Junge Skater in Aachen warten weiter auf die Halfpipe

Debatte in der Bezirksvertretung : Baby Katanski und die Halfpipe

Eine Halfpipe für den Hangeweiher: Fast 200 Kinder aus dem Viertel hatten im Sommer 2015 Unterschriften für eine Skateboard-Anlage gesammelt. Passiert ist seitdem nicht viel. Nun stand das Thema in der Bezirksvertretung Aachen-Mitte auf der Tagesordnung und sorgte dort für einen veritablen Zornesausbruch.

Wer weiß, was ohne Baby Katanski alles passiert wäre. Die SPD-Politikerin Alla Katanski hatte in die Bezirksvertretung Aachen-Mitte ihr Baby mitgebracht. Im Sitzungssaal des Rathauses schlummerte es süß und still im Kinderwagen neben Mama – bis ein anschwellender Zornesausbruch des CDU-Fraktionschefs Ralf Otten es aus allen Träumen schreckte. Baby Katanski plärrte los – und Ralf Otten dämpfte die Stimme, ließ aber auch leise im Zorn nicht nach.

Kein Personal, kein Geld

Zu dem Ausbruch hatte Otten allen Grund. Wieder einmal stand die „Halfpipe Hangeweiher“ an, jener Wunsch von fast 200 Kindern aus dem Sommer 2015, ihnen im Viertel eine Skateboard-Anlage zu bauen. Angeführt vom zehnjährigen Konstantin brachten die Kinder damals ihren Wunsch vor. Sie machten das mit Power-Point-Präsentationen so cool und clever, dass die Politiker im Bürgerforum, in der Bezirksvertretung Aachen-Mitte und im Kinder- und Jugendausschuss wie eine Eins hinter ihnen standen.

Die Verwaltung nörgelte, das Projekt könne drei, vier Jahre dauern. Kein Personal, kein Geld, kein Grundstück. Gutachten seien nötig. Die Politiker Aachen-Mitte versprachen den Kindern: „Wir werden euch keine drei, vier Jahre warten lassen, wir lassen euch nicht im Regen stehen.“

Seitdem regnet es. Vertröstung folgt auf Vertröstung, ein Jammer dem nächsten. Immer neue Ausflüchte der Verwaltung. Mal hieß es, im Frühjahr 2017 stehe das Ding, mal frohlockten alle übers Frühjahr darauf. Nichts geschah. Außer, dass die damals rot-grüne Landesregierung vor der Landtagswahl ihre Genossen vor Ort stolz verkünden ließ, das Land übernehme die Kosten von 120.000 Euro für die „Skate- und BMX-Anlage“ in Aachen. Auch ein Grundstück wurde gefunden. Das Kinder- und Jugendzentrum St. Hubertus in der Händelstraße bot an, die Anlage auf seinem Gelände zu bauen.

Seitdem ruht still der See. „Wir landen mit der Halfpipe noch im Fernsehen. Die werden fragen, was habt ihr da gemacht“, fürchtete zwischenzeitlich Ralf Otten. Der CDU-Politiker sah bundesweiten Hohn und Spott niedergehen auf eine Stadt, die es nicht schaffe, ein „im Gegensatz zum Berliner Groß-Flughafen bautechnisch doch eher überschaubares Projekt in einem zeitlich angemessenen Rahmen zu meistern“.

Kein Personal, kein Geld

Diese Woche stand die „Halfpipe“ wieder auf der Tagesordnung der Bezirksvertretung Aachen-Mitte. „Es wird mündlich berichtet“, erläuterte die Verwaltung. Bei den Politikern keimte Hoffnung auf. Einen Tag vor der Sitzung sagte die Verwaltung die Teilnahme eines Fachmanns für den Sachstandsbericht ab. „Eine Überraschung“, bemerkte Bezirksbürgermeisterin Marianne Conradt verblüfft.

So sanftmütig wie die Bürgermeisterin reagierte CDU-Sprecher Ralf Otten nicht. Er wolle seine Stimme nicht erheben und auch seinen Blutdruck nicht strapazieren, doch mittlerweile sei „die ganze Geschichte für uns unverständlich“. „Sie eskaliert, sie ist eine Missachtung unserer Bezirksvertretung, die Umsetzung eines eindeutigen Beschlusses findet nicht statt, wir werden ignoriert“, rief Otten. Ein gewaltige Zorneseruption groll-rollte mit schärfer werdender Stimme heran: „Das Thema steht auf der Tagesordnung, einen Tag vorher erfahren wir, es kommt keiner, wir sitzen hier mit all unserer Präsenz – und die Verwaltung ist nicht hier“, schnitt Ottens Stimme laut und eisig durch den Saal ...

... in dem nun Baby Katanski im Kinderwagen hochfuhr und gegen den Lärm losgreinte ...

... worauf Otten, erschrocken ob des „kleinen Zuhörers“, prompt die Lautstärke drosselte, „das Untätigsein der Verwaltung“ aber weiter scharf attackierte: „Das kann nicht sein, dass hier versucht wird, das Projekt weiter hinauszuzögern. Das ist eine Unverschämtheit.“

Dezernent zum Rapport bitte

Beifallklopfen aller Fraktionen. Patrick Deloie schloss sich für die SPD „voll an“. Die Kinder und Jugendlichen, die ihr Projekt „mit so viel Feuereifer und Enthusiasmus“ angegangen wären, hätten längst aufgegeben, fürchtet Deloie und meinte besorgt: „So schaffen wir Politikverdrossenheit schon bei Teenagern.“

Joachim Moselage (FDP) kramte im Gesetz, wonach auf Verlangen der Oberbürgermeister verpflichtet ist, in der Sitzung der Bezirksvertretung zu erscheinen oder sich von einem leitenden Beamten vertreten zu lassen. So soll es geschehen: Bei der nächsten „Halfpipe“-Runde soll der zuständige Dezernent zum Rapport antreten.

Ralf Otten schritt zum Kinderwagen und tat kille-kille-lieb mit Baby Katanski. Entschuldigung angenommen – Baby Katanski lachte plappernd zurück.

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