Aachen: Landflucht: Auch die Insekten zieht es in die Stadt

Aachen : Landflucht: Auch die Insekten zieht es in die Stadt

Auf dem Land haben es Insekten nicht leicht. Durch den flächendeckenden Einsatz von Pflanzenschutzmitteln hat sich ihr Bestand in den vergangenen Jahrzehnten drastisch reduziert. Paradoxerweise finden die Tiere ausgerechnet in der ebenfalls durch und durch von Menschen geprägten Stadt Zuflucht.

Bei einer Führung im Zuge der Grünen-Kampagne „To bee or not to bee“ hat am Freitagabend eine Gruppe interessierter Bürger einige Rückzugsorte von Insekten in Aachen kennengelernt.

Es sind vor allem Hinterhöfe, Mittelstreifen oder Parks, die von den kleinen Lebewesen bevorzugt besiedelt werden. „Meist sind es etwas verwilderte Orte, die schnell als verwahrlost wahrgenommen werden. Für Insekten und verschiedene Pflanzen sind das aber genau jene Bedingungen, die sie zum Leben brauchen“, erklärte Naturführerin Monika Nelißen von der Nabu-Tierschutzstation Aachen. Allzu schnell passiere es dann, dass die Stadtbetriebe den Flächen zu früh zu Leibe rückten.

Reichhaltiges Angebot

Sind die zeitlichen Abstände zwischen den Grünarbeiten jedoch richtig gesetzt, bieten verschiedene Blütenpflanzen ein reichhaltiges Angebot für Bienen, so Nelißen. Und die lockere Erde besonders am Fuße von großen Bäumen ergäben oftmals gute Bedingungen für Wildbienen, die sich von Pollen ernähren und bis zu 50 Zentimeter tiefe Rohre in den Boden bauen.

Und auch in Gewässern wie dem kleinen Teich im Zentrum des Veltmanplatzes leben neben Enten auch zahllose Kleintiere. „Trotz der relativ strikten Uferbefestigung haben wir hier verschiedene Arten von Larven, Wanzen, Wasserasseln und Eintagsfliegen“, sagte Nelißen, und fischte gleich selbst einige davon aus dem Teich.

Dennoch, so betonte sie, gebe es auch in der Stadt viele störende Faktoren, die das Leben der Insekten erschwerten. Das künstliche Licht der Straßenbeleuchtung etwa, die Flächenversiegelung oder auch das Streusalz im Winter setzen den Tieren zu. Stickstoff hingegen, der den menschlichen Stadtbewohnern derzeit überall Kummer bereitet, ist für die Pflanzen ein Nährstoff, weshalb auch die Mittelstreifen auf dem Außenring für Insekten begehrte Lebensräume sind, wie Nelißen erklärte.

Zweifellos am auffälligsten ist dabei das Wirken der Bienen, weshalb sich die Schüler der 4. Gesamtschule in Aachen nun intensiver mit diesen Tieren beschäftigen. Unter Anleitung von Biologie-Lehrerin Regina Blümlein haben sie bereits zwei Bienenvölker in ihrem Innenhof angesiedelt — und weitere sollen folgen. „Wir haben in den Nachrichten von dem dramatischen Insektensterben erfahren und dann damit angefangen, unseren bislang leblosen Schulgarten entsprechend umzugestalten“, schilderte sie.

Reges Interesse

Seither kommen zu den mehr als 50.000 Bienen auch Vogelschutzhecken und Wildblumenflächen dazu, und auch ein eigener Gemüseanbau ist in Planung. Die Beschäftigung mit der innerstädtischen Natur ist für die Schüler wie ein Kickstart gewesen, wie das rege Interesse zeigt, mit dem sie auch an freien Tagen im Garten werkeln. Für Blümlein eine wichtige Erfahrung: „Gerade in dieser von der digitalen Welt geprägten Umgebung geht es darum, die Distanz zur Natur abzubauen.“

So mussten auch einige skeptische Eltern erst wieder lernen, dass Bienen keine bedrohliche, sondern eine bedrohte Spezies sind.

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