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Orden wider den tierischen Ernst: Berliner Heiligtumsfahrt

Orden wider den tierischen Ernst : Berliner Heiligtumsfahrt mit vier Orden

Endlich hat die CDU eine Idee, wie sie die heikle K-Frage löst. Ein Aachener Karnevalsverein hilft. Doch der Ministerpräsident ist noch skeptisch.

Da gibt es nichts zu lachen. Die Angelegenheit ist aus Aachener Perspektive brisant und politisch ohnehin heikel. In der Düsseldorfer Staatskanzlei äußert sich Ministerpräsident Armin Laschet deshalb auch nur vorsichtig im Gespräch mit unserer Zeitung, dessen streng vertrauliche Inhalte auf keinen Fall bekannt werden dürfen und deshalb nur auf dieser Seite unter Ausschluss der Öffentlichkeit veröffentlicht werden.

Laschet wird in gut einer Woche den berühmten „Orden wider den tierischen Ernst“ vom Aachener Karnevalsverein (AKV) erhalten, obwohl nach dem dortigen Grundgesetz Aachener von dieser Verleihung ausgeschlossen sind. Darum wird bereits von einem gefährlichen Präzedenzfall gesprochen. Denn seit Jahren arbeitet der Vorsitzende des Aachener Karlspreisdirektoriums, Jürgen Linden, daran, selbst diese hohe europäische  Auszeichnung zu erhalten. „Ja, ich weiß das“, sagt Laschet. „Aber der Sündenfall hat mit dem Karlspreis für Martin Schulz doch längst stattgefunden.“ Womit der Aachen-Burtscheider die Grenzen seiner Heimatstadt ungefragt ausweitet. „Wir müssen städteregional denken.“ Linden empfiehlt er, statt auf den Stier als europäischem Symboltier lieber aufs Pferd zu setzen: „Er könnte ja beim Großen Preis von Aachen mitreiten.“

Spahns Pech

Das eigentliche politische Explosionspotenzial liegt allerdings darin, dass sich ein lokaler Karnevalsverein in die Diskussion um den künftigen CDU-Kanzlerkandidaten einmischt. Ob das vereinbar ist mit den demokratischen Prinzipien der Bundesrepublik? Laschet zeigt sich gelassen: „Da gibt es gar keine Brisanz – im Gegenteil. Der AKV beweist feines Gespür für diplomatisch heikle Feinheiten. Annegret Kramp-Karrenbauer, Markus Söder und Friedrich Merz sind ja bereits Ordensritter. Es war also für mich jetzt die letzte Chance gleichzuziehen.“

Weil Jens Spahn – aus welchen Gründen auch immer – vom AKV nicht berücksichtigt wird, ist er mittlerweile auch aus dem Rennen um die Merkel-Nachfolge ausgeschieden. Laschet möchte ursächliche Zusammenhänge weder bestätigen noch zurückweisen. Er dementiert allerdings vehement, dass AKK, Merz und Söder beim AKV interveniert hätten, seine Nominierung auf jeden Fall rückgängig zu machen. „Das sind die üblichen Spinnereien der Aachener Zeitungen. Alle drei haben notariell versichert, dass das nicht der Fall war. Ihre entsprechenden Erklärungen sind beim Merkelschen Nachlassgericht deponiert.“

Merkels Blazer

Mit den vier Aachener Rittern Laschet, AKK, Söder und Merz erwachsen der CDU jedenfalls bisher ungeahnte Möglichkeiten, indem sie deren vier „Orden wider den tierischen Ernst“ im Berliner Adenauer-Haus in einen Schrein legt und im Frühjahr eine eigene Heiligtumsfahrt organisiert. Während in der CDU-Zentrale entsprechende Vorbereitungen längst laufen, rät Laschet energisch davon ab: „Reliquienverehrung gibt es in der CDU noch nicht. Bei Heiligtümern handelt es sich auch eher um Kleidungsstücke. Vielleicht lässt sich da in fernerer Zukunft mit Merkels Blazern was machen.“ Der künftige Ritter steht nach eigener Aussage allenfalls als Tenor für einen vierstimmigen Chor zur Verfügung.

Gleichwohl will Laschet nicht ganz ausschließen, dass sich mit Aachener Hilfe die Chance ergibt, die heftig diskutierte Kanzlerkandidatenfrage zu lösen. Denn es wird durchaus erwogen, dass der Aachener Dompropst Rolf-Peter Cremer aufs Brandenburger Tor klettert und die vier Orden als Pseudo-Heiligtümer von oben den Gläubigen auf dem Pariser Platz zeigt. „So könnte man es machen“, sagt Laschet, „und die Pilger per Akklamation abstimmen lassen. Die weiße Weste des Siegers – oder der Siegerin“, wie er schnell hinzufügt, „würde dann als Zugabe präsentiert. Die allerdings von der Turmgalerie des Aachener Doms – also quasi eine gemeinsame Ost-West-Verehrung, um die innere Einheit zu stärken.“

Die Chance, dass ein(e) Ordensritter(in) Bundeskanzler(in) wird, ist derzeit relativ groß. Wie groß ist die Gefahr, dass der AKV überschnappt? „Groß“, sagt Laschet. „Die Gefahr ist aber trotzdem zu bannen, weil die Aachener im Kern wissen, dass die bescheidensten Karnevalisten im AKV zu finden sind.“ Und wenn Grünen-Chef Robert Habeck Bundeskanzler wird? „Dann waren alle Mühen umsonst. Dann würde er nach dem Willen des AKV 2022 sicherlich Ordensritter. Und die Damen des AKV-Balletts würden dahinschmelzen vor diesem Philosophen und Womanizer.“

Armin Laschet schreibt seine Rede für übernächsten Samstag selbst. Merz hatte 2006 seine Ritterrede in großen Teilen aus einem Internet-Magazin abgeschrieben. Die damaligen Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan mussten ihre Ämter aufgeben, als ihre Plagiate bekannt wurden. Warum musste Merz nicht zurücktreten? „Wovon hätte er zurücktreten sollen?“, fragt Laschet. „Er hatte ja nichts. Aber angemessen wäre es schon gewesen, weil in seiner Ritterrede Fußnoten fehlten.“

Als der langjährige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm 1985 den Orden bekam, sagte er: „Nun bin ich endlich was geworden: der kleinste Kerl – der größte Orden.“ Laschet sieht sich zwischen Gregor Gysi und Constantin Freiherr von Heereman körperlich ganz gut aufgehoben, politisch eher nach oben orientiert... Aber das möge man um Gottes Willen nicht gleich wieder zu weit interpretieren.

Laschets Sitzungen

Es ist nicht so, dass der rheinische Ministerpräsident noch keine Karnevalsorden hätte; darunter sind so ausgefallene wie der Bonner Mäuseorden, das Närrische Steckenpferd der Krefelder Prinzengarde oder der Lachende Amtsschimmel vom Deutschen Beamtenbund. Er habe sogar jede Menge davon, mehrere hundert. „Das heißt, dass ich auf mehreren hundert Sitzungen war – viele Stunden, jeweils von 18 Uhr bis nach Mitternacht.“

Und nun also der „Orden wider den tierischen Ernst“, der laut AKV-Ordensstatut  für „Humor im Amt“ verliehen wird. Das wiederum sei eigentlich nichts Besonderes, sagt Laschet, weil es zur Amtsbeschreibung gehöre. „Denn ohne Humor lassen sich angespannte Situationen oft gar nicht überwinden.“ Demnach wäre der „Orden wider den tierischen Ernst“ gar nichts Besonderes. Das käme Laschet niemals über die Lippen – schon wegen der Heiligtumsfahrt.