Aachen/Eschweiler: Tausende Karnevalsorden werden pro Session verliehen

Vereinsgeschichte im Kleinstformat : Karnevalsorden sind glitzernde Zeichen närrischer Würde

Tausende Exemplare werden pro Session verliehen. Entwürfe erzählen Vereinsgeschichte mit Farben, beweglichen Elementen und Motiven im Kleinstformat. Die Produktion ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Heiß begehrt, Blickfang auf Frack und Abendrobe, funkelnder Ausweis närrischer Würde: Der Karnevalsorden ist Symbol für karnevalistische Tradition, tief verwurzelte Rituale und gesellschaftliche Spielregeln. Karneval ohne Orden? Undenkbar. Das kleine Kunstwerk, das bis zu 145 Gramm wiegen und diverse Formen annehmen kann, ist weit mehr als ein Accessoire. Seit 2014 steht der Rheinische Karneval auf der ­Unesco-Liste des „Immateriellen Weltkulturerbes“ in Deutschland. Die Orden sind so etwas wie die DNA, das Erbgut jedes Vereins. Die Motive können von naiv-lustig, närrisch-frech, politisch, romantisch bis pompös-prachtvoll alles sein.

Geschenk der Venetia

Es gibt sie bereits seit 1824. Damals schenkte „Prinzessin Venetia“, Narrenherrscherin des Südens, dem Kölner „Helden“, wie sich der spätere Prinz dort nannte, einen Orden. Der wiederum bedankte sich gleichfalls galant mit einem Orden. Ob das „Bützchen“ bei der Verleihung schon üblich war, ist nicht bekannt, aber denkbar. Die Geschichte dieser Auszeichnung lief an, die mit dem Leben der Bürger unter recht humorloser preußischer Herrschaft eng verbunden ist, denn dieser Orden war ursprünglich eine freche Persiflage auf staatliche und militärische Ehrenzeichen und sah ihnen nicht zufällig auf verblüffende Weise ähnlich.

„Der Ordensstern wird im Karneval wieder beliebter“, stellt Julia Samp, Kuratorin der Ausstellung „Pratschjeck op Fastelovvend“ im Aachener Centre Charlemagne, fest. Und noch eins ist ihr klar geworden: „Von der preußischen Pickelhaube ging man über zum Kappen-Zwang. Ironie und Protest gerieten nach und nach in den Hintergrund“, bestätigt sie. So ein Orden ist für manchen eine ernste Sache.

Tausende Karnevalsorden werden jährlich entworfen, produziert und verliehen. Ein Pin oder eine Anstecknadel am Revers können das Metall ersetzen. Allein in Aachen kommt man auf eine Stückzahl von rund 30.000 Orden, etwa 8000 davon hat in der aktuellen Session Prinz Tom I. verteilt.

Sascha Zarte­naer (links) und Guido Diefenthal sind die Geschäftsführer von „orden-exklusiv“. Jeder Orden hat dort seine Geschichte. Foto: zva/Andreas Herrmann

Der Kostenfaktor ist nicht zu unterschätzen, denn pro Stück kostet ein Orden sechs bis acht Euro. Würde man die Bemalung nicht im Ausland machen lassen, wären sie weit teurer. „Orden sind ein Wirtschaftsfaktor von bundesweit rund zehn Millionen Euro“, weiß Frank Prömpeler, Präsident vom Festausschuss Aachener Karneval (AAK), dem rund 50 Vereine angehören. „Aber ohne sie geht es nicht. Allerdings kreiert nicht jeder Verein für jede Session ein Exemplar.“

Neuentwicklungen spielen eine Rolle. Der Umgang mit Farben und Formen fasziniert. „Bewegliche Elemente und optische Effekte sind in den letzten Jahren modern geworden“, bestätigen Guido Diefenthal und Sascha Zartenaer, Geschäftsführer von „orden-exklusiv“ in Aachen. Da drehen sich winzige Gestaltungselemente, schaukeln an kleinen Ketten oder lassen sich verschieben und abnehmen. Die Optik? „Für mich entsteht der erste Entwurf auf dem Papier, von Hand, mit dem Bleistift. Dann erst kommt das Grafikprogramm des Computers“, betont Diefenthal, der in dieser Arbeit das kreative Werk seines Großvaters Matthias Stevens, lange Jahre Bühnenbildner am Theater Aachen und Leiter der Stadtpuppenbühne Öcher Schängche, fortsetzt.

