Domschatzkammer in Aachen: Kunsthistorikerin Herta Lepie ist die Hüterin der Dom-Schätze

Domschatzkammer in Aachen : Kunsthistorikerin Herta Lepie ist die Hüterin der Dom-Schätze

Sobald es um den Aachener Dom geht, ist da dieses Lächeln in Hertha Lepies Gesicht. Den Dom hat die langjährige Leiterin der Domschatzkammer immer schon geliebt. Der Weg zum Amt war fast schicksalhaft.

In einer Mittagspause im Oktober 1977 traf die damals 34-Jährige in Bonn — das Brötchen in der Hand - den damaligen Aachener Dombaumeister Leo Hugot. Er holte in Bonn ein Cello für seine Tochter ab und erzählte Herta Lepie, dass man in Aachen jemanden für die Schatzkammer suche, die gerade neu konzipiert werde.

1978 war auch für die Kunsthistorikerin Herta Lepie ein wichtiges Jahr. Der Aachener Dom stand gerade einmal 14 Tage auf der Unesco-Welterbeliste — da begann sie ihre Arbeit für die Domschatzkammer. Foto: Andreas Herrmann

Der Dialog war kurz: „Wissen Sie jemanden?“ „Ja, das ist etwas für mich!“ Es folgten Bewerbung, Vorstellungsgespräch — und im Dezember 1977 fiel die Entscheidung auf sie als zukünftige Leiterin.

Der Marienschrein wurde vor 30 Jahren umfangreich saniert. Herta Lepie hat alles dokumentiert. Foto: Wolfgang Plitzner

Herta Lepie war auf diese Stelle gut vorbereitet. Bereits in der Prüfung zur Promotion lautet eines von drei Themen „Mittelalterliche Schreine, Schwerpunkt Karlsschrein“ — da ahnte die Kunsthistorikerin noch nicht, dass sie einmal helfen würde, Kaiser Karls Erbe zu bewahren.

Sie trat die Stelle 1978, exakt vierzehn Tage, nachdem der Aachener Dom als erstes deutsches Bauwerk auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes gesetzt wurde. Was für ein Einstand. „Das Gefühl war unglaublich, am ersten Monument in Deutschland tätig zu sein“, sagt Lepie rückblickend. „Ich wusste, dass unser Domschatz und der Dom das Schönste ist, was ich in Deutschland betreuen kann.“

1978 bis 1986 leitete Lepie, die zuvor beim Landschaftsverband Rheinland im Rheinischen Museumsamt in Bonn im Einsatz war, die Domschatzkammer, danach war die Expertin für mittelalterliche Goldschmiedearbeiten bis zur Pensionierung 2003 Direktorin der Abteilung Goldschmiedekunst am Dom. „Was für eine reiche Zeit“, sagt sie heute noch immer ganz beeindruckt.

Für Lepie war die Leitung der Aachener Domschatzkammer weit mehr als bloß ein Amt, eine berufliche Tätigkeit mit allerlei Stress, geprägt von Entscheidungen und der immer neuen Frage, ob und wie Land, Bund und Sponsoren helfen, die mittelalterlichen Kostbarkeiten wie den Marienschrein, den Karlsschrein, den Barbarossaleuchter und die Pala d’Oro (der goldene Hauptschrein) zu retten. Doch die Unterstützung für den Dom hielt an — nicht zuletzt aufgrund der diplomatischen Talente der Expertin, die Kunstgeschichte, Baugeschichte und Romanistik an der RWTH Aachen, in Bonn und Florenz dazu noch Archäologie studiert hat.

Ob Barbarossaleuchter im Oktogon oder die Schreine in der Chorhalle — jede Figur, jede Krone ist der Hüterin der Dom-Schätze vertraut. Lepie sieht sehr genau, wo Gold- und Silberschmiede Peter Bolg und Lothar Schmitt einem Heiligen neue Würde verliehen haben, indem sie das Loch in seinem Knie mit einer kostbaren Plombe aus Silberblech „heilten“ oder die Insignien der Könige in ihre ursprüngliche Position rückten.

„Es war so wichtig, dass die Sanierung unter strengen Vorgaben und Kontrollen ablief“, betont sie heute. „Rettung war das Ziel, aber alles musste reversibel, also wieder umkehrbar sein, und jeder sollte sehen, wo der Restaurator gearbeitet hat.“ Zahlreiche Fotoserien — zunächst noch in Schwarz-weiß — sind erhalten, auf denen man eine schwindelerregende Zahl von Einzelteilen und -teilchen erkennt. „Jedes Teil wurde zu Beginn der Konservierungsarbeiten nummeriert, von mir auf seine Schäden hin beschrieben, und in einer umfangreichen Dokumentation festgehalten“, erklärt sie die mühsame Arbeit. Noch heute sind diese Aufzeichnungen im Domarchiv erhalten.

