Aachen: Jubel beim Karlspreis um den englischen Europäer

Aachen : Jubel beim Karlspreis um den englischen Europäer

Keine Fähnchen und keine Ballons sind in den Händen der noch wenigen Zuschauer, die sich am Donnerstagmorgen kurz vor Beginn der Verleihungszeremonie des Karlspreises auf dem Markt versammeln. „Das wird heute eine ruhige Angelegenheit“, sagt ein Polizist.

Währenddessen sieht man auf der Videoleinwand, wie Oberbürgermeister Marcel Philipp sich an die honorigen Gäste im Krönungssaal und die Menschen vor den Bildschirmen wendet. „Noch ruhiger war es zur Karlspreisverleihung in Aachen nur letztes Mal“, fährt der Beamte fort. „Weil da alle in Rom waren.“ Er lacht. Auch bei der noch überschaubaren Schar an Zuschauern ist die Stimmung gut. Und die Sonne lacht über Aachen. Kaiserwetter zur Verleihung des Karlspreises.

Auf dem Weg vom Rathaus zur Katschhofbühne: Preisträger Timothy Garton Ash (rechts) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier machen einen Zwischenstopp bei Zuschauern, um sich zu unterhalten. Das Sicherheitspersonal braucht nicht einzugreifen. Foto: Harald Krömer

Keine Außengastronomie

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 25.05.2017 Karlspreis an Timothy Garton Ash,.

Wer sich darauf gefreut hat, die strahlende Sonne und die Karlspreisverleihung mit einem Kaltgetränk vor einer der Gaststätten am Markt zu feiern, der bekommt in diesem Jahr allerdings eine Überraschung serviert. „Darf ich mein Wasser mit auf die Bank beim Brunnen nehmen?“, fragt eine Dame in den Goldenen Schwan hinein.

Franzi Dahlhaus (links) und Rosi Brouwers wollen den Karlspreisträger Timothy Garton Ash live erleben (oben links). Oben rechts: der Preisträger mit seiner Frau Danuta. Unten: die Marching Band Advendo Sneek. Foto: Harald Krömer

Die Antwort von Schichtleiterin Marion Thiemann folgt postwendend: „Ich darf heute leider nicht draußen servieren.“ Bei Verleihungen in der Vergangenenheit war das anders. Auch eine Gruppe Männer, die offenbar ihren Start in den Vatertag im Dunstkreis der Karlspreisverleihung begehen will, erhält eine Abfuhr.

„Die Post kam vor ein paar Tagen“, erzählt Thiemann. „Keine Außengastronomie während der Verleihung gestattet“, so der Inhalt des Schriftstücks zusammengefasst. Es geht um Sicherheit. Bis in den späten Nachmittag bleiben Stühle, Tische und Schirme eingepackt. „Aber ich kann das verstehen“, sagt Thiemann. „Die Sicherheit geht vor, auch wenn es wegen des Geschäfts schade ist — bei dem Anlass und dem Wetter.“

Keine Demonstranten

Sicherheit ist natürlich ein Thema beim Karlspreis. Polizisten in Uniform, einige mit Maschinenpistole ausgerüstet, Sicherheitspersonal in Anzug und mit Knopf im Ohr sind zu sehen, Beamte der Einsatzhundertschaft streifen über den Markt. Einen Grund zum Einschreiten haben sie nicht. Weder als Preisträger Garton Ash und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf dem Weg vom Rathaus zur Katschhofbühne auf einen Plausch mit ein paar Zuschauern zur Absperrung schlendern, noch als SPD-Chef Martin Schulz anhält, um ein paar Eindrücke in Mikrofone zu sprechen.

Und auch die Demonstranten, die in früheren Jahren am Rande der Veranstaltung Flagge zeigten, fehlen diesmal. Der Karlspreisträger 2017 bietet offenbar wenig Reibungsfläche. Vielleicht haben die Demonstranten aber auch einfach beim Nato-Gipfel in Brüssel zu tun. Immerhin: Ein „notorischer Störenfried“ habe es auf den Markt geschafft, sagt ein Polizeibeamte.

Nur etwa 500 auf dem Markt

Ein stämmiger Mann mit weitem T-Shirt zieht zwei Bobbycars an einer Leine hinter sich her. Eine kuriose, aber gleichwohl störende Szene. Die kleinen Plastikautos rappeln und klappern über das Kopfsteinpflaster. Nicht etwa Anti-Ash-Parolen sind auf die Spielzeuge gepinselt, sondern eine kaum lesbare Internetadresse.

