Aachen: Junge Leute bearbeiten Kästner-Klassiker

Aachen : Junge Leute bearbeiten Kästner-Klassiker

Der Löwe hat die „Nachrichten“ aufgeschlagen. Krieg, Gewalt, Hass sind in den Schlagzeilen zu lesen, sowohl lokal als auch überregional. „Gericht befasst sich mit Schießerei am Kennedypark“, „Wenn der Ölpreis zur Waffe wird“, „Nächste Stufe im Cyber-Dschihad“, „In syrischem Lager droht Massaker“, „Die Gefahr eines Atomkrieges ist in jüngerer Vergangenheit wieder deutlich gestiegen“.

Der Löwe beschließt: Wir brauchen eine Konferenz der Tiere, die Menschen sind unfähig, Frieden zu schließen. „Wenn ich nicht so blond wäre, dann würde ich mich schwarz ärgern“, sagt er und schüttelt die Mähne. Und vor allem sind die Menschen unfähig auch kommunalpolitisch — in Aachen im Kennedypark — auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen.

Es ist eine Szene aus einer Inszenierung nach Erich Kästners Kinderbuchklassiker „Konferenz der Tiere“. Das Stück haben Kinder und Jugendliche des Spielhauses am Kennedypark bei einem Osterferienworkshop gemeinsam mit der Theaterpädagogin Mira Loos vorbereitet, interpretiert und geprobt. Die Premiere ging am Samstag im Mörgens über die Bühne. Ziel des Projektes „Jugend macht Theater“ ist es, Kinder an politische Probleme heranzuführen.

Der elfjährige Yannick Roder steckt im Kostüm des Königs der Tiere. Er kennt sich aus auf der Bühne, bewegt sich selbstbewusst und sicher. Schließlich hat er schon in mehreren Musicals mitgespielt. Er weiß, wie es in der Welt zugeht, und auch er wünscht sich Frieden. Im Stück schaffen es die Tiere, die wütenden und zornigen Menschen, beherrscht von Hierarchie und Bürokratie, zum Frieden zu zwingen, als sie die Kinder der Welt entführen.

Kästners Werk schließt mit einem friedlichen Zusammenleben aller. Eine Utopie, denn die reale Welt brennt weiter. Yannick Roder hat ebenso wie alle anderen 15 Kinder erkannt, das vor der eigenen Haustür, im Ostviertel, etwas nicht stimmt. Denn in dem Antrag, den sie im Stück als Tiere an die Menschen stellen, haben die Kinder klare Forderungen. Sie wollen, dass im Kennedypark keine Drogen mehr verkauft werden, dass es für Familien mehr Wohnraum gibt, die Robert-Koch-Straße zur Spielstraße wird und es weniger Wettbüros auf der Elsassstraße gibt. Außerdem wünschen sie sich einen Kicker für die Offene Tür am Kennedypark.

Kinder kennen die Probleme

Das Ostviertel ist der Stadtbezirk mit der niedrigsten Wahlbeteiligung im Kreis Aachen. Immer wieder rückt es nicht zuletzt wegen sozialer Probleme in den Fokus von Medien, Politik und Polizei. Und in diesem ganzen Durcheinander gehen die Wünsche der Kinder unter, vielleicht sogar verloren.

Yannick kennt sich aus mit den Problemen, er wohnt in der Robert-Koch-Straße und spielt gern draußen. Und beim Spielen, sagt er, da gehe halt öfters mal der Ball verloren. Wenn dann Autos schnell durch die Straße fahren, kann so eine Situation sehr gefährlich werden. Er wünscht sich auch, dass Löcher in einer Mauer verschlossen werden. „Da werfen die Leute immer Müll rein und an Silvester brennt es sogar, da muss sich einer drum kümmern“, sagt er.

Für sein junges Alter ist er sich sehr den Problemen seines Umfelds bewusst. „Dass da Drogen verkauft werden, geht auch gar nicht“, sagt er. Er erzählt auch von einem Freund, der mit seiner vierköpfigen Familie auf engstem Raum lebt. Es sind die alltäglichen Probleme des Viertels. Aus den Mündern der Kinder von diesen Problemen und der von Konflikten geprägten Welt zu hören, ist viel erschreckender und rüttelt wach. Manchen Zuschauer hat der Auftritt zu Tränen gerührt.

Doch was sagt die anwesende Kulturdezernentin Susanne Schwier zu diesen Forderungen der Kinder? Wird sie diese an Politik und Verwaltung weiterleiten? „Am Dienstag möchte ich die Forderungen in den Verwaltungsvorstand bringen“, verspricht sie. So ein Kicker für die Offene Tür könne man bestimmt umsetzen. Die Stadt selbst hat das Projekt, genauso wie das Theater Aachen und die Theaterinitiative gefördert. Schwier sieht in dem Auftritt der Kinder eine große Zukunft, möchte das Stück sogar im Rahmenprogramm des Karlspreises, der in diesem Jahr an EU-Parlamentspräsident Martin Schulz verliehen wird, aufführen lassen. „Dann sind auch schon viele wichtige Personen der EU anwesend“, sagt sie.

Weitere Vorstellung

Eine weitere Vorstellung gibt es am Samstag, 26. April, um 14 Uhr im Mörgens. Der Eintritt ist frei, kostenlose Zählkarten werden an der Theaterkasse ausgegeben.