Aachen: „Lesende” entschwebt in neue Sphären

Aachen: „Lesende” entschwebt in neue Sphären

17 Jahre hat sie ihren inneren Horizont erweitert - und präsentierte sich doch stets „gesetzter” als der bodenständigste Öcher. Bis Montag.

In einer Schwindel erregenden Aktion hat Wolf Ritz Bronzeskulptur vom Bücherplatz aus ein noch schöneres Plätzchen erobert.

Fast 70 Meter ist die schmökernde Schöne in die Luft gegangen - per Kran. Denn „zu Fuß” wäre der Umzug in den Lesegarten auf dem Dach der neuen Mayerschen schlicht nicht zu bewältigen gewesen. Dazu ist das zarte Metallmädchen viel zu schwer...

Auf immerhin 550 Kilo haben die Regisseure des spektakulären „schwebenden Verfahrens” den wohl charmantesten Bücherwurm der Republik taxiert.

Denn der bronzene Backfisch, weiß Theo Selders, der die Aktion vom sicheren Pflaster aus leitet, ist sozusagen felsenfest in seinem „Lesesessel” verankert. Der besteht aus bestem belgischen Granit; soviel Sitzfleisch, wenn man das in diesem Zusammenhang sagen darf, kommt schließlich nicht von ungefähr.

„Zunächst wollten wir das Objekt in drei Teile schneiden”, berichtet Selders, „so hätten wir die Skulptur über einen Lastenaufzug vom Aquisgrana aus auf die neue Terrasse schaffen können.”

Dieses Schicksal bleibt dem Öcher Mäddche erspart, weil heute ohnehin Hightech in Sachen Heben gefragt ist. Auch eine sieben Meter lange - und 600 Kilo schwere - Brunnenanlage wird Kranführer Kurt Kall von der Firma Wertz an diesem Morgen in die leicht bewölkte Spätsommerluft steigen lassen, damit sie zur Eröffnung am 19. September auf der Terrasse der größten Buchhandlung Deutschlands sprudele.

Morgens um sechs gerät die Welt für Wolf Ritz kreatives Kind zum ersten Mal ins Wanken. Die Arbeiter müssen die Skulptur per Gabelstapler vorerst bis zum Holzgraben chauffieren.

Da kauert sie nun, gleich neben dem Glaskubus - und scheint den Blick prompt scheu zu neigen, als wäre sie nicht durch moderne Maschinenkraft, sondern von einem kecken Galan versetzt worden. Kranführer Kall hat derweil andere Sorgen - und regelt sie mit ein paar sicheren Handgriffen.

Nur vom Standort vor dem ehemaligen Bavaria aus verfügt sein stählerner Koloss über einen ausreichenden Schwenkradius, um die Skulptur über den „Esprit”-Neubau hinweg bis in den Lesegarten zu hieven.

Per Funk erhält der erfahrene Kranführer exakte Instruktionen, muss seine tonnenschwere Fracht praktisch blind über die Kristall-Fassade hinweg bugsieren: Routine.

Doch Kalls über 70 Meter reichender verlängerter Stahlarm muss neu justiert werden, damit er den neuen Standort punktgenau erreicht. Also fährt der 48-Jährige den Kran wieder ein, um die Verankerung eines riesigen, eigens aufgesetzten stählernen „Fingers” im Mast per Hand zu verändern.

Über ein Stahlseil wird der Winkel am Ende des Mastes auf 40 Grad geneigt, sein Aktionsradius damit von 48 auf 56 Meter vergrößert - das reicht.

Binnen Minuten befördert der Herr der Hebekräfte ein paar Sitzblöcke aus chinesischem Granit (Stück rund 350 Kilo) haarscharf an der (garantiert denkmalgeschützten) Fassade des Gebäudes Ecke Ursulinerstraße vorbei.

Dann endlich schnüren acht kräftige Männer das wertvolle „Päckchen” in die Tragriemen. Für zwei, drei Minuten nur schwebt die Holde wie auf einer überdimensionalen Schaukel über den Köpfen der verdutzten Passanten.

Und wird von Kalls Kollegen auf der Terrasse der Mayerschen (fast) so in Empfang genommen, wie sich das für Kinder des Himmels gehört. „Echt schick, dat Mäddche”, grinst einer breit. „Dat könnt ich mich och at en der Jade stelle!”

Das überhört die gewichtige Grazie und lässt sich klaglos auch ein paar eher ungalante Handgriffe gefallen. Theo Selders strahlt mit dem Hausherrn um die Wette.

„Ich hoffe, die Aachener haben Verständnis dafür, dass wir die Skulptur auch dort platzieren möchten, wo sie nach unserer Meinung hingehört”, sagt Helmut Falter, Chef der Mayerschen. Denn auf der neuen Terrasse sollen künftig vor allem Lesungen für junge Bücherwürmer veranstaltet werden.

Und zu denen wird sie ja fraglos immer zählen: die schöne Bronzejungfer, die dieses eine Mal nicht nur geistig in höchsten Sphären schweben durfte.

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