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Missbrauch auch im Bistum Aachen : Scham über das Versagen einer Institution

In seiner letzten Predigt hat der Aachener Bischof Helmut Dieser die Situation schon mal zusammengefasst. „Was ihnen angetan wurde“, hat er in Richtung der Opfer gesagt, „hat das Zeug dazu, vom Glauben abzufallen.“

Dieser ist am Dienstag in Fulda bei der Deutschen Bischofskonferenz, als die „Studie über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Geistliche“ vorgestellt wird.

Die Konferenz selbst hat die Studie vor vier Jahren bei Kriminologen, Traumaforschern und Psychologen der Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen in Auftrag gegeben. Und was die Experten aus den 27 Bistümern zusammengetragen haben,  hat durchaus die Qualität, dass Menschen vom Glauben abfallen und dass die katholische Kirche in den Grundfesten erschüttert wird.  Bundesweit gab es zwischen 1946 und 2014 3677 Übergriffe von mindestens 1670 Beschuldigten – mehrheitlich Priester. Das ist jedenfalls das Ergebnis der Verfasser.

In Aachen übernimmt fast zeitgleich Generalvikar Andreas Frick die Aufgabe, den Missbrauch, den es auch im Bistum gegeben hat, öffentlich zu machen. Am Anfang steht eine Art Beichte. Der Seelsorger leitet mit einer Bitte um Entschuldigung ein. „Wir können das unvorstellbare Leid, das auch Kleriker des Bistums Schutzbefohlenen angetan haben, leider nicht ungeschehen machen, umso mehr gilt es, deren Leid zu lindern und um Verzeihung zu bitten für das Versagen der Institution.“

Das Bistum selbst hat den Beobachtungszeitraum ausgedehnt von 1934 bis 2016. Intern wurden 886 Personalakten und 64 Anträge auf Anerkennung des Leids ausgewertet. Hinweise, dass Akten manipuliert oder entgegen der Vorschriften vernichtet wurden, gäbe es in Aachen nicht. Das Ergebnis der internen Recherche: 55 Männer wurden des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. Die meisten von ihnen waren Weltpriester (50). Viele - aber nicht alle Vorfälle - liegen Jahrzehnte zurück, Verdächtige sind oft schon gestorben. Die Studienmacher hatten darum gebeten, mit Überlebenden ins Gespräch zu kommen. Es blieb fast immer beim Wunsch. „Es gibt keine Einsicht“, sagt Frick über die Kollegen.

Die Priester haben ihre Autorität unfassbar missbraucht für ihre Taten, sagen die Wissenschaftler.  Drei Viertel der Opfer standen demnach in einer kirchlichen oder seelsorgerischen Beziehung zu den Tätern. Missbrauch gab es im Ministrantendienst, Religionsunterrricht, bei der Vorbereitung auf die Erstkommunion oder Firmung, bei Ferienfreizeiten oder der Seelsorge. Es gibt viele Bereiche, in denen Priester zu Tätern wurden, indem sie ihre hierarchisch-autoritäre Position missbrauchten.  Frick sagt und man sieht es ihm an, dass er erschüttert ist, dass Priester statt sich um die Seelen zu sorgen sie häufig zerstört haben. „Die Übergriffe waren oft so gravierend, dass ganze Lebensentwürfe schwer geschädigt wurden.“ Dieses Trauma habe oft zu einer langen Sprachlosigkeit geführt. Als die Leidanträge gestellt wurden, lebten von den 55 beschuldigten Kirchendienern nur noch 19. Zehn Geistliche wurden vom Bistum sanktioniert, das reichte von der Suspendierung, über Versetzung in den Ruhestand, bis zur Entlassung.

Stellten die Missbrauchsstudie für das Bistum Aachen vor: Die Präventionsbeauftragte Almuth Grüner (v.l.), Herbert Déjosez, der Bischöfliche Beauftragte für die Prüfung von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs durch Geistliche und Generalvikar Andreas Fricke. Foto: Harald Krömer ZVA/HARALD KROEMER

Nicht einmal bei der Hälfte der Beschuldigten fand sich ein Vermerk in den Personalakten.  „Auch im Bistum wurde bis in die späten 70er Jahre der Schutz der Institution Kirche über den Schutz der Betroffenen gestellt. Das institutionelle Versagen empfinde ich al skandalös, weil es im absoluten Gegensatz zu dem steht, woran wir glauben.“  Die Verbrechen wurden über eine lange Zeit abgewiegelt, verharmlost und vertuscht.“Für das Vertuschen krimineller Taten können wir nur in aller Demut um Verzeihung bitten“, sagt Frick. Seit 2011 gilt auch im Bistum die Präventionsordnung wie für alle Diözesen, sagt Almut Grüner, die Präventionsbeauftragte. Haupt- und nebenamtliche, teilweise auch Ehrenamtliche, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, müssen ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Seit 2012 wurden 30.000 Mitarbeiter gezielt geschult, erwähnt sie.

Betroffen vom sexuellen Missbrauch waren im Bistum 86 Kinder und Jugendliche, die häufig über einen langen Zeitraum missbraucht wurden. Die Opfer sind überwiegend männliche Minderjährige, mehr als die Hälfte war zum Tatzeitpunkt nicht einmal 14 Jahre alt.

Missbrauch in der Kirche: Bistum Aachen bezieht Stellung

Insgesamt hat das Bistum Aachen bislang 320.000 Euro an Opfer gezahlt.  Auch in Aachen sind sie - ebenso wie die Verfasser der Studie - nicht sicher, dass das gesamte Ausmaß des Verbrechens nun bekannt ist. Frick ermutigt die Opfer, sich auch nach Jahren noch zu melden.

Die Forscher, die selbst keinen Zugriff auf die Originalakten hatten, mahnen an, „ambivalente Aussagen und Haltungen der katholischen Sexualmoral zur Homosexualität und die Bedeutung des Zölibats zu diskutieren“.  Schließlich - auch das ist ein Ergebnis - waren es weniger die verheirateten Diakone, die übergriffig wurden, vielmehr Priester.  Nur bei einer Minderheit der Beschuldigten gab es Hinweise auf Pädophilie, häufig aber auf unreife Sexualität, verdrängte Homosexualität oder Einsamkeit. Frick sagt, dass er die Fragestellung, ob das Zölibat noch zeitgemäß ist, verstehe.

Im Nachbar-Bistum Köln hat Kardinal Rainer Woelki eine externe Untersuchung zum sexuellen Missbrauch angekündigt, „um unabhängig und umfassend unser eigenes - auch institutionelles Versagen“ aufzuarbeiten. Dazu haben sie sich in Aachen noch nicht entschlossen, weitere Schritte werden nach der Rückkehr mit dem Bischof abgestimmt. Frick sagt auch: „Das Bistum steht für eine konsequente Haltung der Null-Toleranz, für rückhaltlose Aufklärung, für eine enge Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft und Transparenz.“