Aachen: Karlspreis 2018: Am Himmelfahrtstag sind wieder Proteste zu erwarten

Aachen : Karlspreis 2018: Am Himmelfahrtstag sind wieder Proteste zu erwarten

Demonstrationen und Proteste gehören zur Karlspreisverleihung einfach dazu, wusste Karlspreis-Sprecher Jürgen Linden schon vor zehn Jahren. Doch in den vergangenen beiden Jahren ist diese Tradition etwas abhanden gekommen. Der Brite Timothy Garton Ash und Papst Franziskus boten augenscheinlich zu wenig Reibungsfläche.

Das wird mit Emmanuel Macron, dem Karlspreisträger 2018, aller Voraussicht nach wieder anders sein. Medial konnte das Direktorium bislang zwar viel Lob für den Preisträger in spe einfahren, aber Kritiker gibt es auch.

Zu ihnen zählt Andrej Hunko, Aachener Bundestagsabgeordneter der Linken. Mit der Verleihung an den französischen Staatspräsidenten Macron bleibe sich der Karlspreis treu, meint er, denn der Preis werde einem Mann verliehen, „dessen Politik als ,pro-europäische' schöngeredet wird, die aber tatsächlich die EU zu zerreißen droht“.

Er kritisiert insbesondere Macrons Reformpläne „nach dem Modell des Sozialkahlschlags der deutschen Agenda 2010“, die für den europäischen Zusammenhalt ebenso schädlich seien wie Macrons Vorschläge für eine Reform der EU. Die Idee eines gemeinsamen EU-Finanzministers lässt Hunko fürchten, dass „den Mitgliedstaaten noch stärker als bisher Kürzungen und Austeritätspolitik aufgezwungen werden“. Dieser Kurs aber spalte die EU. Auch die Pläne für eine „Aufrüstungs- und Militärunion“ würden die Spannungen in Europa weiter verstärken, glaubt Hunko. „Ich gehe davon aus, dass es anlässlich der Preisverleihung am Himmelfahrtstag 2018 in Aachen Proteste geben wird.“

Auch in der SPD sind vielfach Stimmen zu hören, die auf Distanz zu Macrons geplanten Wirtschaftsreformen gehen. Vor allem aber geht in nahezu allen Parteien die Frage um, ob Macron nicht etwas voreilig mit dem Karlspreis geadelt werde. Man kenne die Gesinnung und Grundwerte des Begründers der noch jungen Bewegung „En marche“ noch gar nicht, er sei ein „unsicherer Kandidat“.

„Ich sehe da eine Ähnlichkeit mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Barack Obama“, erklärt etwa Gunter von Hayn für die Piraten, „danach hat er erst mal andere Friedensnobelpreisträger — Ärzte ohne Grenzen — bombardiert und den Drohnenkrieg massiv ausgeweitet.“ Mit dem Karlspreis sollten eigentlich tatsächliche Leistungen gewürdigt werden, „nicht nur schöne Worte“, wünschen sich die Piraten. Sie bekräftigen zugleich, dass sie an Macron schätzen, „wie stark er sich für die Weiterentwicklung der europäischen Idee einsetzt“.

Kritik kommt freilich auch von Rechtsaußen. AfD-Ratsherr Markus Mohr findet, dass der Karlspreis „weiter an Strahlkraft“ einbüße. „Wo ist die zu würdigende Leistung von Macron“, fragt er. Mittlerweile genüge eine Rede, um ihn zu erhalten, vermutet er und sieht Oberbürgermeister Marcel Philipp in der Verantwortung. Unter ihm verliere der Karlspreis „jährlich mehr an Wert“, behauptet er — offenbar unwissend, dass die Entscheidung von einem 17-köpfigen Gremium getroffen wird.

Das Karlspreisdirektorium hat seine Entscheidung am vergangenen Freitag bekanntgegeben und die Auszeichnung Macrons nicht nur mit dessen weitreichenden Vorschlägen für eine Neugründung des europäischen Projekts begründet. Es will damit zugleich die „lange schmerzlich vermisste Leidenschaft“ würdigen, „mit der Macron die Initiative für Europa ergreift und der Reformdebatte neuen Schwung gibt“. Er sei ein „mutiger Vordenker für die Erneuerung des europäischen Traums“.

„Name ist Programm“

Dass nicht alle diese Ansicht teilen, wollen insbesondere auch pro-europäische und linke Gruppierungen am Himmelfahrtstag, 10. Mai, deutlich machen. Mit Blick auf die drohenden sozialen Einschnitte in Frankreich erklärte Ratsfrau Ellen Begolli bereits: „Bei Macron ist der Name Programm.“ Sie spielt damit auf den Öcher Ausdruck „fise Makroe“ für „übler Kerl“ an.

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