Kolloquium an der RWTH Aachen zum Shopping der Zukunft

Shopping der Zukunft : Neue Dinge wagen, andere Wege gehen

„Wir wollen ein bisschen mehr New York für Aachen.“ Der Satz hätte normalerweise jeden vor Lachen glatt vom Stuhl gehauen – was er aber nicht tat. Denn er stand am Ende eines fulminanten und mitreißenden Video-Vortrags, den Patricia Yasmine Graf von der Aachener „Hotel Total Kreativ-&Eventagentur“ vor dem „Städtebaulichen Kolloquium“ des RWTH-Instituts für Städtebau unter Leitung von Professorin Christa Reicher hielt.

Mit wiederum drei Veranstaltungen im Foyer des Reiff-Museums setzt das Kolloquium auch im Sommer 2019 seine Reihe fort zum Thema: „Innenstadt + Handel“. „Wie sieht das Shopping in der Zukunft aus?“ hieß dieses Mal die Frage. Patricia Graf antwortete mit „Zukunft Total – Only the brave“, nur den Mutigen gehört die Zukunft. Was Mut bewirken kann, hatte die Grafsche Agentur schon einmal demonstriert.

Mit ihrer Erfolgsidee „Hotel Total“ lockte sie 2016 für drei Monate Zehntausende Besucher in die zu einem Kunst-, Kultur- und Event-Zentrum umfunktionierte ehemalige Aachener Kirche St. Elisabeth an der Jülicher Straße.Das Projekt wurde von der „NRW Kulturförderung“ mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet. Es folgte ähnlich spektakulär im vorigen Jahr von Mai bis Oktober das „Pop-up-Café Total“ im früheren „Lust for Life“.

Nun die Vision für Aachen mit einem Hauch à la New York. „So wie bisher läuft es nicht mehr“, bilanzierte Graf jedenfalls den Wandel einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft. Die sei „auf der Suche nach dem Erlebnis“, weshalb auch der Handel seine Beziehungen zum Kunden wandeln müsse. In der „innovativen Innenstadt von morgen“ müsse der Handel beispielsweise kostenlose Online-Beratung und flächendeckend W-Lan anbieten.

Wie es funktioniert, hässlichen Leerstand in verödeten  Einkaufsstraßen in „das Stadtbild verschönernde, temporäre Ateliers“ zu verwandeln, zeigte Patricia Graf an Projekten rund um den Globus bis zu Beispielen aus New York: sogenannte Concept Stores, die Laden und Event kombinieren und Verweilqualität bieten.

„An einem Strang ziehen“

„Neue Dinge wagen, andere Wege gehen, Räume bespielen, mal eine Kooperation eines Ladens mit der Cocktailbar von nebenan probieren“, regte Graf an. Mut brauche es dazu. Politik, Handel und Bürger müssten „gemeinsam an einem Strang ziehen“. Jeder Akteur müsse sich fragen, was er zu einer attraktiven und florierenden Innenstadt beitragen könne.

Zuvor hatte Jörg Hamel, Geschäftsführer des Handelsverbands Aachen-Düren-Köln, die Wichtigkeit des Handels hervorgehoben: 50 Millionen Kundenkontakte täglich bundesweit, drei Millionen Beschäftigte bei 300.000 Unternehmen, eine höhere wirtschaftliche Leistung als die Automobilindustrie. Doch das „Konsumbarometer“ weise nach unten. „Die Stimmung bei den Händlern trübt sich ein, besonders die kleinen Geschäfte leiden“, berichtete Hamel. Er wies auf den Online-Handel, der in manchen Branchen schon 50 Prozent ausmache. Jörg Hamel: „Die Dramatik ist auch in den 1A-Lagen angekommen, auch in den Zentren wird es extrem schwierig.“ Wie die Probleme zu meistern seien, sei „schwer, pauschal zu beantworten“. Jedes Unternehmen müsse je nach Standort „individuelle Konzepte“ finden. „Was aber nicht geht, ist gar nichts zu tun“, mahnte Hamel.

Der pensionierte Stadtplaner Wolfgang Echelmeyer aus Münster warf dem Einzelhandel vor, „zu dröge, zu steif“ zu sei. Der Handel müsse beim Käufer ein „Lust-Erlebnis“ wecken. Er berichtete von „verrückten Läden“ in Köln-Ehrenfeld, wo es keinerlei Leerstände gebe. Begeistert stimmte er dem Graf-Vortrag zu: „Die Kunden wollen emotional abgeholt werden.“ Professor Alfred Hirsch von der Universität Witten/Herdecke sprach von „Nicht-Orten und anthropologischen Orten“. Mit letzteren meinte er die „Notwendigkeit von Orten, wo sich Menschen zusammenfinden und der Handel durch Kreativität die Innenstädte bewegt“. Die immerzu wachsende Mobilität führe zu einer Immobilität in den Innenstädten, weshalb die Politik gefordert sei, „intelligente Verkehrskonzepte“ zu erarbeiten. „Wir müssen die Erreichbarkeit der Städte weiterdenken, sie muss anders gedacht werden als bisher.“

Es gehe um die „Attraktivität des Ortes an sich“, um das Umfeld, in dem Handel stattfinde, bemerkte eine Dame in der Diskussion. Andernorts würden sich Händler, Hauseigentümer, Verwaltungen und Politik zu Standortgemeinschaften zusammenschließen und überlegten gemeinsam, wie das innerstädtische Umfeld zu verbessern sei. „Warum geschieht das nicht schon längstens in Aachen?“ fragte sie. Solche Gemeinschaften zu gründen, sei sicherlich eine Aufgabe der Stadt, antwortete Jörg Hamel, doch seien Eigentümer leider oft nicht zu erreichen, „weil sie irgendwo in der Welt sitzen“. Professor Alfred  Hirsch formulierte es drastischer: „Die kassieren fernab ihre dicken Mieten und wie es in den Innenstädten aussieht, geht denen am Arsch vorbei.“

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