Harry Ebert erfüllt Wünsche: In der Oecher Ordenswerkstatt ist man umgeben von glitzernden und glänzenden Ehrenzeichen der diversen Vereine. Neben Karnevalsorden gibt es hier auch Preistrophäen und Pokale. Foto: zva/herrmann

Jeder Extrawunsch stellt Erfindergeist und handwerkliches Können auf die Probe – wenn es etwa darum geht, echtes Holz oder fluoreszierendes Acryl als außergewöhnliche Effekte in den Orden einzubauen. Gold- und Silberlegierungen, hell oder matt, Glas- und Glitzersteine – all das ist wichtig. Und natürlich die Kalkulation. „Noch vor der bestellten Stückzahl ist der Prototyp das Entscheidende“, weiß Sascha Zartenaer. Immer wieder ein Ereignis: die Präsentation des fertigen Ordens, der bis zum Sessionsstart absoluter Geheimhaltung unterliegt. Da haben selbst gestandene Vereinspräsidenten Freudentränen in den Augen.

„Bei den Entwürfen darf bei uns jeder mitreden“, versichert Marco Zimmermann, Präsident der KG Rote Funken-Artillerie in Eschweiler. „Eine Idee kann man sogar in Strichmännchen umsetzen.“ Er weiß: Orden im Karneval bleiben begehrt. „Der Lohn für ein Ehrenamt, das anstrengend sein kann“, meint Zimmermann, der 2010 als Marco I. Prinz in Eschweiler wurde. Der Sessionsorden sei ein Statussymbol, hat er in langen Jahren erfahren: „Das Phänomen, warum man sich so sehr darüber freut, kann man letztlich nicht erklären.“ Und das will er auch gar nicht. Sein Partykeller ist bis unter die Decke mit Orden und Erinnerungen geschmückt – Zimmermann würde sich von keinem Stück trennen.

„Ja, Orden besitzen eine hohe Wertigkeit, man überreicht sie Ehrengästen aus Politik und Wirtschaft“, versichert Karl-Ludwig Fess, Präsident des Bundes deutscher Karneval (BDK), der 5344 Vereine in 16 Bundesländern mit rund 2,6 Millionen Mitgliedern vertritt. „Natürlich kann man sie in den Onlineshops der Vereine kaufen, aber das ist nicht dasselbe wie eine Verleihung, ein bisschen wie beim Militär.“ Er stellt fest, dass die Lust am Orden boomt, dass die Zahl der Ordensanträge (rund 2000 pro Jahr) beim BDK steigt, der damit langjährige Mitgliedschaft belohnt. Gibt es Regeln? Ordensmotive dürfen niemanden diffamieren oder beleidigen.

„Die Originalfarben sind wichtig, wenn es um Wappen und andere offizielle Elemente geht“, betont Harry Ebert, der zusammen mit Ehefrau Elke Hardt-Ebert die „Oecher Ordenswerkstatt“ in Aachen-Walheim betreibt. Die Profis richten sich nach dem Pantone Matching System (PMS), einem international verbreiteten Farbsystem, das in der Grafik- und Druckindustrie eingesetzt wird. Was mit Pokalen und Ehrenzeichen begann, hat sich auf karnevalistische Kundschaft aus Deutschland und dem nahen Ausland ausgeweitet, die sich in Eberts Schauraum sprachlos umschaut.

Bei der Stadtgarde Oecher Penn, Aachens ältestem Karnevalsverein, verwahrt Kommandant Georg Cosler im Marschiertor, dem Hauptquartier der Garde, sorgfältig die große Sammlung der Orden. Foto: zva/Andreas Herrmann

Es funkelt und glitzert wie in einem Märchen aus 1001 Nacht. Rund 4000 Motive gibt es zu sehen, und jedes Stück hat eine Geschichte. „Dabei darf man das solide Handwerk nicht vergessen“, betont Ebert. So kommen oft hochwertige Swarowski-Steinchen zum Einsatz. „Sie dürfen nur mit einem Spezialkleber befestigt werden, der sich nicht über den geschliffenen Stein schiebt“, betont Ebert. „Sonst ist es vorbei mit dem Funkeln.“

Arbeit mit der Injektionsspritze

Auf kleinstem Raum werden Jahreszahl, Namen, Logo und Wappen, manchmal sogar das Porträtfoto eines Prinzen untergebracht. Es gibt keinen noch so feinen Pinsel, mit dem man den Metalllack sauber auftragen könnte. „Es wird mit Injektionsspritzen unter Vergrößerungsgläsern gearbeitet“, verrät Ebert. Selbst die Rückseite des Ordens ist wichtig. Sie muss so beschaffen sein, dass sie den Anzug- oder Kleiderstoff des Trägers nicht abschabt oder mit irgendwelchen scharfen Kanten hängenbleibt.

Für Tollitäten ist der Orden ein Kernstück närrischer Autorität, das bleibt, gesammelt wird und turbulente Erinnerungen an eine unvergessliche Zeit speichert wie ein Computerchip. „Man weiß allerdings nicht so genau, wo die Orden bei den Ausgezeichneten später einmal bleiben. Der eine sammelt sie, der andere steckt sie in die Schublade, aber das spielt keine Rolle“, meint Georg Cosler, Kommandant der Stadtgarde Oecher Penn, dem ältesten Gardeverein in Aachen, der sich 1857 gegründet hat.

