaft abgefedert wird und wenn bestimmte Parameter auf der Einkommensseite eintreffen. Bauvolumen war 50 Millionen Euro, davon 10 Millionen als Eigenkapital.

Für das Vorhaben wurde die Lizenzspielerabteilung ausgegliedert in eine GmbH, die ihrerseits eine Stadion GmbH gründete mit einem eigenständigen Geschäftsführer und einem kompetent besetzten Aufsichtsrat, der sich um den Stadionbau kümmern sollte. Zudem wurde eigens für das Projekt ein Bauingenieur eingestellt. Das war das Grundgerüst.

Und das ist schnell hinfällig geworden?
Linden: Es ist an wenigen Stellen verlassen worden, weil Mehrkosten eintraten, für die wir jeweils die angestrebten Deckungssummen im Budget gebildet haben.

Der Geschäftsführer sagt, dass sich die Kosten von 50 Millionen nur auf den Stadionbau bezogen haben. Die Summe sei eingehalten worden. Dann seien Posten aufgetaucht, die nicht besprochen waren und vorfinanziert wurden.
Linden: Richtig, aber die Ausschreibung, die Gebühren für die Bankbürgschaft, der Wettbewerb für den Bau, die Beraterkosten sind dazu gekommen. Das sind keine reinen Baukosten, aber sie werden dem Bau zugeordnet.

Wieso gibt es keine klare Absprache zwischen Stadt und Klub?
Linden: Der Trennungsstrich ist klar gezogen worden. Der gesamte Rat hat damals erklärt, die Stadt beteiligt sich nicht an dem Bau, die Stadt übernehme die Umfeldkosten.

Geschäftsführer Frithjof Kraemer sagt zum Beispiel, dass die etwa eine Million Euro an Rodungskosten nicht geregelt gewesen seien.
Linden: Im notariellen Erbbaurechts-Vertrag zwischen der Alemannia GmbH und der Stadt ist schriftlich geregelt, dass Alemannia dies „auf eigene Kosten” zu beseitigen hat. Die Stadt muss mit einem Partner wie Alemannia wie mit jedem anderen Investor umgehen. Die zuständigen Beamten sind erfahren und verfolgen den Gleichbehandlungsgrundsatz.

War es in dem Projekt nicht ein Fehler, einerseits OB der Stadt Aachen und gleichzeitig Aufsichtsrats-Chef des Klubs zu sein?
Linden: Ohne meine Impulse wäre das Stadion nicht gebaut worden. Als wir 2005 starteten, wusste jeder, welche Funktionen ich hatte. Solche Konstellationen hat man häufig, dafür gibt es glasklare Regeln. Bei Befangenheit beteiligt man sich nicht. So wurde es gehandhabt.

Waren Sie an dem zitierten Erbbaurechts-Vertrag auch nicht beteiligt?
Linden: Weder im Ausschuss, im Rat noch bei Alemannia. Ein Vertrag ist ein operatives Geschäft. Die Verhandlungen führten der Geschäftsführer und Beamte. Der Vertrag ist im Aufsichtsrat abgesegnet worden - ohne meine Beteiligung.

Das Projekt ist unter einem großen Zeitdruck entstanden. Hat es nie die Situation gegeben, dass der damalige OB mal die Dinge schnell mit dem Aufsichtsrats-Chef geregelt hat?
Linden: Im Verhältnis Stadt zu Alemannia nein, im Verhältnis zu Dritten konnte ich meine Funktion nutzen. Die wesentliche Beteiligung des OB war es, die Flächen zu akquirieren. Dafür waren mehr als 150 Stunden Beratung mit den Nachbarn notwendig.

Ihr Geschäftsführer hat aufgelistet, dass der Verein etwa mit 2,7 Millionen Euro für die Stadt in Vorleistung getreten ist. Widersprechen Sie ihm in allen Punkten?
Linden: Das kann ich nicht, weil ich die Absprache nicht kenne, ich war nicht dabei.

War der Geschäftsführer zu naiv, als er auftauchende Probleme schnell gelöst hat und damit Kosten übernommen hat, auf denen der Klub jetzt sitzen bleibt?
Linden: Ich betrachte das absolut nicht als naiv. Wir standen vor zeitlichen Problemen, die gelöst werden mussten. Eine Familie, die baut und auf unvorhergesehene Probleme stößt, stoppt auch nicht den Bau, sondern sucht nach Lösungen.

