Aachen: Kaiserplatz: Fegen für mehr Wertschätzung

Aachen : Kaiserplatz: Fegen für mehr Wertschätzung

Eigentlich sollte Uwe nur mal eben mit Besen und gelber Warnweste fürs Foto posieren. Aber er ist nicht zu bremsen. Er fegt sorgsam um das gepflegte Stück Grün am Kaiserplatz — der Rasen ist gemäht, eine Primel trotzt dem nahenden Sommer. Uwes Besen macht den letzten Zigarettenkippen, Kaugummipapier und sonstigen Unrat den Garaus.

Uwe ist nicht Inhaber eines der umliegenden Geschäfte, er ist regelmäßiger Besucher des Kontaktcafés Relax. Ach so, einer von der Kaiserplatzszene, könnte man meinen. Doch das festverankerte Bild von den Menschen der „Szene“ will irgendwie nicht passen. Tatsächlich ist in den vergangenen anderthalb Jahren einiges in Bewegung gekommen. Wesentlichen Anteil daran hat die Suchthilfeeinrichtung am Kaiserplatz, die von der Caritas und der Diakonie seit zehn Jahren gemeinsam geführt wird.

Sich um Süchtige zu kümmern, hat in der Caritas eine 90-jährige Tradition. Zu Beginn der Gründung des Caritasverbandes Aachen Stadt und Land wurde die Trinkerfürsorge ins Leben gerufen. Heute finden Menschen mit allen Abhängigkeiten bei der Suchthilfe Aachen Ansprechpartner: Alkohol- und Tablettenabhängige, Süchtige nach allen illegalen Drogen, Spiel und Onlinesüchtige, Menschen mit Essstörungen.

Illegale Drogen

Die Einrichtung am Kaiserplatz ist für die Grundversorgung Schwerstabhängiger zuständig. „Heroinabhängige gibt es in Aachen fast gar nicht mehr. Die meisten sind substituiert“, erklärt Mark Krznaric, Leiter der Einrichtung am Kaiserplatz. Das heißt, sie bekommen vom Arzt die Ersatzdroge Methadon. Doch die Schwerstabhängigen der „Szene“ konsumieren oft zusätzlich legale und illegale Drogen.

Alkohol, Tabletten, verschnittenes Kokain oder was eben gerade zu bekommen ist. Im Café Relax können sie Spritzen tauschen, Gespräche mit Sozialarbeitern führen, Zeitung lesen oder ins Internet gehen, sich in der medizinischen Ambulanz versorgen lassen oder einfach nur einen sehr guten Kaffee oder ein erschwingliches Mittagessen bekommen.

Denn Krznaric geht es vor allem um Stabilität: „Alle Besucher wissen, dass wir ganz schnell den Kontakt für den Ausstieg machen können. Aber viele wollen das gar nicht. Also schauen wir, dass sie halbwegs gesund bleiben. Denn: „Problematisch für ihre Gesundheit ist nicht in erster Linie die Droge, sondern der Kontext aus Wohnungslosigkeit, Kriminalität, Prostitution und Perspektivlosigkeit.“

Also alle Vorurteile bestätigt? Eben nicht. „Die Besucher waren selbst nicht zufrieden damit, wie sie von Passanten und Nachbarn wahrgenommen werden“, erzählt Krznaric von Gesprächen im Besucherrat. In diesem Gremium treffen sich Besucher des Café Relax, „letztlich, um die Einrichtung weiterzuentwickeln“, beschreibt Krznaric. Mal geht es nur um die Aufnahme einer neuen Quarksorte in die kulinarische Angebotspalette. Oft aber um deutlich mehr.

Dass die Fenster der Einrichtung vom Sichtschutz befreit nun nichts mehr verbergen, wurde dort entschieden. Und auch die Übernahme der Grünflächen-Patenschaft direkt vor der „eigenen“ Haustür. Im Projekt „Querbeet“ engagieren sich regelmäßig sechs bis sieben Besucher, bis zu 20 haben schon mal Hacke, Schaufel oder Besen in der Hand gehabt.

Mittlerweile ist die Baumscheibe vor der Haustür des Café Relax ein gärtnerisches Kleinod geworden. Zusätzlich pflegen die Männer von „Querbeet“ auch die Blumenkübel vorm Apag-Parkhaus in der Mostardstraße (siehe Kurzinterview). Seit kurzem kann Krznaric die Gärtner spendenfinanziert auch ein wenig entlohnen — mit 1,50 Euro pro Stunde und einem freien Mittagessen.

Doch der eigentliche Lohn ist ein anderer: „Plötzlich kommen die Nachbarn, die sonst immer nur über sie geschimpft haben, ans Beet und bedanken sich, dass sie dem Rattennest ein Ende gemacht haben und jetzt alles viel schöner ist“, beobachtet Krznaric ein deutlich wertschätzenderes Miteinander am Kaiserplatz.

Ähnliches geschieht bei den Fußball-Champions-League-Abenden, die die Einrichtung auf Anregung des Besucherrates nun regelmäßig anbietet. „Die Mitarbeiter laden dann auch ihre Freunde ein. Es ist eine sehr gemischte Runde, die sich auf Augenhöhe begegnet.“ Auch der Tag der offenen Tür oder die jährliche Kulturveranstaltung — in diesem Jahr ein Poetry Slam in Zusammenarbeit mit der Raststätte — funktionieren so.

Immer passiert folgendes: „Die Besucher merken, dass jeder unterschiedliche gesellschaftliche Rollen einnehmen kann. Sie auch. Sie müssen nicht die ‚Asozialen vom Kaiserplatz‘ sein. Im Gegenteil — es kann nett sein, ein akzeptierter Teil der Gesellschaft zu sein“, analysiert Krznaric. Tatsächlich spricht all das aus Uwes Körpersprache: Stolz über das Erreichte, Dankbarkeit für die positive Wahrnehmung, weniger Scheu vor der „etablierten Gesellschaft“. Deshalb lässt er sich bereitwillig ablichten. Und deshalb fegt er so akribisch das Pflaster am Rand seines „Vorgartens“.