Krimi: Criminale bringt rund 300 hochkarätige Autoren nach Aachen

Ein Fest für den Krimi : Criminale bringt rund 300 hochkarätige Autoren nach Aachen

Ein Zugpferd hat der schwächelnde Buchhandel noch nicht verloren: Der deutschsprachige Krimi boomt – und ist mehr, als nur Flucht aus dem Alltag: „Der Krimi ist nicht nur Eskapismus“, sagt Olaf Müller, Leiter des Aachener Kulturbetriebs.

„Er lässt auch in gesellschaftliche Abgründe blicken. Und nach dem spannenden Schaudererlebnis wird alles wieder ins Lot gerückt.“ Gemeinsam mit dem Autorenkollektiv Syndikat holt die Stadt das Krimi-Festival Criminale nach Aachen. In der Woche von Samstag, 6. April, bis Samstag, 13. April, werden sich rund 300 Kriminalautoren in der Stadt tummeln.

Das Syndikat versteht die Veranstaltung, die jährlich an einem anderen Ort stattfindet, als Branchen- und Familientreffen, als eine Art Tagung. Bei einem internen „Parlamentarischen Treffen“ und auf Seminaren haben Schreiber, Buchhändler und Verleger Gelegenheit, sich über Probleme und Chancen der Buchbranche auszutauschen.

Ins Gespräch kommen

Davon abgesehen ist die Criminale natürlich ganz explizit auch eines: ein großes Fest für alle Krimifans. Abseits zahlreicher Lesungen an verschiedenen Orten in Aachen, darunter das Alte Kurhaus, das Couven-Museum, das Depot an der Talstraße und die Aachener Buchandlungen, sollen die Leser auch mit den Künstlern und untereinander ins Gespräch kommen, betont Olaf Müller. Außerdem kann den Autoren auch bei abseitigeren Tätigkeiten zugeschaut werden: beim Duell im Fußball und Kochen oder beim gemeinsamen Musizieren.

Neben aller Fiktion wird auch die reale Polizei- und Justizarbeit in Vorträgen und Diskussionrunden beleuchtet.

Höhepunkte des Festivals sind die vom Syndikat vergebenen Preise in den Kategorien Kinder- und Jugendkrimi, Kurzkrimi, Debüt und in der „Königsdisziplin“ Roman.

Mit dabei sind unter anderem „Mord mit Aussicht“-Drehbuchautorin Marie Reiners, die im März mit „Frauen, die Bärbel heißen“ ihren ersten Kriminalroman veröffentlicht hat, Ostfriesenkrimi-Star Klaus-Peter Wolf, der seine Trilogie aus Sicht des Serienkillers Dr. Sommerfeldt mit dem dritten Teil im Juni beschließt, der gebürtige Hückelhovener Peter Godazgar, der sich für den Sammelband zum Festival erstmals an einen Kurzkrimi gewagt hat, der in seiner Studienstadt Aachen spielt, „Die drei ???“-Schreiber André Marx, der mit dem 200. Band der Reihe für den Jugendbuchpreis des Syndikats nominiert ist, Lokalmatador Kurt Lehmkuhl, dessen 26. Regionalkrimi im vergangenen Jahr erschienen ist, und Gisa Klönne, deren Kommissarin Judith Krieger in „Die Toten, die dich suchen“ bereits ihren sechsten Fall löst.

Warum der Krimi besonders fesselt, wenn er regional verankert ist, wie Morden und Humor zusammenpassen und was für eine Kommissarin anders ist, als für einen Kommissar, erzählen die sechs im Kurzinterview.

Klaus-Peter Wolf. Foto: Gaby Gerster
  • Klaus-Peter Wolf: „Heute stellen sie Parkuhren auf, statt Schiffe zu plündern“

Wieso schreiben Sie keine Krimis über ihre Heimat, das Ruhrgebiet, sondern über Ostfriesland?

Klaus-Peter Wolf: Meine Kommissarin kommt ja wie ich aus dem Ruhrgebiet und ist nach Ostfriesland gezogen. Für viele ist das ein Sehnsuchtsort.

Eignet sich Ostfriesland denn besonders gut als Setting für düstere Geschichten?

