Aachen: „Kira“ bringt die Tagesmutter ins Haus

Aachen: „Kira“ bringt die Tagesmutter ins Haus

Wenn Sandra Claßen und Gabriele Webs-Former ins Haus kommen, dann können Mütter und Väter beruhigt das Haus verlassen. Oder sie können, wenn nötig, später heimkommen. Die beiden Frauen arbeiten als Tagesmütter in Familien. Sie sind spezialisiert auf die „Randzeiten“: zum Beispiel morgens, bevor Kindertagesstätte oder Schule öffnen; oder nachmittags, wenn die Eltern nach Kita-Schluss noch bei der Arbeit sind.

Sandra Claßen, Gabriele Webs-Former und 17 weitere Frauen aus der Städteregion Aachen sind die ersten, die sich erfolgreich zur „geprüften Servicekraft für familienunterstützende Dienstleistungen“ weitergebildet haben. Die Maßnahme des Aachener Dienstleistungs- und Qualifizierungsunternehmens Picco Bella wurde durch das Jobcenter der Städteregion begleitet und — über Bildungsgutscheine — gefördert.

Zehn der Absolventinnen, darunter Sandra Claßen und Gabriele Webs-Former, sind nun bei der Picco Bella gGmbH angestellt. „Wir wollen den Frauen eine existenzsichernde Perspektive bieten“, sagt Geschäftsführerin Christiane Feldmann. Picco Bella plant und organisiert die Einsätze.

Mit Hilfe der Tagesmütter können Eltern regelmäßig auftretende Randzeiten überbrücken, aber auch Hilfe in Notfällen bekommen. Deshalb trägt das Projekt auch den Namen „Kira“: Kinderbetreuung in Rand- und Notzeiten. Die Tagesmutter kommt ins Haus: Das ist ein zentraler Baustein des Konzepts. „So bleiben die Kinder in der vertrauten Umgebung und müssen nicht früh morgens aus dem Bett und aus dem Haus“, erklärt Feldmann.

Aufstehen, Frühstück, Schule

Gabriele Webs-Former kommt morgens um sieben zu „ihrer“ Familie, nur so schafft die Mutter es rechtzeitig zur Arbeit. Die Kinder schlafen dann oft noch. Die Tagesmutter sorgt dafür, dass sie rechtzeitig aus dem Bett kommen, sie sorgt fürs Frühstück und bereitet den Schultag vor. Nachmittags ist die Tagesmutter dann wieder pünktlich zur Stelle und übernimmt die Kinderbetreuung, bis die Mutter nach Hause kommt. Ihre Kollegin Sandra Claßen ist ebenfalls nachmittags in einer Familie im Einsatz und deckt dort die „Randzeiten“ ab.

Man braucht nicht einmal besonders exotische Arbeitszeiten zu haben, um bei der Kinderbetreuung in Bedrängnis zu geraten. „Schon eine Stunde am Tag, in der die Kinder nicht versorgt sind, macht besonders Alleinerziehenden große Probleme“, weiß Brigitta Brinker, Geschäftsstellenleiterin des Jobcenters, Bereich Markt und Integration. „Deshalb wollen wir den Familien eine qualifizierte Kinderbetreuung zur Verfügung stellen.“

Die Tagesmütter bringen nach ihrer neunmonatigen Weiterbildung ein ganzes Bündel an Qualifikationen mit. Sie sind zum Beispiel nach den Richtlinien des Bundesverbands für Kindertagespflege als „qualifizierte Tagespflegeperson“ ausgebildet. Alleine für dieses Zertifikat sind 160 Stunden Schulung nötig. „Insgesamt haben die Frauen bei uns aber 560 Stunden Ausbildung absolviert“, bilanziert Feldmann. Auch der wöchentliche Praktikumstag gehörte dazu. Gabriele Webs-Former hat besonders die pädagogische Ausbildung geschätzt. „Selbst als Mutter von mittlerweile großen Kindern habe ich da noch dazugelernt“, sagt sie.

Der Einsatz jeder Tagesmutter ist auf die speziellen Bedürfnisse der Familien zugeschnitten. „Wir machen alles möglich, was geht“, sagt Feldmann. Von den „Kira“-Tagesmütter verlangt das natürlich sehr viel Flexibilität. Sie springen auch ein, wenn die Schule früher schließt, wenn die Mutter plötzlich verreisen muss oder wenn das Kind krank ist und nicht in den Kindergarten kann. Und sie sind bereit, auch mal abends oder am Wochenende einzuspringen.

Familien können die neue „familienunterstützende Dienstleistung“ bei Picco Bella buchen. Seit Januar läuft das Angebot, und die Resonanz sei vielversprechend, berichtet Feldmann: „Wir haben viele Anfragen.“ „Kira“ ist aber durchaus auch was für Unternehmen, die damit ihre Beschäftigten unterstützen möchten.

Doppelter Gewinn

Aus Sicht des Jobcenters ist „Kira“ ein doppelter Gewinn: für die Familien, die Hilfe im Alltag bekommen, aber auch für die Arbeitssuchenden, die durch die Qualifizierung eine neue berufliche Perspektive gewinnen.

„Wir integrieren unsere eigenen Kunden in den Arbeitsmarkt und unterstützen so Eltern bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, fasst Simone Peters, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt beim Jobcenter, zusammen. „Die einen arbeiten, damit die anderen arbeiten können.“

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