„Was mich getragen hat, war das Bewusstsein, an der Rettung solcher Objekte beteiligt zu sein, aber auch das Vertrauen der Menschen, die mir viel Geld dafür zur Verfügung stellten.“ Als man 1998 die Fertigstellung des Barbarossaleuchters feierte, dessen Sanierung die Sparkasse übernommen hatte, stellten ihr die Verantwortlichen spontan die Frage: „Können Sie mit 330 000 D-Mark etwas anfangen?“ Lepies Antwort erfolgte prompt: „Sanierung der Pala d’Oro und der Heinrichs-kanzel.“

Die Verleihung des Titels Unesco-Weltkulturerbe verbesserte die Chancen, Sanierungen zu finanzieren. 1,3 Millionen D-Mark stellten der Bund, das Land Nordrhein-Westfalen und der Karlsverein zur Sicherung und Konservierung des Karlsschreins zur Verfügung, die 1982 beginnen konnte und 1988 abgeschlossen war. Als sich im Mai 1987 die NRW-Stiftung gründete, sorgte der damalige Aachener Baudezernent Wilhelm Niehüsener dafür, dass der Marienschrein auf die Liste der Objekte kam, die es zu retten galt.

Wieder war planerisches Geschick gefragt. „Ich hatte einen Kostenvoranschlag und eine Zeitplanung, aber ich habe nicht geahnt, was uns erwartet“, sagt Lepie rückblickend. Rund 2,98 Millionen D-Mark wurden zur Verfügung gestellt, den fehlenden Rest hat die erfindungsreiche Kunsthistorikerin über Patenschaften und Konzerte besorgt.

Sie war am Domschatzkammer-Konzept beteiligt, hat den Katalog geschrieben, ein 20-köpfiges Mitarbeiterteam aufgebaut und Führungen organisiert. Unter dem Titel „Schimmernd in lauterem Gold und leuchtend von kostbaren Steinen“ (entnommen der Inschrift am Barbarossaleuchter) hat sie, gefördert durch den Karlsverein, alle ihre Dom-Projekte in einem Jahrbuch des Karlsvereins zusammengetragen. Das sei ein wunderbares Gefühl gewesen.

Verändert die Arbeit am und im Dom einen Menschen? „Natürlich, aber geformt wurde ich bereits durch das Rheinische Museumsamt in Bonn“, sagt die spätere Direktorin. Was aber überall gleich war, war Lepies exponierte Rolle als Frau in ihrer jeweiligen Position. Im Domkapitel war Lepie die erste Frau in einer leitenden Position. Gleichfalls in der Arbeitsgemeinschaft kirchlicher Museen und Schatzkammern, in der sie von 1986 bis 1994 im Vorstand tätig war.

„Nicht nur beim Landschaftsverband, auch in der Kirche musste man im Vergleich zu den Männern als Frau sehr viel mehr beweisen, was man konnte.“ Aber sie war schon immer etwas besonderes: An der RWTH Aachen war sie die erste Stipendiatin für Kunstgeschichte, 1975 die erste Absolventin, die in Kunstgeschichte mit der Promotion abschloss; das Dissertationsthema: die Aachener Goldschmiedefamilie von Rath.

Heute ist für Lepie entscheidend, ein Bewusstsein dafür schaffen, dass man Objekte konservieren und nicht restaurieren darf, dass die Spuren der Zeit sichtbar bleiben müssen. Die in Aachen von der wissenschaftlichen Karlsschreinkommission entwickelten Richtlinien wurden von Frankreich, Belgien, den Niederlanden und der Schweiz übernommen.

„Der Höhepunkt meiner Arbeit war für mich, als ich nach Abschluss der Konservierungsarbeiten des Karlsschreins den byzantinischen Elefantenstoff, den schon Kaiser Friedrich II. der Staufer im Jahre 1215 über die Gebeine Karls gebreitet hat, in den Schrein zurücklegen konnte.“ Sie und ihre Mitarbeiter waren die ersten, die den Karlsschrein je ohne seine Beschläge, als hölzernes Behältnis gesehen haben.

Bei all ihrem beruflichen Erfolg, hat Lepie einer immer geholfen: „Mein Mann hat mich als technischer Ingenieur und Realist oft aus den Wolken geholt“, sagt sie lächelnd. „Ohne sein Verständnis hätte ich das nicht geschafft.“

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