Wolf: Hier hat man den Wechsel der Gezeiten – das hat etwas sehr Archaisches. Die Ostfriesen sind ein altes Küstenvolk. Es gab Zeiten, in denen hat man Feuer gelegt, damit die Schiffe sich verfahren. Wenn die dann gestrandet sind, hat man sie geplündert. Inzwischen stellt man Parkuhren auf (lacht) – aber etwas von all dem ist hier noch immer spürbar. Da dies ein Touristenort ist, nimmt man erst mal jeden, der kommt, freundlich auf. Wenn ich mich also als Verbrecher irgendwo verstecken wollte, würde ich nicht die Anonymität der Großstadt suchen. Ich würde nach Ostfriesland fahren, wo sich keiner wundert, dass ich neu bin. Außerdem kann ich hier Figuren aus der gesamten Gesellschaft auftreten lassen – das ist sehr spannend.

Foto: zva

Wie erklären Sie sich die Faszination für lokal verwurzelte Krimis?

Wolf: Jeder Roman muss klar in Zeit und Raum verortet sein. Und keine Literatur ist so wirklichkeitsträchtig wie Kriminalliteratur. Die Leser sind zudem sehr kritisch. Die wollen den Mörder finden, bevor die Polizei ihn findet. Also hinterfragen sie alles. Ihnen entgeht auch kein Fehler, den der Autor macht. Deshalb finde ich es wichtig, die Geschichte in einer überprüfbaren Wirklichkeit stattfinden zu lassen – in meinen Büchern ist das so.

Hat sich noch niemand daran gestört, als Charakter mit echtem Namen in Ihrem Buch aufzutauchen?

Wolf: Am Anfang habe ich natürlich gefragt – da wusste aber noch niemand, dass die Geschichten einmal von Millionen Menschen gelesen werden. Die realen Vorbilder sind damit aber sehr glücklich, die werden dauernd angesprochen. Und kennen Sie viele Maurer, die Autogramme geben?

Warum schreiben Sie über eine Kommissarin?

Wolf: In der Realität ist es so, dass es mehr männliche Kommissare gibt. Aber: Die meisten Täter sind Männer. In einem Verhör kann ich dadurch psychologisch ein ganz anderes Spiel spielen, als es bei einem Verhör zwischen Männern möglich wäre.

Peter Godazgar. Foto: godazgar
  • Peter Godazgar: „Letztlich kommt eben doch immer einer ums Leben“

Die Geschichte, die Sie für die Anthologie geschrieben haben, ist Ihre erste, die in Aachen spielt. Ist Ihnen das schwergefallen?

Peter Godazgar: Die Geschichte ist nicht auf einen konkreten Ort in Aachen bezogen. Mein Protagonist fährt quer durch die Stadt und das Umland und erledigt dort seine Jobs. Da ist es mir nicht schwergefallen, einfach ein paar Landmarken einzubauen. Dabei geht es eher um Stadtteile. Da ich in Aachen studiert habe, kenne ich es gut und bin noch häufig dort, daher musste ich nicht groß gucken, dass es passt. Ich habe selbst auch noch sehr warmherzige Erinnerungen an meine Studienzeit in der Stadt.

Worum geht es in der Geschichte?

Godazgar: In meinen Geschichten geht es ja immer um die – ich nenne sie mal so – sympathischen Loser, denen irgendetwas widerfährt, wofür sie nichts können. Das alles halte ich immer sehr humorig – ich mag „Folterkrimis“ nicht. Diesmal geht es um einen vom Leben nicht gerade geküssten Menschen, der sich selbstständig macht mit einer kleinen Firma. Dann bekommt er einen Auftrag, bei dem er ein Sofa entsorgen soll, das total blutverschmiert ist – und neben dem Sofa liegt noch jemand, den er gleich mitentsorgen soll.

Foto: zva

Sie schreiben viele Kurzkrimis. Liegt Ihnen das Format besonders?

Godazgar: Ja, schon. Das hat aber auch mit Zeitnot zu tun. Da ich beruflich stark eingebunden bin, habe ich schlicht und ergreifend im Moment keine Zeit für einen Roman. Ein Kurzkrimi lässt sich da eher noch nebenbei unterbringen – auch wenn ich das Genre damit auf keinen Fall abwerten will.

