Kommentiert: Alle müssen büßen

Kommentiert: Alle müssen büßen

So viel Selbstlob darf mal sein: Hätten die „Nachrichten“ nicht Ende April erstmals über die erheblichen Sicherheitsmängel am Tivoli berichtet, würden die meisten Aachener wohl heute noch glauben, ein schickes Stadion zu besitzen.

Kein Fußballfan, kein Steuerzahler hätte auch nur eine Ahnung von dem ungeheuren Desaster, das ein beinahe noch nagelneues und doch schon völlig marodes Stadion einer ganzen Stadt eingebrockt hat. Nicht mal der Stadtrat wäre wohl hinreichend informiert worden.

Mag ja sein, dass die Verwaltungsspitze für diese, nennen wir es mal zurückhaltende Informationspolitik Gründe hat. Einen Gefallen tut sie damit aber weder den Bürgern, die aller Voraussicht nach für einen Großteil des Schadens zahlen müssen und alle Rechte auf Aufklärung auf ihrer Seite haben, noch sich selbst. Ein Oberbürgermeister und eine Dezernentenriege, die eine Art Nachrichtensperre über den rund 50 Millionen Euro teuren Skandalbau verhängen, wirken nicht wie souveräne Krisenmanager. Sie befördern eher den Verdacht, das ganze Ausmaß vertuschen, beschönigen und kleinreden zu wollen.

Einerseits behauptet die Stadt, die wahren Schäden seien gar nicht so schlimm, andererseits müssen die Verantwortlichen zugeben, noch gar keinen genauen Überblick zu haben. Wie passt das zusammen? Bis heute weigert sich die Stadt, die gutachterlich erstellte Mängelliste offenzulegen. Was immer man über den Zustand des Stadiondachs, der Brandmelder, der Lüftungen, der Sicherheitsbeleuchtung, der Videoanlage oder über versäumte Wartungen erfahren will — es bleibt im Nebel. Bislang ist nicht mal sicher, dass der Spielbetrieb rechtzeitig zur neuen Saison wieder aufgenommen werden kann. Zwei bis drei Jahre werde es dauern, das doch erst 2009 eröffnete Stadion in einen akzeptablen Zustand zu versetzen, prophezeite jüngst Aachens oberster Gebäudemanager Klaus Schavan. Das hört sich nach Bruchbude an und lässt ahnen: Es wird richtig teuer.

Wer ist dafür verantwortlich? Ein durchtriebener Bauunternehmer? Ein profilierungssüchtiger und fußballbesoffener Alt-Oberbürgermeister? Überforderte oder womöglich auch korrupte Ex-Alemannia-Verantwortliche? Ahnungslose Politiker, die sich im Zuge der Umfinanzierung und des Stadionkaufs immer tiefer in einen Schlamassel verstrickten, den sie nie überblicken konnten? Eine Mischung aus allem?

Einige Fragen werden nur mit Hilfe der Staatsanwaltschaft und Gerichte geklärt werden können, andere werden wohl immer unbeantwortet bleiben. Und am Ende wird es heißen: In dem Betonklotz sind Steuergelder in Millionenhöhe verbrannt worden. Doch es könnte schlimmer sein: Hier büßt womöglich eine ganze Stadt noch lange für ihren eigenen Größenwahn und dafür, dass sich einige wenige bereichert haben.

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