Im Chefsessel: Lina übernimmt mit ihrem Rollstuhl die Macht im Rathaus

Im Chefsessel : Lina übernimmt mit ihrem Rollstuhl die Macht im Rathaus

Mit Tempo treibt Lina ihren pinken Rollstuhl an und saust über die alten Holzböden im Büro von Oberbürgermeister Marcel Philipp. Und die zweieinhalb Jahre alte Jüchenerin hat auch keine Berührungsangst, als der OB ihr seinen Chefsessel anbietet. Einmal im Rathaus das Sagen haben – wenn es um die gute Sache geht, ist (fast) alles möglich.

Lina rutscht an den Rand des Stuhls und zieht sich zielgerichtet an den großen, schweren Holztisch heran. Sie ist mit Spina bifida (Offener Rücken) zur Welt gekommen und auf einen Rollstuhl angewiesen, den ihr eigener Opa gebaut und entworfen hat. Oberbürgermeister Marcel Philipp ist Schirmherr der Aktion „Kinder an die Macht“ des Vereins „Hand in Hand für Aachen“ von Ahmethicri Agirman. Der Vorsitzende des Vereins setzt sich dafür ein, dass jungen Menschen schnell und unkompliziert in schwierigen Lebenslagen geholfen wird.

Die Idee für den leicht zu bedienenden Rollstuhl hatte eine amerikanische Familie, auf dessen Schicksal Linas Oma im Internet aufmerksam wurde. Detlef Jackels, Linas Opa, hat das Video vor zwei Jahren gesehen und machte sich für seine Enkelin sofort an die Arbeit. Vorher hatte Lina viel gelegen und konnte die Welt nicht so entdecken, wie andere gesunde Babys in ihrer Umgebung. Rollstühle, die von Krankenkassen bezuschusst werden, sind für sehr kleine Kinder nur eingeschränkt geeignet.

Deshalb haben die Jackels die Angelegenheit selbst in die Hand genommen und mittlerweile 100 Rollstühle in die ganze Welt verschickt. Kinder in Großbritannien, Österreich und Malaysia haben schon einen Rollstuhl erhalten. Die Eltern der gehbehinderten Kinder müssen dafür nichts bezahlen. Die Jackels finanzieren den Bau der Rollstühle mit Spenden. Detlef Jackels braucht 110 Euro an Materialkosten pro Gerät.

Geld für weitere Spezialrollstühle (v.l.): Nicole Götsch und ihre Tochter Lina, Linas Großvater Detlef Jackels, Ahmethicri Agirman vom Verein „Hand in Hand“ und Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp. Foto: ZVA/Harald Krömer

Die 550 Euro von „Hand in Hand für Aachen“ reichen also für fünf neue Rollstühle. „Wir haben uns dieses Jahr für Linas Projekt entschieden, weil das einfach klasse ist, was Linas Großvater leistet,“ sagt Ahmethicri Agirman. Er kennt Marcel Philipp noch aus gemeinsamen Zeiten im Rat der Stadt Aachen und konnte den OB schnell als Schirmherren für die Aktion „Kinder an die Macht“ gewinnen. „Wir möchten so auch zeigen, was der Stadt Engagement für Kinder bedeutet“ sagt Philipp.

„Linas Rollis“ kommt derzeit erst richtig in Fahrt, arbeitet mit der Stadt Aachen zusammen für mehr Inklusion im Sport und will an den inklusiven Aachener Kitas erheben, ob es dort Bedarf für den selbstentworfenen Rollstuhl gibt. „Das ist ja immer Sache der Eltern, den Rollstuhl für ihr Kind zu organisieren“ sagt Detlef Jackels.

Und auch der OB will am Ball bleiben. „Das Thema lag noch nicht auf meinem Tisch. Ich frage das jetzt auch hier im Haus an und werde mit dem Verein dazu in Kontakt bleiben.“

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