Ihre Krimis sind eher humorig als blutrünstig. Warum ist der Krimi trotzdem das Genre Ihrer Wahl?

Godazgar: Ich habe auch schon einmal eine Liebeskomödie geschrieben. Aber letztlich kommt eben doch immer einer ums Leben oder ein Banküberfall oder eine Geiselnahme gehen daneben. Und es ergibt sich einfach immer wieder, dass ich für Krimi-Anthologien angefragt werde.

Was ist für Sie das Komische am Verbrechen?

Godazgar: Letztlich ist es wahrscheinlich meistens das Makabere, das sich abspielt, oder dass alles, was schiefgehen kann, schiefgeht. Wie jetzt beim Helden in meiner neuen Geschichte, der eigentlich gar nichts Böses will, und auf einmal liegt da eine Leiche.

Kurt Lehmkuhl. Foto: zva/Criminale_lehmkuhl-kurt (2)
  • Kurt Lehmkuhl: „Ich will die Leute aus dem Zentrum rauslocken“

Sie schreiben seit mehr als 20 Jahren lokal verwurzelte Krimis. Für die Anthologie schreiben jetzt auch „Ortsfremde“ über die Region. Was darf man sich davon erhoffen?

Kurt Lehmkuhl: Das ist eine spannende He­rausforderung. Es wird interessant, zu lesen, wie sie Aachen aus ihrem Blickwinkel sehen. Daran, dass viele Autoren aber zum Beispiel sehr passende Figurennamen aus der Region gefunden haben, sieht man ja, dass sie nicht aus dem hohlen Bauch heraus geschrieben haben.

Haben Sie schon einmal versucht, über eine fremde Region zu schreiben?

Lehmkuhl: Das habe ich mich bislang nicht getraut. Das Spezifische an regional verankerten Krimis ist ja, dass darin Kenntnisse aus der Region weitergegeben werden und die Leser erfahren, was in der Region passiert – und, dass man jedes Detail nachverfolgen und recherchieren kann. Deshalb sind ja auch Touren zu den Schauplätzen der Krimis so beliebt. Und deshalb lesen so viele Menschen gerne Krimis aus Urlaubsregionen wie Sylt oder Ostfriesland.

Foto: Criminale_Marionettenspiel

Wo spielt Ihre Geschichte für die Aachen-Anthologie?

Lehmkuhl: Ich wollte gern mal über eine andere Ecke von Aachen schreiben, die noch nicht so viel in Krimis vorgekommen ist wie das Klinikum oder der Tivoli. Deshalb habe ich mir Kornelimünster und den historischen Stadtkern vorgenommen. Und da bietet sich der Historische Jahrmarkt natürlich an. So will ich die Leute mal aus dem Zentrum rauslocken und zeigen, dass es auch noch andere Flecken in Aachen gibt.

Was macht unsere Region für andere spannend?

Lehmkuhl: Die Region ist kulturell und historisch interessant. Sie ist landschaftlich schön und abwechslungsreich und von der Eifel bis nach Maastricht sehr attraktiv. Das sieht man ja auch daran, dass immer mehr Leute zu Besuch kommen.

Sie waren schon bei zahlreichen Criminalen dabei. Was bedeutet es Ihnen, dass das Festival nun hierher kommt?

Lehmkuhl: Für mich persönlich bedeutet es erst mal ein Wiedersehen mit Kollegen. Abgesehen davon finde ich es eine schöne Anerkennung für die Region. Aachen ist dafür prädestiniert, einerseits als Schauplatz von Geschichten, aber auch als Veranstaltungsort.

Gisa Klönne. Foto: zva/klönne
  • Gisa Klönne: „Im Feuilleton gibt es noch ein Ungleichgewicht“

Ihr Kurzkrimi für die Anthologie spielt beim Orden wider den tierischen Ernst. Waren Sie da schon einmal?