Der Entwurf wird geprüft: AKV-Präsident Werner Pfeil nimmt es genau, wenn sich ein zukünftiger Prinz beim Verein bewirbt. Foto: zva/Andreas Herrmann

Wann gibt es den Orden? „Die Verleihung sollte mit einer Leistung verbunden sein, das kann ein künstlerischer Beitrag, Vereinsarbeit oder eine andere Förderung sein“, sagt er. „Es ist wie beim militärischen Orden ein Dank, eine Auszeichnung in aller Öffentlichkeit und zwischen Vereinen eine Freundschaftsgeste.“ Akribisch werden im Aachener Marschiertor, dem Hauptquartier der Oecher Penn, die Orden aus über 160 Jahren verwahrt und chronologisch aufgereiht. Da gibt es sogar Serien, etwa mit Porzellanmedaillons – und stets ist der rundliche Tambourmajor der Penn mit seinem Stab dabei. Bei den Ordensentwürfen setzt Cosler auf Vielfalt. Nur zu unförmig und kantig sollten sie nicht sein. „Ich mag keine Frühstückbrettchen“, schmunzelt er. Sein Traumorden? „Einer mit Musik, mit dem Penn-Marsch, wenn wir das mal schaffen würden!“

Wo die Herren ein Prachtstück auf der Brust tragen, freuen sich die Damen eher über ein kleines, feingliedriges Exemplar an einer Kette, wie ein Schmuckstück. Wann der „Damenorden“ erfunden wurde, weiß allerdings niemand so richtig. Große Karnevalsgesellschaften wie der AKV (Aachener Karnevalsverein), der in diesem Jahr seinen 160. Geburtstag feiert und aus der „Florresei“ von 1829 hervorgegangen ist, haben in Sachen Orden einen Sonderstatus.

Der Käfig ist Tradition

Neben dem Sessionsorden wird alljährlich der „Orden wider den tierischen Ernst“ verliehen – kürzlich zum 70. Mal. Ritterin 2019 ist Bundeslandwirtschaftsministerin Juliane Klöckner, die als Marktfrau nicht nur Porree, sondern allerhand Kritik an Politik und Gesellschaft aus dem Körbchen zauberte. Das wird erwartet bei diesem Ritual, das sig­nalisiert das Ordensmotiv mit dem Käfig, auf dem der befreite Piepmatz sitzt und sein Lied pfeift. „Es ist die furchtlose Rede, die wir von Ritterinnen und Rittern erwarten“, betont AKV-Präsident Werner Pfeil. „Wir verleihen den einzigen Karnevalsorden gegen und nicht für etwas“, betont er.

Die Sammlung des Vereins zeigt eine Vielzahl von Exemplaren, die sich wie ein unterhaltsames Geschichtsbuch „lesen“ lassen, darunter eine lange Liste spezieller und fast vergessener Auszeichnungen wie den „Heuschreckenorden“ (1873-1939), der an die Freundschaft mit der Trierer KG Heuschreck erinnerte. Das ist Karnevalsgeschichte pur. Mit Hilfe der Dokumentation im Centre Charlemagne, die zahlreiche Leihgaben des AKV zeigt, kann man bis zum 10. März noch tiefer eintauchen in ein Brauchtum, das von der jeweiligen politischen Situation nicht unberührt blieb. Neben allerlei Schrifttum von der Einladung zur Festsitzung bis zum „Gestellungsbefehl“ des Pennsoldaten sind dabei die Orden Zeichen des Zeitgeistes.

Julia Samp, Kuratorin der Ausstellung „Pratschjeck op Fastelovvend. Karneval in Aachen und Umgebung“ im Aachener Centre Charlemagne, lässt sich gern vom Karnevalsexperten Frank Prömpeler, Präsident des Festauschusses Aachener Karneval (AAK), beraten. Foto: herrmann/Andreas Herrmann

Aus dem kleinen Stern wurde bald ein Objekt, das Vereinshistorie erzählt und Informationen zu den Prinzen liefert. Die Brezel? Unverkennbar, ein Bäckermeister, Prinz Helmut II. 1978. Eine Nähmaschine? Prinz Wim I., 1964, Textilmaschinenspezialist aus Aachen.

Viel „Herz“ für Ordenstraditionen zeigt in dieser Session der Ausschuss Aachener Karneval. Der Orden spricht für sich: Das rote Herz-Symbol in der Mitte lässt sich als Pin abnehmen und einem anderen Menschen als Zeichen der Zuneigung anstecken. Die Ordensmitte ist dennoch nicht leer. Dort steht: „Hazz verjevve“ (Herz vergeben). Auch AAK-Präsident Prömpeler hat sein Herz verschenkt und zeigt das mit diesem Orden.