Brummende Kontrapunkte: Konzert der „classic lounge“-Konzerte im alten Straßenbahndepot der Talstraße

Brummende Kontrapunkte : Konzert der „classic lounge“-Konzerte im alten Straßenbahndepot der Talstraße

Es summt und brummt – nicht nur im Bienenstock am Eingang des Depots, sondern auch im Aachener Sinfonieorchester. Nachdem sich die Reihe bereits dem Weltraum („Interstellare Höhenflüge“) und künstlicher Intelligenz („Extreme Evolution“) gewidmet hatte, blickten Generalmusikdirektor Christopher Ward und Pia-Rabea Vornholt auf ein harmonisches Chaos im Kleinen: Bienen.

„Brummender Kontrapunkt“, lautete der Titel des Konzerts am vergangenen Freitagabend. Neben den Musikern waren auch Vertreter der Hochschulimkerei vertreten und boten den Zuhörern einen spannenden Einblick in die Welt der summenden und brummenden Honigsammler.

Ward leitete das Konzert mit einer kleinen, einfachen Erklärung zur musikalischen Theorie des Kontrapunktes ein, die sich verkürzt zusammenfassen lässt als eine Melodie, die gleichzeitig mit einer anderen Melodie gespielt wird, die voneinander unabhängig sind und doch eine gemeinsame Harmonie bilden. Bis zum Bienenstock ist es da nicht weit: auch dort arbeiten viele unterschiedliche Tiere zusammen und bilden eine harmonische Gruppe, die von außen chaotisch wirken kann.

Das unterstrich auch wunderbar das erste Stück, eine Komposition, die ursprünglich von Bach stammte und von Anton Weber aufgegriffen wurde: Die „Fuge (21. Ricercata) a sei (sechs, Anm. d. Red.) voci“. Schon die ersten Töne wussten zu überzeugen: ein sanfter Trompeteneinsatz, der mit einer butterweichen Oboe und samtenen Violas ergänzt wurde, und sich langsam zu einem Gesamtklang aller Orchesterinstrumente bis hin zur deutlich hörbaren Bassklarinette ausdehnte. Wenn der Zuhörer zudem in Rückbesinnung auf Wards Worte in die unterschiedlichen Instrumentgruppen hineinhörte, dann konnte er verschiedene Melodien durch das Orchester mäandern hören. Eine spannende und zugleich höchst befriedigende Art, sich mit dem Kontrapunkt auseinanderzusetzen.

Die Stücke des modernen estnischen Komponisten Arvo Pärt sind musikalische Besonderheiten. Jedes Stück ist einzigartig und Pärt schafft es wieder und wieder, mit den Anlässen seiner Werke zu überraschen: „Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte“ ist eines dieser Stücke. Zahlreiche Stimmen, die sie überlagern, vermengen, harmonisieren, auseinanderdriften, wieder zusammenfinden, aggressiv oder ganz ruhig miteinander oder gegeneinander ankämpfen – Pärts Anleihen bei Bienenschwärmen waren deutlich zu erkennen. Ebenso wie seine Anlehnung an den Meister der Fuge, Johann Sebastian Bach, dessen wiederum stark auf den Kontrapunkt setzende Kompositionen unverkennbar sind.

Am Schluss, das sei gesagt, ist es dann Bachs Klang alleine, der zurück bleibt. Die Bienen haben den Musiker verlassen. Vielleicht ist das auch die eigentliche Idee des Stückes: hätte Bach sich tatsächlich der Imkerei und nicht der Musik verschrieben, dann würden der Menschheit heute wertvolle musikalische Werke, vielleicht sogar ein ganzer Musikstil, fehlen.

Vor der Pause ließ Ward Bach mit seiner bekannten Kantate „Jauchzet Gott in allen Landen“ (BWV 51) selbst sprechen. Insbesondere die Leistungen von Solosopranistin Suzanne Jerosme überzeugten, ebenso wie das herausragende Spiel der Solotrompete.

Pärt überzeugt derweil nicht nur mit der Frage nach Bachs Imkerfertigkeiten: Die „Collage über B-A-C-H“, war nicht nur ein Wortspiel, sondern auch eine deutliche Reminiszenz an den Barockmusiker. Im ersten Satz, Toccata“, brummte es wieder in den tiefen Streicher, insbesondere die Kontrabässe konnten ihre besondere Klangfarbe einbringen. Auch war das Werk eine gute Gelegenheit für Ward, neue Klänge mit in die Musik einzubinden: mit Vogelgezwitscher und Insektengeräuschen aus den Lautsprechern starteten die Werke. Einen besonderen Reiz hatte zudem auch der zweite Satz: „Sarabande.“

Unharmonisches Durcheinander wechselte sich mit harmonischen, ganz im Stile Bachs komponierter Passagen. Es war, als würden Pärt und Bach ein Zwiegespräch führen, in dem beide ihren jeweiligen Stärken präsentieren konnten. Besonders das Cembalo stach hierbei hervor, als Bachs durchgehende Stimme: Das Instrument wirkte fast wie ein Fremdkörper in den eher chaotischen Phasen des Werks, da es als Instrument vom Hörer doch schnell in die Barockmusik verortet wird.

Abgeschlossen wurde das Konzert schließlich von einem Stück, dass sowohl an musikalischer Komplexität als auch interpretatorischem Spielraum nicht übertroffen wurde, und das, obwohl sein Titel fast nach einer Etüde, einem Übungsstück, klingt: Jörg Widmanns „Versuch über die Fuge.“ Und was für ein Versuch! Widmann selbst schrieb in einer SMS an Ward und das Orchester, dass es ein schwieriges Stück sei. Für die Zuhörer versuchte sich Ward auch an einer Interpretation des Stoffes, denn Widmann, der ansonsten viel zu seinen Stücken sagen kann, war diesmal eher schweigsam.

Es ginge um die Qual, immer wieder etwas Neues zu schaffen, sagte Ward und der Interpretation kann man sich anschließen. Denn die Qual war tatsächlich im Stück zu hören. Zunächst wiederholte Solosopranistin Jerosme mehrmals das Wort „Vanitas“ - Vergänglichkeit – bevor das Orchester einsetzte. Immer wieder hörte man die Anfänge einer Fuge, die sich durch das Orchester bewegen wollte, aber in einer Instrumentengruppe einen musikalisch qualvollen Tod starb, es wurde ein neuer Versuch gestartet, der ebenfalls kläglich scheiterte.

Mit Seufzgeräuschen und Bogenschlägen in der Luft wurde diese Mühe durch das Orchester auch bildlich veranschaulicht. Es war, als könne der Zuhörer fühlen, dass Widmann nicht mehr weiter weiß, dass er die Mühe sieht und – wie es auch im lateinischen Text zu hören war - doch „alles eitel“ sei. „Ist es der Mühe wert?“, könnte auch gefragt werden. Und wenn zum Schluss die Sopranistin wieder zum „Vanitas“ zurückkehrt, dann muss man diesem Klagen entgegenhalten: „Ja.“ Denn was Widmann geschaffen hat, ist einzigartig, neu und eine Auseinandersetzung mit der Frage nach dem „Neuen“ in der Musik, die man so lange nicht gehört hat.

Mehr von Aachener Nachrichten