Aachen: Lebenslang in Aachen: Ur-Öcherin darf nicht einfach Deutsche werden

Aachen : Lebenslang in Aachen: Ur-Öcherin darf nicht einfach Deutsche werden

74 Jahre alt ist die Aachenerin Marlene Meehsen. Sie steht noch fast jeden Tag mit ihrem Sohn Andreas (45) in ihrem gemeinsamen Kiosk-Geschäft am Willy-Brandt-Platz. Wie das so ist in einem Kiosk, bekommt man bei Marlene Meehsen beinahe alles, was der Mensch an Genussmitteln braucht.

Selbst Pakete wird man im kleinen Raum neben der dortigen Bäckerei los, der Laden fungiert auch als eine Mini-DHL-Annahmestelle. Im Moment ist die rüstige 74-Jährige erschöpft. Das hat aber nichts mit der Arbeit zu tun, sondern mit einem Behördenmarathon, der sie zermürbt hat. Marlene Meehsen möchte einen deutschen Personalausweis. Doch das ist in ihrem Falle gar nicht so einfach. Denn die gebürtige Aachenerin hat die luxemburgische Staatsbürgerschaft.

Sie sollte, schildert Sohn Andreas Meehsen, „wahrhaftig zur VHS gehen und einen Sprachkurs mit Test machen“. Das ist das übliche Prozedere bei einer Einbürgerung. Diesen Kurs habe man von ihr verlangt, bevor sie überhaupt einen Antrag auf Einbürgerung stellen konnte.

Mutter Meehsen betont kopfschüttelnd und verwundert: Sie habe jetzt 74 Jahre in Aachen gelebt, sie könne sicherlich Deutsch „und dazu ein wenig Öcher Platt“, was bekanntlich einzig bei der Eingliederung in Karnevalsvereine und bei Mundarttheatern hilfreich sein könnte.

Keine Ausnahmen

Doch die Behörde spielte „jeck“ in der Causa Meehsen. Das Ausländeramt der Städteregion am Bahnhof wischt mit einem harschen Verdikt die Sache vom Tisch. Nach zunächst durchaus freundlichen Bemühungen der zuständigen Sachbearbeiter habe die Chefin des Amts, Leiterin Gabriele Grünewald, im August verfügt, man könne bei Marlene Meehsen keine Ausnahme machen. Sie müsse auch zunächst noch einmal nach Luxemburg, um den am 3. September ablaufenden luxemburgischen Pass verlängern zu lassen. Doch genau das wollte die 74-Jährige nicht mehr.

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte die damals 73-Jährige beschlossen, endlich Deutsche zu werden. Sie sei lebenslang Aachenerin, wollte nicht länger für Behördengänge nach Luxemburg fahren. Das sei auch deswegen lästig, weil das Geschäft dann immer zugemacht werden müsse.

Dass Menschen in der Grenzregion den Pass eines Nachbarlandes haben, ist an sich keine Seltenheit. Warum aber Marlene Meehsen einen luxemburgischen Pass hat, bleibt ein Rätsel. Die 1943 geborene Frau kann das im Gespräch mit den „Nachrichten“ selbst nicht erklären. Sie sei in Aachen geboren, aus dem Stammbuch der Familie geht nichts anderes hervor. Die Großeltern waren Ur-Öcher, der Vater Droschkenfahrer mit eigener Taxilizenz. Kriegswirren könnten zur luxemburgischen Staatsangehörigkeit geführt haben, vermutet Familie Meehsen, vielleicht war man evakuiert.

Als man nun 2016 den Behördenmarathon noch lange vor dem Ablaufdatum des luxemburgischen Passes startete, waren die Meehsens guten Mutes, dass alles schnell gehen würde. Zum Beispiel befand die Mitarbeiterin der VHS spontan, Marlene Meehsen brauche keinen Sprachkurs, schrieb (handschriftlich) eine entsprechende Empfehlung an das städteregionale Ausländeramt.

Keine Schulzeugnisse

Doch das fruchtete nicht. Sie solle zumindest ein Schulzeugnis beibringen, hieß es auf dem Amt. Das hat die 74-Jährige aber nicht mehr. „Wozu denn auch?“, fragt sie. Sie solle einen Rentenbescheid mitbringen, damit man wisse, dass sie ein Einkommen habe, so das Amt. Wenn sie davon erzählt, kommen Marlene Meehsen wieder die Tränen.

Sie habe nur eine kleine Witwenrente, stehe jeden Tag im Laden. Inzwischen war die Zeit soweit fortgeschritten, dass man Ende August kurz vor dem Ablaufdatum des Passes stand. Nun griff die Verordnung, dass ein ausländisches Passdokument solange Gültigkeit haben muss, bis der Einbürgerungsvorgang abgeschlossen ist.

Hilfegesuch an Etschenberg

Andreas Meehsen fasste sich an den Kopf, machte seinem Ärger in einer E-Mail Luft, die er an Städteregionsrat Helmut Etschenberg, schickte, ein Hilfegesuch. Etschenberg hat nun versprochen, das versicherte sein Sprecher Detlef Funken am Mittwoch den „Nachrichten“, Abhilfe zu schaffen.

Das mit der Gültigkeit des Passes sei formal richtig, und es gebe auch kein ausgefülltes Antragsformular, beklagte Funken. Klar, so weit kamen die Meehsens ja erst gar nicht. Doch dann das Positive: „Der Städteregionsrat wird mit der Amtsleiterin eine pragmatische Lösung finden“, versicherte Funken. Der Behördenmarathon der Meehsens scheint endlich vorbei.

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