Gisa Klönne: Oh ja. Ich habe mich mit dem Präsidenten des AKV getroffen und mir das alles erklären lassen. Der hatte zum Glück sehr viel Humor – ich musste ihm schließlich sagen „Hören Sie, in der Geschichte wird etwas passieren, das Sie nicht wollen: Der Preisträger wird erschossen.“ Dann wurde ich zur Ordensverleihung eingeladen, damit ich mir das live anschauen konnte.

Fällt es Ihnen schwer, so einen „Auftrag“ wie für den Sammelband zu schreiben?

Klönne: Ja, schon. Einerseits hat man Vorgaben, die es etwas leichter machen. Gleichzeitig will man eine plausible Geschichte im Rahmen dieser gesetzten Dinge erfinden. Davon abgesehen macht jeder Kurzkrimi viel Arbeit, weil man ja trotzdem einen ganzen Kosmos erschafft und gerade für eine Anthologie auch humorvoll schreiben will.

Foto: zva

Sie haben für die „Emma“ und an einem feministischen Forschungsprojekt gearbeitet, Ihre Protagonistin ist eine Frau in einer Männerdomäne. Hat das Thema Feminismus Einfluss auf Ihre Arbeit?

Klönne: Ich schreibe nun einmal aus meinem Leben heraus, ich schreibe gegenwärtige Literatur, und ich erschaffe lebensnahe Figuren. Dafür recherchiere ich natürlich die realen Verhältnisse und beziehe ein, was ich beobachte. Und gerade im Krimi geht es um Missstände, durch die Verbrechen geschehen.

Sind Frauen im Krimi unterrepräsentiert – als Autorinnen und als Protagonistinnen?

Klönne: Als 2005 mein erster Judith-Krieger-Krimi gleich als Hardcover-Spitzentitel in einem großen Verlag erschien, war das noch fast ein Novum. Heute kann man nicht sagen, dass es einen Mangel an Autorinnen oder Kommissarinnen gäbe. Auch auf den Bestsellerlisten spielen viele Kolleginnen seit Jahren ganz oben mit. Schaut man aber darauf, wer Preise bekommt und wie im Feuilleton berichtet wird, gibt es noch ein Ungleichgewicht zugunsten der Herren.

Und die Bezahlung?

Klönne: Schwer zu sagen, weil man nie alle Zahlen offen sieht und es oft darum geht, wer besser verhandelt. Ob ein Gefälle da ist, kann ich nicht beurteilen. Aber inzwischen gibt es ja nicht nur Lektorinnen, Vetriebs- und Marketing-Leiterinnen auf allen Ebenen, sondern auch einige Verlagsleiterinnen – da hofft man doch, dass sich etwas tut.

André Marx. Foto: marx
  • Andre Marx: „Eine Reihe hat auch ihre Schattenseiten“

Was ist für Sie immer wieder spannend daran, sich neue Geschichten für Die drei ??? auszudenken?

Andre Marx: Ich bin mit den drei ??? aufgewachsen, hab die als Kind gelesen und gehört. Und für mich ist das daher auch immer ein Zurückkehren in die Kindheit. Das ist mein Privatvergnügen daran – dass ich noch mal zehn Jahre alt sein darf, sozusagen. Darüber hinaus, wenn ich davon wegrücke und es aus erwachsener Sicht betrachte, mag ich auch einfach die Herausforderung. Der Band, mit dem ich jetzt nominiert bin, ist ja der 200. Und 200 Fälle sind ja nicht so ganz wenig. Sich etwas Neues einfallen zu lassen, wird zwar schwieriger von Mal zu Mal, aber hat auch seinen Reiz.

Ist es manchmal auch schwierig, wenn einem der große Name der Reihe vorauseilt?

Marx: Natürlich ist es schön, sich gar nicht groß erklären zu müssen. Wenn man sagt, man schreibt für Die drei ???, wissen die meisten direkt, was das ist. Auf der anderen Seite: Dass ich da jetzt einer von fünf Nominierten bin, hat mich sehr überrascht, denn so eine Reihe hat auch ihre Schattenseiten. Denn normalerweise werden Serien bei Preisen oder in der Literaturkritik ignoriert, gelten nur als Lesefutter, dem man keine größere Aufmerksamkeit schenken muss. Umso mehr freut es mich, dass die Jury sich für diesen Band entschieden hat.

Foto: zva

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