Aachen: Karl ließ sich auf römischen Resten nieder

Aachen: Karl ließ sich auf römischen Resten nieder

Bis vor wenigen Jahren dachten die Wissenschaftler, dass Karl der Große, als er sich in Aachen niederließ, quasi in den Sümpfen mit den heißen Quellen losgelegt habe. Diese Sichtweise hat sich grundlegend geändert, durch Erkenntnisse, die in einem eher unscheinbaren Graben auf dem Katschhof gewonnen wurden.

Man muss allerdings Archäologe sein wie Andreas Schaub und Dr. Markus Pavlovic, um den unscheinbaren Bodenfunden diese Bedeutung zumessen zu können. Entdeckt wurden nämlich auch Reste von Eisen- und Bronzeproduktion, etwa große Mengen Schlacken oder Schmelztiegel. Das lässt den Rückschluss zu, dass der große Kaiser, zu dessen Zeit Reste der Bebauung noch sichtbar gewesen sein müssen, seine Aula Regia genau dort errichten ließ, wo seit Jahrhunderten zuvor römische Handwerker gearbeitet hatten. Pavlovic: „Die Ortsübereinstimmung ist verblüffend.”

Und damit einher geht eine zweite wichtige Erkenntnis über die sogenannten „dunklen Jahrhunderte”: Aachen ist durchgängig besiedelt gewesen, die Römer haben sich nicht im 4. Jahrhundert zurückgezogen und Ruinen hinterlassen, wie man früher angenommen hat, sondern „sind nie weg gewesen”. Pavlovic: „Die Historiker werden sich umorientieren müssen. Dieser Graben ist absolut spektakulär.” Wenn die Funde einmal ausgewertet sind, was allerdings geraume Zeit in Anspruch nehmen werde, „werden die Ergebnisse bahnbrechend sein”.

Etwa die unscheinbare Scherbe einer Keramikschüssel aus dem 5. Jahrhundert, die in den nordfranzösischen Argonnen gefertigt wurde. Mit einem Rädchen sind Muster in den Ton geschnitten, etwa Kelch und Traube. Aus anderen Funden weiß man, dass dann Tauben und ein Christogramm folgten. Andreas Schaub: „Unser spannendstes Stück ist zugleich das kleinste. Das ist das älteste Fundstück Aachens mit christlicher Symbolik. Das ist ein Knüller.”

Ebenfalls interessant: Reste eines römischen Fachwerkhauses. Verbrannter Lehm wurde gefunden, ein verkohlter Balken. Der Graben liefert den Nachweis der Besiedlungskoninuität, den Einzelfunde im Elisengarten oder Dom bislang nicht erbringen konnten. Schaub: „So ein Ort kann nicht bedeutungslos gewesen sein, wenn man begonnen hatte, ihn zu umwehren.” Darüber hinaus wurden in größerer Zahl Reste handwerklicher Produkte ausgebuddelt, etwa abgesägte Hirschgeweihenden, aus denen etwa Messergriffe, Gürtelschnallen oder Haarnadeln gefertigt wurden. Schaub: „Was heute Kunststoff ist, waren früher Geweih und Knochen.”

Und: Der Graben liefert den Stadtarchäologen Erkenntnisse, die sie gar nicht erwartet hatten, sie hatten eher an Funde aus dem 6. bis 9. Jahrhundert gedacht, etwa der Merowinger oder Franken. Doch diese befinden sich in anderen Teilen des Katschhofs, wo sie vor Jahren beispielsweise in Höhe der Domsingschule, ebenfalls beim Bau einer Fernwärmeleitung, gefunden und teilweise weggebaggert wurden.

Nicht nur der Katschhof, auch der ehemalige Brot-Schneider-Parkplatz an Jesuiten- und Prinzenhofstraße hat sich als Glücksfall für die Bodenkundler erwiesen. Dort fand man nicht nur Reste einer frühmittelalterlichen Grabstätte (s. Bericht 1. Seite Politik), sondern auch spätgotische Tonreliefs mit Heiligendarstellungen.

Als Zeichen

Sie wurden als „Modell” bei der Produktion von Pilgerzeichen verwendet, die man zum Beispiel am Hut oder an der Kleidung trug zum Zeichen, bei der Heiligtumsfahrt dabei gewesen zu sein. Die Reliefs werden in der nächsten Zeit im Haus Löwenstein ausgestellt.

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