Die erste Runde durch die lichten Zuschauerreihen vor den Absperrungen schafft der Mann noch unbehelligt, beim zweiten Durchlauf sprechen ihn Passanten an, weil sie lieber in Ruhe den Reden auf der Videowand folgen wollen. Der Störer poltert zurück. Ein paar Augenblicke später kann er seinen Unmut einem Trupp Polizisten der Bereitschaftspolizei erklären.

Den 850 Gästen, die im Krönungssaal an der Verleihunng teilnehmen, stehen nach Schätzung der Polizei in der Spitze rund 500 Zuschauer auf dem Markt und 1000 auf dem Katschhof gegenüber. Unter ihnen: Franzi Dahlhaus und Rosi Brouwers, die mit auffälligen blauen Shirts und Europa-Fähnchen im Haar am Rande des Katschhofs sitzen. Die beiden 18-jährigen Schülerinnen waren von Anfang an bei der „Pulse of Europe“-Bewegung dabei, die jeden Sonntag eine zusätzliche Portion Europa in die Aachener Innenstadt bringt.

Am Tag der Karlspreisverleihung wollen sie sich anschauen, wie andere das machen. „Bei uns ist es ja in der Regel so, dass die Bürger auf der Bühne stehen und die Politiker im Publikum“, sagt Franzi Dahlhaus, „und hier ist das umgekehrt.“ Auch für Rosi Brouwers ist es spannend, wie die Preisverleihung abläuft. „Bevor das mit ‚Pulse of Europe‘ losging, habe ich mich kaum mit Europa auseinandergesetzt“, sagt sie, doch jetzt sei das anders.

Sie hat Spaß daran gefunden, sich für die Bewegung zu engagieren. Seit einigen Wochen interessiere sie sich auch für das, was Timothy Garton Ash sagt und schreibt. Gerne hätten die beiden die Ansprachen im Rathaus direkt miterlebt. „Wenn Garton Ash seine Rede hier draußen gehalten hätte, das wäre noch besser gewesen“, findet Dahlhaus. Doch die Live-Übertragung aus dem Krönungssaal auf den Marktplatz und die anschließende Begrüßung der Aachener Bürger auf dem Katschhof sei auch gut, denn „die Transparenz ist wichtig.“

„Ie_SSRqll be there for you“ — mit dem eingängigen Lied von „The Rembrandts“, vielen bekannt als Titelsong der US-Fernsehserie „Friends“, beginnt das Konzert der niederländischen Marching Band Advendo Sneek. Die Musiker in schneidigen Uniformen spielen am Nachmittag vor allem Pop- und Rocksongs, und bilden damit einen wunderbar gelungenen Kontrast zum Symphonieorchester im Rathaus.

Den Aachenern auf dem Katschhof gefällt‘s: Schon nach wenigen Takten beginnen die ersten in der Mittagssonne zu tanzen. „Die wollen wohl die da oben auf der Bühne in den Schatten stellen“, ruft eine Frau lachend.

Printen müssen mit

Ebenfalls auf dem Katschhof präsentieren sich schon traditionell Aachens Partnerschaftvereine in einem großen Zelt. Das Partnerschaftskomitee Aachen — Halifax/Calderdale hat diesmal eigens eine kleine Bildergalerie an die Zeltwand gehängt. Schließlich ist Timothy Garton Ash der fünfte britische Karlspreisträger, nach Winston Churchill, Edward Heath, Roy Jenkins und Tony Blair. Eigens aus der Partnerstadt in West Yorkshire angereist sind Anne Teasdale und Margaret Barnes vom dortigen Partnerschaftsverein.

Als „englischer Europäer“ hatte sich Garton Ash bei seiner Rede im Krönungssaal bezeichnet. „Ja“, sagen die beiden, dem können sie zustimmen. Als „britische Europäerinnen“ verstehen sie sich auch. Am Freitag geht es zurück nach Halifax. „Aber vorher müssen wir noch Printen kaufen“, sagt Margaret Barnes. Sie hat wohl beherzigt, was OB Marcel Philipp zuvor auf der Katschhof-Bühne ankündigte, als die Präsente verteilt wurden: „Hier geht niemand weg ohne Printen.“

(tv/slg/mg)