Aachen: „Kulturhauptstadt 2025“: Aachener sollen den Essenern nacheifern

Aachen : „Kulturhauptstadt 2025“: Aachener sollen den Essenern nacheifern

„Begeisterung entfachen, dran glauben und Gas geben!“ Diese drei Tipps hat der Essener Stadtdirektor Hans-Jürgen Best der Aachener Initiative mit auf den Weg gegeben, die seit einigen Monaten dafür trommelt, Aachen zur europäischen Kulturhauptstadt 2025 zu machen. Best muss es wissen, denn er war hautnah dabei, als Essen zur Überraschung vieler den Zuschlag als Kulturhauptstadt 2010 bekam.

Dabei konnte die Stadt namhafte Konkurrenten wie Münster, Köln oder Regensburg hinter sich lassen.

Mehr Kultur wagen: Im Gespräch mit Moderator Jürgen Zurheide (2. v. r.) berichteten Rudolf Juchelka, Ralph Kindel und Hans-Jürgen Best aus Essen von ihren Erfahrungen mit dem Titel Kulturhauptstadt 2010. Ina-Marie Orawiec (kleines Bild) hofft darauf, Aachen zur Kulturhauptstadt 2025 machen zu können. Foto: Ralf Roeger

„2003 habe ich noch gedacht, das gibt nichts“, erinnert sich Best. Doch innerhalb kürzester Zeit sei damals ein Ruck durch die örtliche Kulturszene gegangen, der auch die Stadt beflügelt und ihr und letztlich dem gesamten Ruhrgebiet neues Selbstbewusstsein gegeben habe: Weg vom Kohlenpott-Image, hin zu einer modernen und innovativen Metropole.

Diese Aufbruchstimmung und diesen Enthusiasmus erhofft sich auch die Aachener Initiative, die inzwischen unter dem Motto „Wir für hier 2025“ antritt und am Dienstag ihren ersten großen öffentlichen Auftritt vor gut 150 Besuchern im Forum M der Mayerschen Buchhandlung hatte. Für Ina-Marie Orawiec, eine der Wortführerinnen der Initiative, war das ein begeisternder Auftakt, von dem sie sich am Ende selbst überrascht und überwältigt zeigte. Nun müsse es darum gehen, diesen Geist und diese Stimmung in die Gesellschaft zu tragen und Aachen dazu zu bewegen, eine Bewerbung um den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2025“ einzureichen.

„Wir wollen mehr Kultur wagen“, beschwor sie die Anwesenden, die ihr freilich in ganz überwiegender Zahl ohnehin zugetan waren. Orawiec und ihre Mitstreiter sehen sich selbst als Teil einer „Graswurzelbewegung“. Denn anders als seinerzeit in Essen geht die Initiative für eine Aachener Bewerbung nicht von den Spitzen der Stadt, sondern von Bürgern aus. Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Kirche haben sich hier zusammengefunden — durchaus einflussreiche Kreise, die daran glauben, „Aachen als kraftvolles und kreatives Zentrum in Europa“ präsentieren zu können, wie es Ina-Marie Orawiec ausdrückte.

Kunst und Wissenschaft

Dass der Kulturbegriff für das Aachener Bewerbungsverfahren denkbar weit gefasst werden sollte, wurde auch in vielen Diskussionsbeiträgen des Abends deutlich. Im Zusammenspiel mit den Hochschulen sollten sich Kunst und Wissenschaft gegenseitig stärken, sagt Orawiec. Die Spitzenforschung sei — neben dem Thema Europa — ein Pfund, mit dem man die Jury überzeugen könne. Und über allem soll die Frage stehen: „Wer wollen wir in Zukunft sein und wie wollen wir leben?“

Neben dem Essener Stadtdirektor Best zeigten auch Rudolf Juchelka, Professor für Wirtschaftsgeografie an der Uni Duisburg-Essen, und der Essener Projektleiter Ralph Kindel auf, wie wertvoll der Titel Kulturhauptstadt für die Ruhrgebietsstadt war. „Wir haben gelernt, ein bisschen aufrechter zu gehen“, meinte Kindel, der nicht zuletzt an das „Still-Leben Ruhrschnellweg“ erinnert, für das die A40 und die B1 im Sommer 2010 zwei Tage lang auf einer Länge von 60 Kilometer gesperrt und mit Bierzeltgarnituren zugestellt wurden. Ein bis heute unvergessenes Großereignis, das Millionen Besucher angezogen hat.

