Aachen: „Lernort“ für Flüchtlinge am Kronenberg

Aachen : „Lernort“ für Flüchtlinge am Kronenberg

Die Reformpädagogische Sekundarschule am Dreiländereck, vormals Hauptschule Kronenberg, wird zum „schulischen Lernort“. Eingerichtet werden dort bis zu zwölf internationale Förderklassen, in denen junge Flüchtlinge unterrichtet und an die deutsche Sprache herangeführt werden.

Der Schulausschuss hat das Projekt unter der Überschrift „An(ge)kommen in deiner Stadt…“ beschlossen. Massive Bedenken meldeten allerdings Grüne und Linke an. Sie befürchten, dass eine „Flüchtlingsschule“ am Kronenberg junge Flüchtlinge mehr isoliert als integriert. Denn das Konzept solcher Förderklassen sieht eigentlich vor, dass die Seiteneinsteiger nach Sprachfortschritt immer stärker in den regulären Unterricht hineinwachsen. „Regelschüler“ aber gibt es am Kronenberg nur noch bis Sommer 2016.

In der Grenzstadt Aachen kommen fast täglich minderjährige Flüchtlinge an, sehr viele ganz allein. Neben der Unterbringung ist vor allem die schulische Versorgung der Kinder eine Herausforderung. Wie Schuldezernentin Susanne Schwier im Ausschuss darlegte, ist es bisher nicht möglich, allen Jugendlichen schnell einen Platz an einer Schule zu besorgen.

Zwar gibt es in Aachen mittlerweile 30 Förderklassen, in denen bereits 388 Seiteneinsteiger unterrichtet werden (204 davon unbegleitete Flüchtlingskinder). Aber immer noch können nicht alle sofort zur Schule gehen. Die Warteliste, auf der zwischenzeitlich sogar fast 90 junge Leute standen, bewege sich mittlerweile schon wieder auf 40 zu, sagte Schwier. Etliche der jungen Menschen müssen auch alphabetisiert werden, bevor sie Deutsch lernen können.

Die Hauptschule am Kronenberg wird auslaufend geschlossen. Im Schuljahr 2015/16 werden dort die letzten drei Regelklassen unterrichtet. Sechs internationale Förderklassen sind an der Händelstraße bereits installiert. Platz für weitere Klassen ist vorhanden.

„Ableger“ der Aretzstraße

Das Land hat signalisiert, zusätzliche Lehrerstellen zur Verfügung stellen zu wollen. Die Walter-Blüchert-Stiftung will helfen, um auch ergänzende Maßnahmen zu finanzieren. Die Jugendhilfe, so Schwier, soll auf jeden Fall mit ins Boot, damit die Flüchtlinge nicht nur in den Schulstunden, sondern den ganzen Tag über betreut sind.

Organisatorisch angedockt wird der „schulische Lernort“ an den Schulverband Aachen-Ost, als Dependance der Hauptschule Aretzstraße. „Wir brauchen die Anbindung an eine Schule“, erklärte Schwier. Geplant sei kein „starres System“. Vielmehr wolle man die individuellen Bedürfnisse der jungen Seiteneinsteiger berücksichtigen. Übergänge ins Regelschul- und Ausbildungssystem sollen jederzeit möglich sein. Wer schnell Deutsch lerne und ein guter Schüler sei, könne vielleicht schon nach wenigen Wochen ans Gymnasium wechseln, sagte Schwier.

Zwei neue internationale Förderklassen, hofft die Beigeordnete, können bereits zum 1. August eingerichtet werden. Zum 1. Februar 2016 soll dann das ganze System installiert sein. Die Lehrer sollen aus dem Schulverband kommen.

Aus Sicht von Uli Balthasar (Grüne) wäre es dagegen sinnvoller, neue Förderklassen auf mehrere Schulen zu verteilen: „Es kann doch nicht sein, dass wir in Aachen eine Flüchtlingsschule haben.“ Er sieht die Gefahr einer „Stigmatisierung“ und befürchtet, dass der Übergang ins Regelsystem so viel schwieriger wird. Problematisch sei das Projekt auch für den Schulverband Aachen-Ost, warnte Balthasar. Schließlich habe die Hauptschule Aretzstraße schon jetzt sechs Förderklassen. Auch Georg Biesing (Linke) hält es für unglücklich, so viele Förderklassen am Kronenberg zu konzentrieren: „Das Ziel muss sein, dass weitere Schulen sich öffnen.“

Holger Brantin (CDU) bezeichnete den „schulischen Lernort“ dagegen als „vorbildhaft“: „Das Problem drängt, und wir müssen die Jugendlichen in Unterricht bringen.“ Stigmatisierung, sagt Brantin, „findet statt, wenn wir die Flüchtlinge nicht beschulen“. Auch Bernd Krott (SPD) kann sich mit dem „sehr guten Konzept“ des Lernorts anfreunden: „So kriegen wir die Zahl der fehlenden Schulplätze endlich auf null.“

Einen Beschluss, verstärkt an allen Schulen der Sekundarstufe I für die Einrichtung internationaler Förderklassen zu werben und besonders die Gymnasien mehr in die Pflicht zu nehmen, wollte die schwarz-rote Ratsmehrheit nicht fassen. Die Verwaltung bemühe sich ohnehin nach Kräften um neue Standorte, hieß es zum entsprechenden Antrag der Grünen.

Beispiel „SchlaU-Schule“

Die Hauptschule Kronenberg arbeitet seit mehr als 30 Jahren mit Seiteneinsteigern. Schulleiterin Helga Pennartz sieht durchaus Erfolgschancen für den „schulischen Lernort“. Mit guten Rahmenbedingungen und der engen Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe könne man besonders den älteren Jugendlichen ganzheitlich helfen, sagte sie gegenüber den „Nachrichten“. In München gibt es seit 2000 ein vergleichbares Modell: An der „SchlaU-Schule“ werden rund 220 junge Flüchtlinge im „schulanalogen Unterricht“ beschult. „Am Kronenberg arbeiten wir ähnlich“, sagt Pennartz.

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