Aachen: Kulturkarussell wird mächtig ausgebremst

Aachen : Kulturkarussell wird mächtig ausgebremst

Da hat das Kulturkarussell gerade so richtig schön Fahrt aufgenommen. Und nun droht mächtig Sand ins Getriebe zu geraten. Wie so oft liegt es am Geld. Die Gesamtschule Brand ist eine von fünf ausgewiesenen Kulturschulen in der Städteregion Aachen.

Für dieses Siegel hat jede der fünf Schulen ein kulturelles Profil entwickelt. An der Rombachstraße steht dieses Programm unter der Überschrift Kulturkarussell. Es ist eine Idee, auf die Schulleiter Andreas Lux und seine Mitstreiter große Hoffnung setzen. „Das ist kein Progrämmchen“, sagt Lux, „das ist eine richtig große Idee.“

Objekt und Raum heißt dieses Angebot für die Fünftklässler: Hier werden gerade mit einfachen Materialien Häuser gebaut.

Die große Idee geht so: Jedes Kind gestaltet in seiner Zeit an der Gesamtschule seine persönliche kulturelle Biografie, jedes Schuljahr ein Kapitel mehr. „Alle Schüler sollen möglichst alle Sparten der kulturellen Bildung kennenlernen“, erklärt Gabi Roentgen vom Leitungsteam des städteregionalen Bildungsbüros, das die Schule beim Projekt Kulturkarussell begleitet. „Die Kinder sollen erfahren, wo ihre Begabungen liegen.“

Ganz großes Theater: Schülerinnen aus der Jahrgangsstufe 5 üben in der Theater-AG die szenische Darstellung.

Die Fünftklässler können Tanz und Theater, Zirkusakrobatik oder gestalterisches Bauen ausprobieren. Für die Sechstklässler gibt es zum Beispiel Foto und Film, Rhythmus und Percussion oder Erzählen und Schreiben. Die Angebote sind Wahlpflichtfächer: Jedes Kind hat zwar eine Auswahl, muss aber pro Schuljahr zwei Angebote testen. Für mehr als 300 Mädchen und Jungen aus den Jahrgängen 5 und 6 geht es aktuell auf dem Kultur­karussell rund.

Die Lehrer in diesen zwei Unterrichtsstunden pro Woche sind ausschließlich Künstler. Die Gesamtschule arbeitet zum Beispiel mit der Bleiberger Fabrik und der städtischen Musikschule zusammen. Koordiniert und begleitet wird das Programm zudem von der Arbeitsstelle kulturelle Bildung in Schule und Jugendarbeit NRW.

In den Klassen 7 und 8 sollen sich die Schüler in Schwerpunktangeboten ausprobieren und später in der Oberstufe weiter spezialisieren. Das ist zumindest die Idee. Aber ganz akut wird jetzt die Finanzierung zum Problem. Ein Großteil des Geldes, das das Kulturkarussell in Schwung hält, kommt aus dem Bundesprojekt „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“. Und da haben sich die Förderrichtlinien entscheidend geändert. Neuerdings — und zwar rückwirkend zum 1. Januar 2015 — werden nur Projekte unterstützt, die die Kinder freiwillig besuchen. „Und das bedeutet, dass uns gerade die Kinder verloren gehen, die es am nötigsten haben“, bedauert Andreas Lux. „Diese Kinder melden sich von der Kultur ab und gehen lieber zum Fußball.“ Auch Elke Sturm-Barzen, didaktische Leiterin der Schule, ist entsetzt: „Die Idee, dass jedes Kind seine kulturelle Biografie entwickelt, wird damit zerdeppert.“

Den Kindern, sagt sie, könne man nicht übelnehmen, dass sie sich lieber für Freizeit entscheiden. Deshalb seien die Wahlpflichtfächer ein eleganter Weg gewesen, wirklich allen Schülern diesen „kulturellen Schatz“ anzubieten. „Kultur ist ein wunderbarer Schlüssel zur Integration“, ist Sturm-Barzen überzeugt, „nun aber werden Türen zugeschlagen, und das wollen wir verhindern.“

Finanzierungsloch droht

Derzeit sieht es nicht so aus, als ob sich an den Förderrichtlinien des Bundesprojekts und der Forderung nach „bedingungsloser Freiwilligkeit“ etwas ändert. Das hat auch mit dem Kooperationsverbot zu tun, das dem Bund die finanzielle Förderung von Bildung verbietet. Schule ist schließlich Ländersache.

Deshalb steht die Schule mit all ihren Partnern nun einigermaßen ratlos vor dem stockenden Kulturkarussell. „Wir treiben auf ein Finanzierungsloch zu und suchen nach einem Ausweg“, fasst der Schulleiter zusammen. „Im Moment sind wir froh über jede Unterstützung, die uns hilft, die Finanzlücke zu überbrücken.“ Mit rund 30.000 Euro, schätzt er, „kämen wir zumindest über das nächste Schuljahr“.

Die Sache mit der Freiwilligkeit hat bereits jetzt Auswirkungen. Einige — wenige — Schüler haben sich aus den laufenden Angeboten des Kulturkarussells verabschiedet. Und von den künftigen Sechstklässlern haben bis jetzt erst 48 erklärt, dass sie im nächsten Schuljahr einen Kulturkurs besuchen wollen. Bei den Siebtklässlern waren es jüngst sogar nur 22. Allerdings haben noch nicht alle Klassen der Jahrgänge ihre Wünsche geäußert. Bei den Eltern der künftigen Fünftklässler will Andreas Lux demnächst noch einmal eindringlich für das Kulturkarussell und seine Chancen werben. Denn die Kulturschule in Brand will auf jeden Fall festhalten an ihrer Vision von der Extraportion Kultur. Und zwar für alle.

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