Aachen: Karlspreisträger musste erst in Indien aufgespürt werden

Aachen: Karlspreisträger musste erst in Indien aufgespürt werden

Üblicherweise folgt die Kür des neuen Karlspreisträgers einem festen Ritual: Freitags zieht sich das 17-köpfige Karlspreis­direktorium zur Klausur zurück und verständigt sich unter strikter Geheimhaltung auf einen Namen. Samstags wird dann die vorgewarnte Presse kurzfristig und meist um die Mittagszeit zur Verkündung ins Rathaus eingeladen.

Diesmal aber wurden die Pressevertreter auf Sonntag vertröstet, was sogleich wilde Spekulationen über die Gründe hervorrief.

Hat sich das Direktorium nicht einigen können? Hat der Preisträger dem Gremium einen Korb gegeben? Alles falsch, stellte Oberbürgermeister Marcel Philipp klar, der am Sonntag gegen 14 Uhr gemeinsam mit Karlspreissprecher Jürgen Linden vor die Presse trat und den Briten Timothy Garton Ash als neuen Preisträger bekanntgab.

Der Name habe auch schon am Vortag festgestanden, versicherte Philipp, man sei aber schlicht und einfach noch nicht „sprachfähig“ gewesen, weil man Garton Ash, der zurzeit in Indien auf Vortragsreise ist, zunächst gar nicht erreicht habe und über sein Glück informieren konnte.

„Spannende Diskussion“

Nach einer „spannenden und positiven Diskussion“ habe man sich auf einen Wissenschaftler, Denker und eingeschworenen Europäer verständigt, der viel dazu zu sagen habe, wie sich dieses Europa weiterentwickeln könne, erklärte Philipp. Und mit ihm zeigte sich Linden überzeugt, dass man mit diesem Mann, der einstimmig benannt wurde, die richtige Wahl zur richtigen Zeit getroffen habe. Der Karlspreis sei zwar „ein politischer Preis“, wie Linden betonte, doch ein Politiker habe sich — wie schon im vergangenen Jahr — auch diesmal nicht als Preisträger angeboten.

Für Garton Ash sprechen aus Sicht von Jürgen Linden insbesondere drei Punkte: Erstens habe er die Europäische Union stets unterstützt und argumentativ gestärkt, zweitens sei er aber auch einer der größten Kritiker der europäischen Entwicklung und ihrer Institutionen, und drittens habe er sich wie kaum ein anderer mit der Frage befasst, wie die EU und die Gesellschaften weltweit verbessert werden können. Nicht zuletzt aber habe Garton Ash auch für den Verbleib der Briten in der EU gekämpft, und er habe auch nach dem Brexit — „der größten politischen Niederlage seines Lebens“ — erklärt, nicht aufgeben zu wollen und weiterhin die Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU vertiefen zu wollen.

Und zuguterletzt gehört der britische Professor zu jener seltenen Spezies, die erkannt hat, wie folgenreich die digitale Revolution auch für unser gesellschaftliches Zusammenleben und unsere Demokratien ist. Dass das Karlspreisdirektorium diese Entscheidung erst kurz nach der Amtseinführung des US-Präsidenten Donald Trump getroffen hat, darf durchaus auch als deutlicher Hinweis darauf gesehen werden, für wie gefährlich es den Populismus unserer Tage, das Verbreiten von Falschmeldungen und Hassreden hält.

Verteufeln aber würde einer wie Garton Ash das Internet nie. Und dass es auch seine guten Seiten hat, konnte am Wochenende auch das Karlspreisdirektorium feststellen. Auf Facebook wurde man fündig, dass der neue Preisträger noch bis einschließlich nächste Woche in Indien unterwegs ist.

Telefonisch hat Linden ihn noch am Samstag sprechen können. Er habe sich über die Nachricht „unsäglich gefreut“ und den Preis sofort akzeptiert. Am Himmelfahrtstag werde er voraussichtlich mit seiner Familie nach Aachen kommen. Neu ist ihm die Stadt nicht: 2013 wurde er mit der Karlsmedaille ausgezeichnet, die stets im Vorfeld des Karlspreises an Medienschaffende vergeben wird.

Erste Reaktionen auf den neuen Preisträger

Harald Baal (CDU): „Der Papst war bekannter. Vom Grundsatz her finde ich es aber gut, dass nicht nur die offiziellen Amtsträger in Brüssel und Straßburg reihum den Karlspreis bekommen. Mein erster Eindruck ist, dass hier ein ausgesprochen intellektueller Preisträger gefunden wurde. Und die Themen, die er bearbeitet hat, sind durchaus anspruchsvoll.“

Michael Servos (SPD): „Ich hätte mir keinen besseren Preisträger wünschen können. Er erhält den Karlspreis nicht wegen seiner Bekanntheit, sondern wegen der Inhalte. Das ist ein richtig guter Gegenpol zu Brexit, Trump und zum Radikalenkongress in Koblenz. Er steht für Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit, diese Wahl passt gut in diese Zeit.“

Ulla Griepentrog (Grüne): „Ich finde gut, dass es ein Wissenschaftler ist, der sich auch damit befasst, wie man mit dem Pöbel im Internet umgeht. Er analysiert die Situation sehr genau, die uns auch in Europa sehr bewegt. Er ist eine absolut interessante Persönlichkeit, die uns einlädt, seine Bücher zu lesen. Das ist spannend und zeitgemäß. Einfach rundum gut.“

Leo Deumens (Linke): „Nach der Wahl des Papstes überrascht uns das Direktorium auch in diesem Jahr. Vielleicht sieht es endlich ein, dass man mit konservativen und neoliberalen Politikern die Menschen nicht für Europa begeistern kann. Dieser Mann befasst sich mit der Redefreiheit, einem Thema das wirklich brandaktuell ist und zu dem man Lösungen finden muss.“

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