Wie kommt es zu dieser Finanzierungslücke?
Linden: Wir haben erhöhte Nebenkosten von etwa drei Millionen Euro. Beim Parkhaus ca. 750.000 Euro. Eine Million Beraterkosten für das Bürgschaftsverfahren, den Wettbewerb, die Ausschreibung rund 450000 Euro. Dazu kommen die Gehälter für die Stadion GmbH. Das macht unterm Strich etwa drei Millionen Euro aus.

Die finanzielle Problematik ist dem Aufsichtsrat seit Jahren bekannt. Warum hat man die Dinge so laufen lassen?
Linden: Die Probleme haben sich in den letzten Jahren schrittweise ergeben. Die Alternative, das Projekt zu stoppen, gab es nicht. Wir haben deshalb nach Deckung auf der Einnahmenseite gesucht.

Welche Ideen hatten Geschäftsführung und Aufsichtsrat dafür?
Linden: Die technische Innenausstattung für das Stadion hätte gekauft und direkt finanziert werden sollen. Wir wollten stattdessen mit einem Leasingverfahren eine Million Euro sparen. Leider gehört es zu den Folgen der Bankenkrise, dass dieses Leasinggeschäft vor einem Jahr nicht zustande kam. Jetzt gibt es das Angebot erneut. Wir haben einen weiteren Verlust von einer Million Euro, weil die TV-Verträge nach der Kartellamtsentscheidung bescheidener ausgefallen sind. Und die dritte Million ist auf dem Platz verspielt worden.

War es ein Fehler, so zu planen?
Linden: Unter den damaligen Annahmen nicht, in der Rückschau müssen wir sagen, es gab externe Einflüsse, die wir nicht vorhersagen konnten.

Ist die Alemannia zu spät mit den Fakten an die Stadt, an Sponsoren und Öffentlichkeit gegangen? Einige Ratsherren fühlten sich erpresst.
Linden: Das ist mitnichten der Fall, die Parkhaus-Gespräche laufen seit April 2008. Und seit Oktober letzten Jahres sind die Gespräche wegen der Gesamtproblematik mit der Kämmerei aufgenommen worden.

War damals schon die Rede von einer drohenden Insolvenz?
Linden: Ich sehe die Insolvenz zu keinem Zeitpunkt als drohend an. Alemannia besitzt erhebliche Werte wie die Immobilie, um die es geht.

Das klang in der letzten Woche wesentlich dramatischer.
Linden: Wir haben nicht nur einen Wirtschaftsprüfer, der uns begleitet, sondern erfahrene Juristen in diesen Fragen hinzugezogen. Es gibt Liquiditätsengpässe, um die Gehälter von Spielern und Mitarbeitern zu zahlen und die Darlehen zu bedienen. Da wurde es eng. Das war im Herbst absehbar, deswegen sind die Gespräche zeitnah aufgenommen worden. Und jetzt gibt es die Bürgschaft von der Stadt.

Wollten Sie nicht ursprünglich Geld von der Stadt?
Linden: Das hätte die Sache deutlich erleichtert, stand aber letztlich nicht zur Debatte. Bezüglich der Bürgschaft darf man auch mal erwähnen, welchen Stellenwert der Klub für Aachen, ja sogar international hat und welche Leistung es ist, ein solches Stadion umgesetzt zu haben!

Da schwingt der Vorwurf mit, die Stadt hätte mehr leisten müssen.
Linden: Überhaupt nicht, weil es klare Absprachen zu Baubeginn gegeben hat. Diese Absprachen gelten bis heute.

Ihr Geschäftsführer hat permanent betont, wie stark andere Kommunen sich engagieren. Ist das seine Privatmeinung oder auch Ihre?
Linden: Diese Debatte bringt nichts. Wir hatten Gutachten, wonach der Verein in der Lage war, das Projekt alleine zu stemmen. Zudem kann in keiner Stadt ein Repräsentant alleine entscheiden, ob über einen Verein ein Füllhorn ausgeschüttet wird.

Würden Sie als ehemaliger Oberbürgermeister sagen, dass die Stadt Fehler gemacht hat?
Linden: Ich kann keinen erkennen.

