Aachen: Konzert-Lesung: Jana Crämer erzählt von ihre Esssucht

Aachen : Konzert-Lesung: Jana Crämer erzählt von ihre Esssucht

Sie hat das Essen nur so in sich hineingestopft. Nachts, in riesigen Mengen. Heimlich, damit niemand etwas merkt. In manchen Nächten hat sie mehr als 10.000 Kalorien zu sich genommen, in etwa so viel wie acht bis neun große Fastfood-Menüs hintereinander. „Binge Eating Disorder“, Esssucht, nennen Fachleute solche Heißhungerattacken.

Seit ihrer Kindheit leidet die Autorin und Bloggerin Jana Crämer an dieser Essstörung. 2015 hat die heute 36-Jährige darüber ein sehr persönliches Buch geschrieben: „Das Mädchen aus der 1. Reihe“. Und sie liest regelmäßig aus ihrem Roman vor Kindern und Jugendlichen in Schulen und Therapiezentren. Jüngst war sie in Aachen an der Käthe-Kollwitz-Schule zu Gast, gemeinsam mit ihrem besten Freund, dem Musiker Batomae. Denn der, sagt sie, habe die ganze Geschichte erst ins Rollen gebracht.

„Ich hatte nie den Plan, ein Buch zu veröffentlichen“, erzählt Jana Crämer am Rande der Konzert-Lesung. „Eigentlich war das eine Entschuldigung an Batomae, meinen besten Freund.“ An ihm habe sie häufig all ihren Frust ausgelassen.

Mit Batomae und seiner damaligen Band Luxuslärm war sie 2014 als Managerin auf Tournee. 170 Kilo brachte sie damals auf die Waage. Gesprochen aber hatte sie nie über ihre Essstörung. Nicht einmal Familie und Freunde wussten von den nächtlichen Essattacken. „Tagsüber, wenn andere dabei waren, habe ich immer nur Salat gegessen.“

Tagsüber nur Salat

Für den Freund, der das Wichtigste von ihr nicht wusste, schrieb Jana Crämer schließlich ihr gequältes Leben auf. „Aussprechen konnte ich das nicht“, sagt sie. Und seine Reaktion? „Er hat mir in seiner Sprache geantwortet, er hat für mich einen Song geschrieben.“ Aus dem Jugendroman „Das Mädchen aus der 1. Reihe“ und dem Titelsong „Unvergleichlich“ sowie vier weiteren Liedern aus der Feder von Batomae entstand das Projekt „Musik trifft Roman“.

Der Auftritt vor einer bunt gemischten Schülergruppe des Aachener Berufskollegs erzählt von Jana Crämers große Liebe, der Musik. Und von ihrem dunkelsten Geheimnis, der Essstörung. Es geht um eine junge Frau, die sich in einer Welt voller Schlankheitsbesessenheit und Schönheitswahn immer fehl am Platz, nicht gut genug und nicht schön genug fühlt.

Schockierend ehrliches Video

Jana Crämer erzählt mit viel Humor und Selbstironie, wie das dicke, schüchterne Mädchen sich in den tollen, gutaussehenden Sänger auf der Bühne verknallt. Im Publikum gibt es immer wieder spontane Lacher. Aber als Crämer eine Fressattacke schildert — „Zwischen den anderen Sachen immer wieder ein paar Löffel Eis, dann rutschte die Masse besser“ — da wird es still im Publikum. Sehr still.

An die 100 Mal haben Jana Crämer und Batomae ihre Konzert-Lesung schon gegeben. Viel mehr Aufsehen aber erregt ihr Video zum Lied „Unvergleichlich“, das mittlerweile mehr als eine halbe Million Aufrufe im Internet verzeichnet. Da zeigt Jana Crämer öffentlich ihren nackten, gezeichneten Körper. Sie zeigt das Fressen und das Kotzen. Leicht sei ihr das nicht gefallen, gesteht sie. „Aber Kunst muss ehrlich sein. Ich will das Schweigen brechen. So mit seinem Körper umzugehen, das ist nicht schön und nicht gesund.“

Jana Crämer hat lange gebraucht, sich professionelle Hilfe zu holen. Mittlerweile macht sie eine Therapie. „Seitdem geht es mir besser“, sagt sie. „Die guten Phasen sind heute sehr viel länger. Auch wenn ich vor kurzem wieder einen kompletten Rückfall hatte.“ Aber sie lernt allmählich, auch damit umzugehen.

Konzert und Lesung in Aachen enden mit einem sehr emotionalen Appell an das junge Publikum, sich helfen zu lassen, sich Freunden gegenüber zu öffnen: „Macht es nicht mit Euch alleine aus! Eine Essstörung ist alles, aber nicht cool!“

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