Aachen: Kinder schaffen bleibende Werte

Aachen : Kinder schaffen bleibende Werte

„Kommst du?“ Luca schaut an Stephan hoch. Der Zehnjährige hat den 17-Jährigen gerade kennengelernt. Gemeinsam haben sie mit anderen Kindern aus alten Paletten ein Holzregal gebaut. Es soll ein Tauschregal werden. Dafür wollen die beiden Jungen jetzt noch ein Schild malen. Vielleicht war Luca ein bisschen beeindruckt, wie sicher Stephan mit Hammer, Stichsäge und Schleifmaschine umgehen kann.

„Ich weiß längst, wie das geht“, bestätigt der. Dass Stephan Teilnehmer der Stadtrandfreizeit des Familienentlastenden Dienstes (FeD) der Lebenshilfe ist, Luca bei den Ferienspielen der Auferstehungskirche mitmacht — der eine also eine Behinderung hat und der andere nicht — spielte beim Freundewerden keine Rolle.

Ein Schnitt mit der Flex durch den Zaun zwischen dem Gelände der Auferstehungskirche und der Lebenshilfe hat Luca und Stephan zusammengebracht. Und nicht nur sie: Hier wird abgeklatscht, da gemeinsam dem Ball nachgejagt, Teller drehen sich auf Fingern und Holzstäben, Zeitungsseiten werden zu Schnipseln, später zu handgeschöpftem Briefpapier verarbeitet.

Aus der Küche riecht es verführerisch nach Pflaumenkuchen. Begegnungen von Kindern mit und ohne Behinderung ermöglichen, ohne sie zu erzwingen — das wollten die Organisatoren der Ferienspiele der Auferstehungskirche und der Stadtrandfreizeit des Familienentlastenden Dienstes (FeD) der Lebenshilfe einfach mal ausprobieren.

„Unsere Grünflächen grenzen aneinander — es bietet sich wirklich an“, meint Lea Erkens, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des FeD. Zeitlich überschneiden sich die Ferienangebote für Kinder der beiden Träger ohnehin. Und die evangelische Gemeinde ist dankbar, dass nicht alle 70 Kinder, die an der Auferstehungskirche angemeldet sind, in ihren Räumen essen müssen. Ein Zelt im Garten und ein großer Gruppenraum der Lebenshilfe lösen ihr Raumproblem.

Als einzige geplante gemeinsame Aktion steht jetzt ein Projekttag hüben wie drüben an. Jeder geht dahin, wo er für sich den meisten Spaß erwartet. Frieda will unbedingt lernen, Teller auf Stäben zu balancieren. Konrad ist auch dabei. Andere werden kreativ: Sie schöpfen Papier, basteln aus Müll und Hühnerdraht Fischkunstwerke oder fädeln Perlen zu Ketten auf. „Ob das nun in Räumen der Lebenshilfe oder bei uns ist, ist den Kindern herzlich egal. Wenn sie Kuchen backen wollen, gehen sie zur Lebenshilfe, wenn sie ein Regal zusammenzimmern wollen, sind sie eben hier“, beobachtet Pfarrer Martin Obrikat einen sehr pragmatischen Umgang der Kinder mit dem Angebot.

Obrikat vermittelt den Kindern gern lebenspraktische Fähigkeiten und „Weltwissen“: sägen und hämmern mit echtem Werkzeug, informieren über die verschmutzten Meere, Exkursion zur Müllabfuhr — das diesjährige Oberthema bei den Ferienspielen der Auferstehungskirche lautet „Müll“. Um Lebenspraxis geht es immer auch bei den Angeboten der Lebenshilfe: Bienenworkshop, Stadtbummel, auswärts essen gehen — 21 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene nahmen insgesamt bei der zweiwöchigen Stadtrandfreizeit des FeD teil.

„Und der offene Zaun vermittelt sehr leicht noch eine weitere Alltagsfähigkeit: Umgang mit allen Menschen“, lautet Erkens‘ positives Fazit. „Wir haben schon lange ein gut funktionierendes Nachbarschaftsnetzwerk — egal ob bei Gemeindefesten, bei der Nacht der offenen Kirchen oder anderen Gelegenheiten. Jetzt sind auch die jungen Menschen mit dabei.“

Ein Tor wird den Zaun bleibend durchlässig machen. Und den gemeinsamen Projekttag soll es im nächsten Jahr auch wieder geben. Luca und Stephan denken so weit noch nicht. Jetzt wollen sie erst einmal ihr buntes Schild auf dem Regal befestigen. Gemeinsam.

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