Aachen: Jede Menge Räte und ganz viel Prominenz auf dem Westfriedhof

Aachen : Jede Menge Räte und ganz viel Prominenz auf dem Westfriedhof

Wie angewurzelt bleibt der Besucher stehen. Aus einem Seitenweg, einer schattig-dunklen Arkade aus Gezweig, ist er herausgetreten und auf eine Lichtung gestoßen. Gegenüber, auf der anderen Seite einer weiten grünen Wiese, sieht er atemberaubenden Prunk. Unter einer mächtigen Blauzeder reihen sich fünf monumentale Grabensembles.

Imposante Zeugen einer vergangenen Zeit. Der Besucher steht im Zentrum des am 4. Januar 1889 geweihten und bis 1937 ausschließlich protestantischen Friedhofs, stadtauswärts links an der Vaalser Straße gelegen. Amtlich heißt er „Westfriedhof I“.

„Who‘s who“ und „Wer mit wem“: Auf dem rund zweistündigen Rundgang erfahren die Teilnehmer viel Wissenswertes über Persönlichkeiten, die Stadt und Region nicht nur zu Lebzeiten geprägt haben. Foto: Heike Lachmann

„Der Blick auf die Prominenz“, lächelt Holger A. Dux. Letzte Ruhestätte von einst Großen, Mächtigen, Reichen und Superreichen. Wer sich mit dem Bauhistoriker und Friedhofskundigen Holger A. Dux wie jüngst auf Einladung des Aachener Geschichtsvereins und der Heimatfreunde Laurensberg zu einem zweistündigen Rundgang über den historischen Teil des Waldfriedhofs I aufmacht, taucht ein in zwei Jahrhunderte Aachener Stadtgeschichte.

Bauhistoriker Holger A. Dux macht Stadtgeschichte selbst auf einem Friedhof wieder lebendig.

Suermondt, Cockerill, Delius

Persönlichkeiten, die die Stadt und die Region prägten und bis heute ihre Spuren hinterlassen haben, werden lebendig. Namen wie Suermondt, Cockerill, Delius, Haniel, Lochner, Waldhausen, Pastor, von Kaven und viele andere. Tuch- und Maschinenfabrikanten, Kaufleute, Bauräte, Geheime Regierungsräte, Bankiers, ein königlicher Forstassessor, Bergwerksbesitzer, Kommerzienräte, Transportunternehmer, Oberstleutnants, Rittergutsbesitzer, Freiherren, Freifrauen, Prinzessinnen und ein Obertruchsess, Leiter der Hofhaltung von Kaiser Wilhelm II. — sie alle ruhen hier nebst Familie in pompösen Grabstätten. Viele von ihnen wurden entworfen und gestaltet von namhaften Architekten, Bildhauern und kunstfertigen Steinmetzen ihrer Zeit.

Von Grabmal zu Grabmal weiß Holger A. Dux Aachener Kultur-, Bau-, Wirtschafts- und Familiengeschichte und Geschichten mit einem „Who’s who“ zu würzen, und auch das „Wer mit wem“ kommt nicht zu kurz.

Schon wenige Schritte hinter dem unteren Eingangstor an der Vaalser Straße lässt die beeindruckende Grabstätte Arnold-Ernst den Besucher innehalten. Vor einem Obelisken streut ein marmorner, vollplastischer Engel Rosen, der Engel als Seelenführer, er tritt so leise auf, als schwebte er auf Flügeln. Es folgt ein Grabmal mit einem stilisierten Tempel, Symbol für das letzte irdische Haus. Ein Findling aus schwedischem, rotem Granit. Ein von einem Kreuz bekrönter Obelisk am Ehrengrab für den Begründer des ersten städtischen Wasserwerks, ein großer Findling wuchert aus einem Fels.

Den letzten irdischen Gang

Kunstvolle Grabeinfassungen, die den letzten irdischen Garten markieren. Aufwendig gestaltete Gitter-Girlanden. In Bronze gegossene Applikationen, Verzierungen, die Amtsinsignien und sogar Hobbys darstellen. Vor einem Stein ein als Vollplastik gearbeiteter Jüngling, der eine Urne bewacht, aber damals, fast unbekleidet, für große Entrüstung sorgte. Auf einem Sarkophag ruht eine trauernde Frau in wallendem Gewand, ihre Rechte will den Sarg nicht loslassen. Zwei schwebende Engel, einer weist der Seele des Verstorbenen den Weg in den Himmel. Mahnende Engel mit Palmzweig. Ein eigenwilliger Engel mit skurriler Haube, der sich auf eine umgedrehte Fackel stützt. Ein hoher Obelisk mit antiker Vase auf der Spitze, drapiert mit einem großen Trauerschleier.

Ein außergewöhnliches, ein tief beeindruckendes Kunstwerk in Bronze: Auf einem Steinsockel sitzt eine Frau, sanft vornübergebeugt, mit leerem Blick das Gesicht wie zur Totenmaske erstarrt, ein zartes Gewand fließt faltenreich und knöcheltief, die Füße bloß, unter dem Kinn klemmt die Frau mit der Linken eine Geige zum Spiel, in ihrer ausholenden Rechten aber fehlt der Bogen — die Geige ist verstummt, das Leben ist vorbei, das Spiel ist aus.

Voller Andacht lauscht der Betrachter der Geigenspielerin, ihrer Un-Musik aus dem Totenreich, die nicht zu hören ist. Und hört sie doch. So wie er glaubt, wenn Holger A. Dux erzählt, die Menschen zu hören, die da vor uns gelebt haben. Sie wispern untereinander. Sie sind da. Sie sprechen zu uns. Nah am Westfriedhof I rauschen lärmend alle paar Minuten die Züge der deutsch-belgischen Bahnlinie vorbei und reißen den Besucher aus Impressionen dieser Art.

Am Ende des Rundgangs hebt Dietmar Kottmann für den Geschichtsverein und die Heimatfreunde Laurensberg mit Nachdruck die Bedeutung der historischen Grabstätten hervor. Es sind in der Tat baugeschichtliche Dokumente einstiger Bestattungskultur. Alarmiert wahrscheinlich durch vergangene Vorfälle appelliert der städtische Rechtsdirektor a.D. an verantwortliche Stellen: „Unsere Sorge gilt der Bewirtschaftung dieses Friedhofs. Denkmalwerte Gräber sollten nicht einfach auf den Bauhof gekippt werden, kein Denkmal sollte abgeräumt werden. Für den Westfriedhof I ist in den nächsten ein, zwei Jahren eine Denkmal-Aufnahme erfor-derlich.“

Die rund 25 Teilnehmer der Dux-Runde applaudieren.