Aachen: Jahresrückblick 2015: Die Öcher haben auch das geschafft

Aachen : Jahresrückblick 2015: Die Öcher haben auch das geschafft

Würden die Öcher ihre Jahre so schön bildlich benennen wie die Chinesen, dann würde 2015 vermutlich als das Jahr der Turnhalle in den Chroniken geführt. Tausende von Flüchtlingen hat die Stadt in diesem kargen Ambiente willkommen geheißen.

Das ist nicht schön, und keiner hat das so gewollt. Aber schön ist, dass es hier ohne großes Gekreische funktioniert und die Aachener es ziemlich unaufgeregt gewuppt kriegen.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 19.08.2015 Reit EM, Mittwoch, Springprüfung JOB : Mie 22.

Aachen steht halt zusammen, unter diesem Motto schon im Januar, als sich rund 4000 Menschen auf dem Katschhof versammelten, um ein Zeichen gegen Rassismus, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Das hatten ein paar Pegida-Anhänger offenbar nicht mitbekommen und Aachen knapp zwölf Monate zum Schauplatz einer Kundgebung auserkoren. Also stellten die Öcher sich eben noch mal zusammen, um den rund 130 selbst ernannten Patrioten die Weltsicht im Westzipfel klarzumachen.

Siegerehrung Reit EM---Dressur.

Die scheint auch trotz des Zustroms von Flüchtlingen recht stabil zu sein. Die Willkommenskultur wirkt noch einigermaßen intakt, obwohl die Unterbringung der Fremden der Stadt und ihren Bürgern allerhand Probleme beschert. Sporthallen werden halt naturgemäß für den Sport gebraucht. Viele davon fehlten im Laufe des Jahres sowohl den Schulen als auch den Vereinen. Doch sie sind alle ein wenig zusammengerückt, ebenso wie die Soldaten in der Körner-Kaserne, um noch etwas Platz zu schaffen für die Flüchtlinge.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 28.10.2015 Eröffnung Aquis Plaza JOB: Kauf 13.

Nettes Luxusproblem

Foto: Harald Kroemer Datum: 29.01.2013Adalbertsteinweg/ Triererstr. Bahn-Bus-AutoJob : Lärm 5.

Die werden überdies versorgt und betreut von vielen ehrenamtlichen Helfern, die sich um Essensausgabe, Kleidung, Deutschunterricht oder Spielangebote für die Kinder kümmern. Weil sich das zu einem netten Luxusproblem ausgewachsen hatte, musste die Verwaltung im September sogar ein Koordinierungsbüro für die vielen Hilfsangebote einrichten.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 11.05.2015 Kita-Streik, Verdi u. Komba JOB : Streik 4.

An den Ursachen des ganzen Elends kann aber auch die Stadt nicht viel ändern, Aachen ist halt nur betroffen von vielem, was so schief läuft in der Welt. Nach der Attacke auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo im Januar waren die Öcher alle Charlie, Kaiser Karl in seiner Eäzekomp sowieso. Und nach den Terroranschlägen in Paris im November wurde es auch in Aachen ungemütlich. Der sonst so idyllische Weihnachtsmarkt wurde plötzlich als mögliches Anschlagsziel beargwöhnt, ein verdächtiges Geschenkpaket löste einen Polizeieinsatz aus, und viele Tagestouristen aus Frankreich kamen erst gar nicht.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 28.08.2015 Bombenfund JOB : Bombe 8.

Verprellt wurden die nicht zuletzt durch ein Phänomen, das die Aachener für längst überwunden gehalten hatten: Grenzkontrollen hatte die Bundespolizei wegen der Terrorgefahr wieder eingerichtet, was für allem den Verkehr auf der Autobahn 44 zwischen der Anschlussstelle Brand und dem Aachener Kreuz ganz massiv beruhigte. Die Aussicht auf den großen Stau ließ wohl so manchen Busunternehmer aus dem westlichen Ausland vor einer Tagestour zum Weihnachtsmarkt zurückschrecken. Die Einheimischen verlegten sich derweil auf die gewohnten Schleichwege im kleinen Grenzverkehr.

Das Jahr in Bildern: Das Inda-Gymnasium wird im Juli für 300 Flüchtlinge zum ersten Zuhause in Aachen. Insgesamt leben am Jahresende mehr als 4000 Flüchtlinge in Aachen (1). Im August gibt der Reitsport den Ton in Aachen an — und zwar sowohl bei der EM in der Soers (2) als auch beim Special in der Innenstadt (3). Der Ansturm aufs Aquis Plaza beginnt Ende Oktober mit der Eröffnung des Einkaufszentrums (4). Beim Brand eines Möbellagers am Prager Ring Anfang Juni geht indes nichts mehr. Der Brandstifter, der später zu sieben Jahren Haft verurteilt wird, hat ganze Arbeit geleistet (5). Um den Wert ihrer Arbeit kämpfen ab Mai die Erzieherinnen und Sozialpädagogen. Viele Aachener Kindertagesstätten bleiben für Wochen geschlossen (6). Geschlossen werden Ende August auch weite Teile der Innenstadt, als auf einer Baustelle in der Claßenstraße eine Bombe gefunden wird (7). Ebenfalls verkehrsberuhigt wird im November die Autobahn 44, weil die Bundespolizei nach den Anschlägen von Paris Grenzkontrollen einführt (8). Die Umweltzone wirft indes ihre Schatten voraus. Seit August ist ihre Einführung in Aachen amtlich (9).

