Aachen: Juniorwahl: In der Schule gibt es keine Nicht-Wähler

Aachen: Juniorwahl: In der Schule gibt es keine Nicht-Wähler

Sobald Politiklehrer Bernard Kerz in seiner Klasse 9a am Anne-Frank-Gymnasium in Laurensberg den Startschuss gibt, brechen die Schüler in großen Jubel aus, nehmen ihre Ausweise und Wahlbenachrichtigungen in die Hände und stapfen los in den benachbarten Raum. Sie alle werden nun zum ersten Mal wählen, sind dementsprechend ein wenig nervös.

An diesem Tag machen sie genau das, was die Wahlberechtigten am kommenden Sonntag, 24. September, tun werden. Es gelten die gleichen Bedingungen. Sie geben auf einem Stimmzettel ihre beiden Stimmen ab, Erst- und Zweitstimme, und bestimmen so das politische Geschehen in Deutschland mit. Zumindest fiktiv. Denn diese Bundestagswahl findet nur in den Klassenräumen statt, die meisten Schüler, die mitmachen, sind nicht einmal wahlberechtigt, da sie nicht volljährig sind. Eine Meinung haben sie trotzdem. Und daher wählen sie.

Die Juniorwahl, so nennt sich das bundesweite Projekt, ist ein Konzept zur politischen Bildung an weiterführenden Schulen. Ziel ist es, das Erleben und Erlernen von Demokratie zu ermöglichen. Seit 1999 wird die Juniorwahl zu Europa-, Bundestags- und Europawahlen durchgeführt. In diesem Jahr ist das Anne-Frank-Gymnasium in Laurensberg zum ersten Mal mit dabei.

Um mitmachen zu können, hat sich die Schule zuvor online beworben — und wurde angenommen. Bundesweit machen 3490 Schulen mit, davon 558 in Nordrhein-Westfalen. Die Schulen erhalten entsprechendes Material zur Vorbereitung, außerdem eine schicke Wahlurne und natürlich Wahlkabinen. Alles soll schließlich so authentisch wie möglich sein. Und das ist es durchaus.

Die Schüler stehen nun in einer Schlange vor dem Wahl-Team, das die Vorbereitungen übernommen hat. Die siebenköpfige Gruppe kontrolliert an diesem Tag Ausweise und Wahlbenachrichtigungen und schickt die Wähler dann in die Kabinen. „Es haben sich so viele Schüler für das Wahl-Team gemeldet, dass wir vielen absagen mussten“, sagt Lehrerin Marion Brögelmann, die das Projekt ebenfalls betreut. „Die Wahlbenachrichtigungen haben wir zugeschickt bekommen, ebenso die Wahlurne und das Material zur Vorbereitung“, sagt Kerz. Die Benachrichtigungen wurden dann in der Schule an die Schüler verteilt. „Alle, die wahlberechtigt sind, wollten wählen, wir haben keine Nicht-Wähler“, sagt Brögelmann. Das sei sehr erfreulich.

Nach und nach macht nun jeder seine Kreuze. Das läuft ziemlich ruhig und gesittet ab. Und die meisten Schüler verlassen die Kabine mit einem Lächeln. „Wir haben den Eindruck, dass das gesamte Projekt den Schülern viel Freude bereitet hat. Sie sind sehr interessiert, haben viele Fragen gestellt“, so Brögelmann weiter.

Bereits drei Wochen vor den Sommerferien haben sich knapp 400 Schüler ab der achten Klasse und einige Lehrer am Anne-Frank-Gymnasium mit dem Thema Bundestagswahl 2017 und somit auch mit der Juniorwahl beschäftigt. Dann noch mal in der Zeit nach den Sommerferien. „Wir haben die Wahlprogramme in Gruppenarbeit analysiert und über die einzelnen Parteien gesprochen“, sagt Brögelmann. Die Schüler hätten sich gerne mit dem Thema befasst. „Wir haben die Schüler gebeten, die Wahl auch wirklich ernst zu nehmen und keinen Quatsch zu machen. Ob das funktioniert hat, das werden wir sehen“, sagt die Lehrerin.

Gewählt wurde an zwei Tagen in dieser Woche. Danach hat das Wahl-Team die Stimmzettel ausgewertet. Das Ergebnis wird allerdings noch nicht verraten. Denn das soll erst mit dem Ergebnis der Bundestagswahl am Sonntag öffentlich gemacht werden. „Anschließend vergleichen wir es mit den Ergebnissen der Erwachsenen und natürlich auch mit anderen Schulen. Das finden die Schüler besonders interessant“, sagt Brögelmann. Ab Montag erfolgt also die Nacharbeit. Und für wenige Schüler wird es doppelt spannend. „Einige sind schon 18 Jahre alt und wählen am Sonntag dann sozusagen noch mal“, sagt Kerz.

Es hat jedoch nicht die gesamte Schule am Projekt teilgenommen. Die Schüler der Klassen 5 bis 7 seien noch zu jung, und einige der Oberstufenschüler stünden vor wichtigen Klausuren, die haben auch nicht mitgemacht. Der Rest war wählen — und wird dies hoffentlich auch dann tun, wenn es auch offiziell möglich ist.

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