Aachen: Kostümbasar im Theater Aachen: Bei jedem Kleidungsstück blutet das Herz

Aachen : Kostümbasar im Theater Aachen: Bei jedem Kleidungsstück blutet das Herz

Es hat doch jeder von uns diesen einen Pulli im Schrank, den man schon seit Jahren nicht mehr angerührt hat, sich aber trotzdem nicht von ihm trennen kann. Schließlich hatte doch die Omi den Pulli zu Weihnachten verschenkt, selbstgehäkelt versteht sich. Das ist ein Andenken, eine Erinnerung zum Anfassen. Renate Schwietert kennt dieses Gefühl ziemlich gut, nur hat sie weitaus mehr Kleidungsstücke, die sie am liebsten behalten würde.

Schwietert ist Leiterin der Kostümabteilung am Theater Aachen und sie kennt beinahe jedes Kleidungsstück im Fundus so gut wie die eigenen im heimischen Kleiderschrank. Umso schwerer fiel es ihr und ihrem Team, die prächtigen Kostüme aus Opernproduktionen, Musicals und Theaterstücken alle noch einmal anzusehen, um sich dann von den meisten von ihnen endgültig zu trennen. „Wir haben wieder richtig aussortiert“, sagt sie. Der Grund: Platzmangel, denn der Fundus platzt im wahrsten Sinne des Wortes aus allen Nähten.

Auch für Kinder sind in diesem Jahr viele Kostüme dabei.

Schuhe, Hüte, Reifröcke

Aus diesem Grund muss das Theater alle paar Jahre kräftig ausmisten. Über 2000 Kostüme werden am kommenden Samstag, 14. Oktober, beim Kostümbasar den Besitzer wechseln — und das in der Regel für kleines Geld. Darunter sind in diesem Jahr unter anderem Kinder- und Ballettgrößen, Gruppenkostüme, Herrenmäntel, prächtige Rokoko-Kostüme, Schuhe, Hüte und Reifröcke. Auch an Größen sei fast alles vertreten.

Die Kostüme werden an 40 bis 45 Garderobenständern hängen und den Preisen entsprechend markiert. Die Preise variieren zwischen drei bis zwanzig Euro, zudem gibt es für besonders ausgefallene Stücke Einzelpreise, die dann auch schon mal etwas höher ausfallen. Ein hübsches Rokoko-Kleid kostet etwa 70 Euro. Diese Stücke sind dann rot markiert. „Das sind wirklich gute Preise. Der Stoff hat für die meisten Stücke schon mehr gekostet“, sagt Schwietert. Ihr Ziel sei es, wieder mehr Raum für neue Kostüme zu schaffen und daher müsse man sich schweren Herzens von einigen verabschieden — auch zum günstigen Preis. „Manche sind so speziell, die werden wir wohl nicht mehr auf die Bühne bringen“, sagt sie.

Am Samstag sind auch Kostüme dabei, die schon älter als 15 Jahre sind, teils sogar um die 30 Jahre. „Die Kostüme sind einfach nicht benutzt worden“, sagt Schwietert. Man habe viele aufgehoben, in der Hoffnung, dass man sie irgendwann noch einmal gebrauchen könnte. „Sie sind alle so schön und teils aufwendig verarbeitet. Die Schneider wissen oft noch, wie viele Stunden sie daran gearbeitet haben. Wenn man sie jetzt weggibt, dann blutet schon das Herz“, so Schwietert weiter.

Doch es nütze nichts. Im Theater gäbe es ebenso Trends und Moden wie auch bei alltäglicher Kleidung. „Es gab eine Phase, da wurde im Theater die NS-Zeit aufgearbeitet. Daher brauchten wir früher viele Wehrmachtsmäntel. Diese Zeit ist vorbei“, sagt die Herrin der Kostüme. Also werden auch die meisten Mäntel nun den Fundus verlassen.

Ein paar Mäntel hebt Schwietert trotzdem auf. Auch ein paar Rokoko-Kleider werden bleiben, ebenso wie all die Kostüme, an denen die Kostümbildner noch zu sehr hängen. „Viele sagen, dass wir einen sehr guten Fundus haben“, sagt Schwietert. Ganz aufgeben wolle man den natürlich nicht. Alles leergeräumt wird also nicht.

Dennoch stehen sehr viele gute Stücke zum Verkauf. Unter anderem Kleidung aus der Oper Rigoletto, dem Familienstück Ronja Räubertochter, aus einer Aufführung des Dschungelbuches vor mehr als 20 Jahren und aus der Produktion „Gestochen scharfe Polaroids“. „Man sollte wirklich zuschlagen“, rät Schwietert. So schwer es ihr falle, die Kleider abzugeben, so sehr freue sie sich darüber, wenn die Kleider wieder getragen würden, beispielsweise zu Karneval oder Mottopartys. Und die Chancen stehen gut, beim letzten Basar vor zwei Jahren sei so gut wie nichts mehr übriggeblieben. „Diesmal haben wir es logistisch sogar noch besser geplant“, sagt Schwietert und lächelt.

Bis dahin müssen alle noch kräftig kramen und Platz schaffen für all die Kostüme. Die Garderobenständer werden dann im Hof des Mörgens und in der sogenannten Abschlachterei aufgestellt und immer wieder frisch beladen. „So haben auch Besucher, die später kommen, noch hübsche Kostüme zur Auswahl“, sagt Schwietert.

Und falls jemand ein Päuschen braucht, gibt es auch noch frischen Kaffee vom Barista.

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