Aachen: Junge afghanische Flüchtlinge feiern

Aachen: Junge afghanische Flüchtlinge feiern

Eigentlich ist es ja folgerichtig und konsequent: Das neue Jahr beginnt mit dem Frühling, mit Wärme und sprießenden Knospen. Nur in diesem Jahr hat das nicht ganz geklappt. Das mehr als 3000 Jahre alte iranische Neujahrsfest, das dieser Tage in aller Welt von Iranern, Kurden, Afghanen, Kasachen und anderen Völkern gefeiert wird, musste sich in Aachen mit von Schnee bedeckten Schneeglöckchen und Krokussen begnügen und mit Temperaturen, die ganz und gar nichts mit dem Frühjahr zu tun haben.

Das aber hat die 24 Jugendlichen, die aus den Kriegsgebieten Afghanistans geflohen sind und schließlich in dem katholischen Kinderheim „Maria im Tann“ am Unteren Backertsweg landeten, nicht davon abgehalten, mit etwa 100 eingeladenen Gästen in der Mehrzweckhalle des Kinderheims das Neujahrsfest zu feiern. Ausschließlich männliche Jugendliche sind es, die dem Kriegsgrauen den Rücken kehrten, mit und auch ohne Erlaubnis der Eltern. Ganz alleine auf sich gestellt bewältigten sie die mehr als 5000 Kilometer lange Strecke, die durch mehrere Länder führte.

Am Rande der Neujahrsfeier erzählen Ali, Cholamsekhi (55) und Mohammad Raswi von der abenteuerlichen Flucht aus Afghanistan (v.l.).

Im Kinderheim Maria im Tann fühlen sie sich wohl, haben dort ein neues Zuhause gefunden. Stefan Küpper, der Direktor des Heims, sagt: „Trotz aller kulturellen Schwierigkeiten und auch mangelnder Sprachkenntnisse haben die Jungen Ruhe gefunden, können zur Schule gehen und nach dem Abschluss auch einen Beruf erlernen.“ Allerdings, wenn sie 18 Jahre alt geworden sind, werden sie im Heim nicht mehr betreut. Deshalb suchen Küpper und seine Mitarbeiter zusammen mit dem Sozialamt vorher eine kleine Wohnung in Aachen, damit die jungen Männer nicht in Sammelunterkünften landen.

Sie sind locker drauf, die Halbwüchsigen, die zum Neujahrsfest eingeladen haben. Ein junger Mann rezitiert sogar aus dem westöstlichen Diwan von Goethe und ist mächtig stolz auf den berechtigten Applaus, der ihm zuteil wird. Die Tanzdarbietung, die zunächst fünf Jungs vorführen und die immer mehr Festteilnehmer auf die Bühne zieht, ist der erste Höhepunkt des Abends. Ein Mix aus orientalischen Klängen und Hip-Hop ist das Erfolgsrezept, das alle packt. Die jungen Männer haben sich alle in Schale geschmissen, die eingeladenen jungen Damen wollen dem nicht nachstehen und laufen auf High Heels mit mindestens zehn Zentimeter hohen Pfennigabsätzen. Der zweite Höhepunkt ist das Büfett, das der Pontstraßen-Restaurantbesitzer Rawad Akl gestiftet hat. Die Tische biegen sich beinahe unter den orientalischen Köstlichkeiten.

„Nur weg von hier“

Am Rande der Feier erzählen der 16-jährige Ali Raswi, sein Bruder Mohammad (17) und Vater Cholamsekhi von der abenteuerlichen Flucht aus Afghanistan. „Nur weg von hier“, haben sie gedacht. Die beiden Jungen machten sich alleine auf, irgendwann kamen sie in Frankreich an und wollten weiter nach Deutschland, und von hier aus nach Schweden. Vor sieben Monaten jedoch wurden sie am Aachener Hauptbahnhof von der Bundespolizei aus einem Zug herausgeholt. Die Beamten übergaben die Jungen dem Aachener Jugendamt. Eine Nacht verbrachten die beiden bei einer Pflegefamilie, dann wurden sie in „Maria im Tann“ aufgenommen.

Dort haben sich die beiden eingelebt, sie besuchen die Hauptschule Kronenberg und lernen von Tag zu Tag mehr und mehr die deutsche Sprache. Sie reden gerne von Deutschland, von Aachen. Hier gefällt es ihnen. Von der Flucht aus dem Kriegsland Afghanistan erzählen sie jedoch nichts. Bei Fragen danach fällt ein Vorhang herunter.

Ihr Vater hatte sich eine Woche später auf den Weg gemacht, er wollte seine Söhne zu einem bestimmten Zeitpunkt treffen. Doch auch er wurde von der Polizei an der deutsch-französischen Grenze im Saarland aus dem Zug geholt. Er lebt jetzt bei Lebach in einer Sammelunterkunft für Flüchtlinge. Um seine beiden Jungen in Aachen besuchen zu dürfen, benötigte er eine Sondererlaubnis, denn Flüchtlinge haben keine Reisefreiheit. Um so größer war nach sieben Monaten die Wiedersehensfreude.