Aachen: Jungen Schauspielern gelingt der Zeitsprung über 2450 Jahre

Aachen : Jungen Schauspielern gelingt der Zeitsprung über 2450 Jahre

Ein mehr als 2450 Jahre altes Theaterstück in die Gegenwart zu bringen, ist nicht ganz einfach. Schnell wirkt etwas überlebt und verstaubt. Wie es richtig gemacht wird, zeigte die Theatergruppe „Actor‘s Nausea“ am Donnerstagabend im Ludwig Forum.

Die Theatergruppe des Instituts für Anglistik und Amerikanistik an der RWTH zeigte dort ihre Erstaufführung von Sophokles’ Tragödie „Antigone“. Nach mehr als zehn Jahren war dies bereits das 24. Stück, das die Gruppe aufführte und die zahlreichen Zuschauer konnten feststellen: Der Zeitsprung ist gelungen.

Das antike Stück wurde in erster Linie durch die jungen Schauspieler zu einer äußerst lebendigen Darbietung. Dramatische und ruhige Momente hielten sich fein justiert die Waage. Da war die zerbrechlich wirkende, von Katharina Kröcker gespielte, Antigone, die sich gegen das Verbot von Thebens König Kreon wehrt, ihren Bruder Polyneikes zu beerdigen. Dieser hatte zuvor Theben angegriffen und starb im Kampf gegen seinen Bruder.

Bereits da blitzte ein durchaus aktueller Bezug zur Aktualität durch: die Rolle der Frau in der Gesellschaft. König Kreon versucht mit seinem Machtanspruch zu argumentieren und fordert die Loyalität Antigones gegenüber dem Gesetz, welches er angeblich verkörpert. Diese wiederum will dem Willen der Götter folgen, die verlangen, den Toten zu begraben.

Mit Stimme und Gestik

Die Auseinandersetzungen des Königs, gespielt von Nils Kuphal, mit der aufbegehrenden Antigone gehörten zu den stärksten Szenen des Stücks. Die Angst vor dem Herrschaftsverlust und die unkontrollierte Gewalt, die immer wieder aus Kreon ausbricht, brachte Kuphal mit seiner Stimme und Gestik hervorragend zur Geltung. Ebenso sein Gegenpart, die besonnene Antigone, die das Todesurteil des Königs in Kauf nimmt und die Tragik ihres Schicksals erkennt, sich diesem aber moralisch stark und rational stellt.

Doch es gab auch humoristische Auftritte, wie etwa den von Eva Johanna Onkels in Gestalt der Wächterin. Sie erwischte Antigone beim verbotenen Begräbnis und liefert sie an Kreos aus. Mit feiner Komik stellt sie dabei aber das absolute Machtverständnis des Königs bloß, ohne ihm dabei die Loyalität aufzukündigen. Auch da ein Wink zu aktuellen Themen, wie dem Verhältnis der Bürger zu Staat und Herrschaft. Wem muss ein Mensch tatsächlich gehorchen?

Dass der Aktualitätsbezug gewollt ist, war immer wieder an Details zu erkennen. Die Wächterin etwa trug nicht das antike Kurzschwert, sondern ein Gewehr bei sich. Der König hüllte sich in eine Uniform, die mehr an Kaiserzeit als an die vorchristliche Zeit erinnerte, aber durchaus zu seinem autoritären Auftreten passte. Zudem wurde das gesamte Stück in der von Ian Johnston adaptierten, englischsprachigen Fassung aufgeführt. Auf den Einsatz von Musik wurde hingegen fast vollständig verzichtet. Nur an wenigen Stellen kam punktgenau ein minimalistisches Piano zum Einsatz — der letzte Pinselstrich an einem gelungenen Gemälde.

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