Aachen: Klares Ziel der JVA: weniger Sicherungsverwahrte

Aachen: Klares Ziel der JVA: weniger Sicherungsverwahrte

Seit dem 1. Juni ist die Neuregelung der Sicherungsverwahrung (SV) in Deutschland rechtskräftig. Das Gesetz verlangt, neben einer deutlichen Abgrenzung zum regulären Strafvollzug vor allem die intensivere therapeutische Betreuung von Gewalt- und Sexualstraftätern, die sich bereits in der Sicherungsverwahrung befinden oder denen sie nach Verbüßen ihrer Haftstrafe droht. Klares Ziel der Novellierung ist, die Zahl von sicherungsverwahrten Straftätern zu reduzieren.

Die Justizvollzugsanstalt Aachen ist dabei, sich auf die neuen Rahmenbedingungen einzustellen. Das Behandlungsspektrum in beiden Bereichen wird erweitert, insgesamt werden zwei neue Psychologen und zwei Sozialarbeiter eingestellt. „Die Einstellungszusage habe ich bereits erteilt, derzeit läuft die Sicherheitsüberprüfung“, erklärt Reina Blikslager, Leiterin der Justizvollzugsanstalt Aachen. Die Abteilungen für Sicherungsverwahrung und Inhaftierte mit Anschluss-SV werden durch interne Umstrukturierung auch im allgemeinen Vollzugsdienst verstärkt, die geplante Personalreduzierung entfällt.

Reina Blickslager, Vollzugsbeamter Michael Stürmer und Dagmar Kotthaus (v.l.) in einer ehemaligen Gemeinschaftszelle, die zum Büro- und Therapieraum umgebaut wird.

Änderungen gibt es in Aachen schwerpunktmäßig in den drei Abteilungen für Inhaftierte mit Anschluss-SV, also Gefangene, denen nach Absitzen ihrer Freiheitsstrafe die Sicherungsverwahrung droht. An der Krefelder Straße 251 sind das derzeit 30 Männer.

Die Hoffnung ist, einige von ihnen durch die auf Resozialisierung zielende, intensivere Behandlung nach verbüßter Haftstrafe auf Bewährung entlassen zu können und nicht in die SV stecken zu müssen. Blikslager ist aus ihrer Zeit in Aachen aber „kein Fall präsent, wo tatsächlich vor Antritt die Sicherungsverwahrung zur Bewährung ausgesetzt worden ist“.

Die Abteilungen werden umstrukturiert, um eine optimale psychologische Betreuung zu erreichen. Die baulichen Veränderungen bleiben überschaubar: Die Gemeinschaftsräume sind abgeschafft. Sie wurden zu Büroräumen für die zuständige Sozialarbeiterin umfunktioniert, in denen auch Gruppensitzungen abgehalten werden können. Die Kapazität verringert sich dadurch von 21 auf 17 Häftlinge pro Station.

„Die Arbeit hier verändert sich, indem wir zwei offene Wohngruppen und eine geschlossene Abteilung für diese Gruppe von Gefangenen einrichten. Wir müssen ein Konzept erarbeiten und wir müssen eine breitere Palette an Behandlungsmaßnahmen anbieten,“ erläutert Dagmar Kotthaus, seit 13 Jahren Sozialarbeiterin in der JVA. Das Behandlungsspektrum reiche von themenzentrierten Gesprächsgruppen — Themen sind beispielsweise Selbst- und Fremdwahrnehmung, Kommunikationstechniken oder Umgang mit Gefühlen — bis hin zu häuserübergreifenden Maßnahmen wie den Behandlungsprogrammen für Sexualstraftäter oder inhaftierte Gewalttäter.

„Basisfähigkeiten“

Einmal in der Woche werde ein „Plenum“ angeboten, in der mit Bewohnern der Gruppe organisatorische Dinge besprochen werden können. Daneben gebe es ein Themenplenum, in dem Inhaftierte alleine oder zu zweit ein Thema aus Politik, Wirtschaft, Sport und anderes ausarbeiten können, das sie interessiert. „Letztendlich sollen mit den Inhaftierten hier Basisfähigkeiten erarbeitet werden für spätere Behandlungsmaßnahmen. Die Wohngruppen sollen die Bewohner für eine anschließende Sozialtherapie vorbereiten“, erklärt Kotthaus. Die fände dann entweder in der JVA Siegburg oder in Gelsenkirchen statt.

Die JVA-Leiterin Reina Blikslager ist angesichts der neuen Regelung zuversichtlich: „Ich glaube tatsächlich, dass, wenn das Programm für die Gefangenen mit Anschluss-SV erst mal richtig läuft, nicht mehr jeder die SV antreten muss. Davon bin ich fest überzeugt.“

Auch was die 57 in Aachen bereits Sicherungsverwahrten angeht glaubt Blikslager, einige von ihnen vielleicht zur Entlassungsreife zu bringen.

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