„Die Kulturhauptstadt setzt Gedanken frei, von denen man gar nicht wusste, dass man sie haben kann“, schwärmt Kindel, der den Aachenern empfiehlt, mit einem Konzept anzutreten, das über 2025 hinausreicht und vor allem auch eine Antwort für das derzeit krisenbehaftete Europa geben sollte.

Ob es so weit kommt, ist allerdings völlig ungewiss. Denn trotz der allgemeinen Begeisterung im Publikum fehlt der Bewegung bislang noch die große Außenwirkung und auch die politische Unterstützung.

Auffallend, dass am Dienstag nicht nur Oberbürgermeister Marcel Philipp, sondern auch viele weitere Ratspolitiker der Veranstaltung ferngeblieben sind. Philipp lobte auf Anfrage der „Nachrichten“ zuletzt zwar die Initiative, hat bislang aber nicht die Absicht, selbst aktiv zu werden. Zu sehr sitzt ihm unter anderem noch die Enttäuschung über die gescheiterte Bewerbung vor vier Jahren in Kooperation mit der Stadt Maastricht in den Knochen.

Und auch in den Ratsfraktionen herrscht bislang eher die Überzeugung vor, dass eine Bewerbung aussichtslos wäre, unnötig Geld kostet und zu viele Kräfte bindet, die anderswo dringender benötigt werden. Die finanziellen und personellen Kapazitäten der Stadt seien erschöpft, warnte FDP-Ratsherr Peter Blum am Dienstag, dessen kritische Stimme allerdings auch die einzige blieb, die zu hören war.

Umso überraschender wirkte die Aussage der Aachener Kulturdezernentin Susanne Schwier. „Die Verwaltung ist an Ihrer Seite“, rief sie den Initiatoren von „Wir für hier 2025“ zu. Es gebe eben nicht nur die Zweifler und Bremser, betonte sie. „Ich begrüße die Bewegung sehr.“

An ihrer Seite äußerte sich auch Alt-Oberbürgermeister Jürgen Linden als klarer Verfechter einer Bewerbung um den Titel. „Aachen hat die Kraft, eine Bewerbung zu stemmen. Was fehlt, ist der Mut“, erklärte er. Aachen sollte als „Modellregion im Kleinen für das Europa im Großen“ antreten.

Auch Städteregionsrat Helmut Etschenberg hat sich nach anfänglicher Skepsis auf die Seite der Kulturhauptstadt-Initiative geschlagen. Sollte sich die Stadt dazu durchringen können, das Projekt anzupacken, werde es auch von der Städteregion unterstützt, sagte er seinen Beitrag zu. Man müsse dann allerdings auch in Kauf nehmen, „dass man nicht siegt“, so Etschenberg.

„Gewinnen, ohne zu siegen“

Das haben allerdings auch die Initiatoren um Ina-Marie Orawiec einkalkuliert, die allein schon den Bewerbungsprozess für eine große Chance halten. „Man kann auch gewinnen, ohne zu siegen“, sagte Orawiec, die sich bereits von der Bewerbungsphase wichtige Anstöße für die Stadtentwicklung, den Kulturstandort und das Erscheinungsbild der Region erhofft. Aachen habe gute Ideen sowie viele kreative, kompetente und engagierte Menschen, ist sie überzeugt. Dies sollte nun für die Bewerbung um den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ genutzt werden, der in ihren Ohren „wunderschön und begehrenswert“ klingt.

Ob die „Graswurzelbewegung“ damit eine Breitenwirkung entfalten kann, muss sich schnell zeigen. Denn spätestens im nächsten Jahr muss die offizielle Bewerbung, die alleine mit gut zwei bis drei Millionen Euro zu Buche schlagen wird, eingereicht werden. Ohne einen entsprechenden Ratsbeschluss kann dies nicht gelingen, noch hat dafür niemand einen Vorstoß gemacht.

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