Aachen: Jede Woche geht eine Amokdrohung ein

Aachen: Jede Woche geht eine Amokdrohung ein

Amoklauf an einer Schule: Die Bilder etwa aus Erfurt oder Winnenden mit dutzenden Toten haben sich tief ins Gedächtnis eingebrannt. Eine Drohung damit ist die absolute Ausnahmesituation, sollte man also meinen.

Doch weit gefehlt: In diesem Jahr kommt die Aachener Polizei bislang auf 30 einschlägige Prüffälle, sagt Sprecher Michael Houba auf Anfrage - im Bereich der Städteregion. „Mal ist es einer pro Woche, mal sind es zwei”, ergänzt Kollege Paul Kemen. Jetzt waren es zwei, innerhalb einer Woche und nur im Bereich der Stadt Aachen. In beiden Fällen waren schriftliche Drohungen auf den Toiletten aufgetaucht, in beiden Fällen wurden große Schulen in Angst und Schrecken versetzt, in beiden Fällen die Polizei eingeschaltet.

Und in beiden Fällen wussten die jungen Täter nicht, was sie anrichteten und was auf sie zukommen kann, finanziell, disziplinarisch, eventuell auch strafrechtlich, wenn sie 14 Jahre oder älter sind.

„Die Mehrzahl der Täter wird ermittelt,” sagt Paul Kemen. Einige Familien sind derzeit dabei, die Kosten für das Eingreifen der Ordnungshüter abzustottern, denn die können sich schnell auf einige bis viele tausend Euro belaufen. Die höchste bisher festgesetzte Summe beträgt 9000 Euro - nach einem Großeinsatz in Laurensberg. Dort hatte vor Jahren ein Jugendlicher im Internet Drohungen ausgestoßen, er wurde überdies der Schule verwiesen.

Nur ein Viertel

Am Mittwoch standen Streifenwagen vor einem Gymnasium in der Innenstadt. Dort war am Montag ein aus einem Heft herausgerissener Zettel mit der Aufschrift „AMOK 9.6.10” gefunden worden, der gleiche Wortlaut prangte an einer Tür in der Mädchentoilette.

Die Schulleitung informierte umgehend die Polizei, das Kollegium, die Schüler und die Eltern. Diesen wurde freigestellt, „über den Schulbesuch ihrer Kinder zu entscheiden”. Auch wenn die Polizei Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Vorhabens hatte, war sie zur Stelle. Michael Houba: „In jedem Fall sind wir präsent und versuchen, den Verursacher zu ermitteln.”

Von 800 Schülern erschienen nur etwa 200 zum Unterricht, der aber wie gewohnt stattfand. Klassenarbeiten wurden allerdings nicht geschrieben, sondern verschoben. Der Direktor am Morgen: „Auch wenn ich an die Durchführung nicht glaube, man muss es trotzdem ernst nehmen.”

Es habe unheimlich viel Erklärungsbedarf bestanden und sei viel Unruhe und Besorgnis entstanden. Oberstufenschülern, die ihn angesprachen, habe er gesagt: „Wenn Ihr Angst habt, kann ich Euch die nicht verbieten.”

Übrigens: Die Lage blieb ruhig, es kam zu keinen besonderen Vorkommnissen. Die Polizei konnte mittags wieder abrücken. Sollte der Verursacher ermittelt werden, droht ihm ebenfalls eine saftige Rechnung über mehrere tausend Euro.

Regelrechte Welle

Bei der Bezirksregierung, schildert ein anderer Schulleiter, registriert man eine regelrechte Welle von Amokdrohungen, die verübt wurden, weil Schüler einen freien Tag haben wollten: „Das hat sich offenbar in den Köpfen breit gemacht.”

Offenbar auch bei einem seiner Eleven, einem bis dahin völlig unauffälligen 13-jährigen in der Jahrgangsstufe 7. Der hatte ebenfalls einen Zettel mit der anonymen Drohung eines Amoklaufs am 15. Juni in einer weiterführenden Schule in den Außenbezirken abgelegt.

Auch hier bestand von vorneherein der Verdacht, dass es sich um einen Dumme-Jungen-Streich handele, dennoch wurde die Polizei auch hier tätig. Die Wortwahl deutete in diesem Fall auf einen bestimmten Personenkreis hin, auf den sich die Ermittlungen der Fahnder konzentrierten.

Als sich das Netz zuzog, habe der Junge sich gestellt. Auch er wird eine Rechnung von der Polizei erhalten, ansonsten aber mit einem blauen Auge davonkommen, nämlich der Androhung des Schulverweises. Sollte er sich nur das kleinste Vergehen zuschulden kommen lassen, muss er gehen.

Dennoch, so der Direktor, hat „dieser Zettel erhebliche Ängste ausgelöst”. Der Fall sei intensiv besprochen worden: „Das ist hier jetzt bei jedem angekommen, dass das kein Spaß ist und weitreichende Konsequenzen hat.”

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