Würden Sie als Aufsichtsrats-Chef sagen, dass der Verein Fehler gemacht hat?
Linden: Alemannia hat sich mehrfach von kompetenten Leuten helfen lassen. Einziges Problem ist die Baukostenüberschreitung von drei Millionen bei einem Budget von 50 Millionen. Bei besseren sportlichen Leistungen wäre auch das kein Problem geworden. Es war vielleicht ein Fehler, Herrn Kraemer nicht früher durch eine weitere Kraft zu unterstützen, weil er Gewaltiges zu leisten hatte.

Sehen Sie Anlass für Konsequenzen - zum Beispiel in den Gremien?
Linden: Wir stecken in einer Debatte, dass die organisierten Fans mehr Mitsprache in den Gremien erhalten. Deswegen sind Aufsichts- und Verwaltungsrat um jeweils zwei auf elf Sitze erhöht worden. Der Wirtschaftsprüfer sagt jetzt, dass wir das reduzieren sollen. Über die Satzung entscheidet aber nur der Souverän des Vereins, die Mitgliederversammlung. Wir werden im Juni vorschlagen, mittelfristig den Aufsichts- und Verwaltungsrat von 11 auf 7 zu verkleinern. Wenn das Bauverfahren abgeschlossen ist, werden wir auch den Aufsichtsrat der Stadion GmbH auflösen.

Auf der anderen Seite werden wir aber die Management-Überlastung beenden. Zum Sommer wird ein Prokurist oder ein zweiter Kaufmännischer Geschäftsführer Herrn Kraemer entlasten.

Schließen Sie für sich Konsequenzen aus?
Linden: Alemannia ist für mich Herzblut. Wenn der Verein in Schwierigkeiten ist, müssen alle helfen. Das versuche ich im Rahmen meiner Möglichkeiten. Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich einiges für den Verein in den letzten 20 Jahren geleistet habe und ihm drei, vier Mal in ganz schwierigen Situationen über den Berg geholfen habe.

Sind Sie froh, dass Sie Frithjof Kraemer als Geschäftsführer haben?
Linden: Er leistet eine gute Arbeit.

Schließen Sie aus, dass Alemannia in absehbarer Zeit noch einmal bei der Stadt anklopft?
Linden: Die Konsolidierung beginnt jetzt erst richtig. Wir werden einen Wirtschaftsrat bilden, um ein verbessertes Sponsoring jenseits der Stadtgrenzen zu erreichen. In der Region stehen fast alle ansprechbaren Firmen der Alemannia zur Verfügung. Entscheidend wird sein, ob wir die Zins- und Tilgungslasten für das Stadion von 18 Jahren auf eine längere Periode strecken.

Wo ist die Perspektive?
Linden: Ich habe Vertrauen in Erik Meijer. Beim MSV Duisburg gibt es demnächst nur ein Volumen von fünf Millionen, in Bielefeld wohl noch weniger. Eine Anpassung der Gehälter ist in der 2. Liga notwendig und sinnvoll. Warum sollen wir keine schlagkräftige, leidenschaftliche Mannschaft zusammenstellen können?

Alemannia muss weitere Mittel für das Darlehen aufwenden. Zusätzlich steht 2013 die Rückzahlung der Anleihen an. Zeichnet sich das nächste Problem nicht schon ab?
Linden: In dem Konsolidierungsplan sind beide Aspekte berücksichtigt. Der Wirtschaftsprüfer, der oft für die DFL unterwegs ist, schätzt die Prämissen für das Gelingen des Plans als sehr realistisch ein. Wir haben zum Beispiel besondere Einnahmen aus Freundschaftsspielen, aus Transfers oder aus Pokalspielen bewusst nicht eingesetzt. Das wären dann Puffer. Wir werden auch mit der Stadt über weitere Synergien sprechen.

Sind die angestrebten Zuschauerzahlen von gut 20000 pro Spiel realistisch?
Linden: Mit einem vernünftigen Marketing im Sponsorbereich und vernünftigen sportlichen Leistungen könnten wir annähernd so viele Dauerkarten wie in der aktuellen Saison verkaufen (knapp 15.500; d. Red.). Das ist meine Überzeugung. Daran müssen wir arbeiten.

Bei der Präsentation der Baupläne ist gesagt worden, dass der Verein den Betrieb notfalls auch in der Dritten Liga sicherstellen könnte. Hält die Aussage noch?
Linden: Für eine kurze Zeit ja. Man kann immer nach dem Negativen fragen, aber man kann sich auch darum kümmern, dass der Zuspruch für Alemannia unverändert positiv bleibt.