Aachen liegt halt nah dran am Ausland. Dabei wären die Öcher gerne ein bisschen weiter weg von Tihange, weil ihnen das dortige Atomkraftwerk gehörig Angst einjagt. Im Bürgerforum gab es lebhafte Diskussionen über den Katastrophenschutz im Fall eines nuklearen Störfalls, die Initiative von Ärzten gegen den Atomkrieg verteilte symbolträchtig Jodtabletten im Stadtrat und Oberbürgermeister Philipp räumte schließlich ein, dass die Vorbereitung der Stadt auf ein solches Szenario durchaus noch verbessert werden könnte.

Beginn Umweltzone in Berlin (Fahrverbot für PKW bestimmter Schadstoffgruppen) Beginning Environmental zone in Berlin Driving ban for Car certain Groups.

Ansonsten kann Aachen aber auch hier wenig tun, weil nur die Belgier für ihren Pannenmeiler zuständig sind. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz hält eine europäische Energiepolitik für sinnvoller. Ihn haben die Aachener im Mai mit dem Karlspreis ausgezeichnet und gebührend gefeiert.

Überhaupt gab es 2015 neben Terror-, Flüchtlings- und anderen Krisen einiges zu feiern. Die Reit-Europameisterschaft im August zum Beispiel, die den Aachenern dank EM-Special stimmungsvolle Medaillenzeremonien in der Innenstadt bescherte. Alemannia-Legende Michel Pfeiffer feierte im Juli seinen 90. Geburtstag. Von seinem notorisch klammen Fußballverein hatte die Stadt übrigens am Jahresanfang das Tivolistadion für einen Euro übernommen.

Pfeiffers stolzes Alter erreichten andere bekannte Aachener nicht: Der letzte Oberstadtdirektor Heiner Berger starb im Mai im Alter von 81 Jahren, Pfarrer Toni Jansen, der Mitbegründer des Sozialwerks Aachener Christen, im Juni mit 79 Jahren. Immerhin 93 Jahre alt wurde Hein Kolberg, der nimmermüde Kämpfer gegen Faschismus und Krieg wurde im Januar zu Grabe getragen.

Beerdigen musste die Stadt auch ihre Hoffnung, an der ungeliebten Umweltzone vorbeizukommen. Die Kölner Bezirksregierung machte den Aachenern klar, dass es wohl nicht ohne geht. Und seit dem 21. August ist es amtlich, dass ab Februar nur noch Autos mit grüner Plakette das Stadtgebiet innerhalb des Außenrings befahren dürfen.

Damit muss sich die langjährige Bau- und Umweltdezernentin Gisela Nacken nicht mehr herumschlagen, die Beigeordnete wurde im Februar nach 16 Dienstjahren verabschiedet. An ihrem Schreibtisch sitzt seit August Werner Wingenfeld, der Heimkehrer aus Bonn war zuvor lange Planungsamtsleiter in Aachen.

Ihm dürfte daher das lange Gezerre um die Kaiserplatz-Galerie noch gut in Erinnerung sein. Das Happy End erlebte Wingenfeld dann Ende Oktober, als das inzwischen in Aquis Plaza umgetaufte Einkaufszentrum eröffnete. Der Bau ist vielleicht nicht so schön wie der Aachener Dom, wirkt aber auch anziehend: Alleine in den ersten vier Tagen wurden 260 000 Besucher gezählt.

Spielcasino zieht zum Tivoli

Still bleibt es derweil im Neuen Kurhaus, seit das Spielcasino im Mai zum Tivoli umgezogen ist. Für rund 20 Millionen Euro soll der Bau wieder aufgebrezelt werden, bevor ihn das Casino gemeinsam mit dem Kölner Unterhaltungsspezialisten Explorado wieder bespielen will.

Die Aachener Unterhaltungsspezialisten vom AKV bespielen schon bald das direkt nebenan liegende Eurogress mit ihrer traditionellen Verleihung des Ordens Wider den tierischen Ernst. Als Ordensritter hatten die Karnevalisten im Juli den bayerischen Finanzminister Markus Söder ausgeguckt. Weil der CSU-Mann aber im November die Pariser Terroranschläge unschön mit der Flüchtlingspolitik verrührt hat, ist vielen Jecken das Lachen vergangen. Einige Politiker haben schon pikiert ihre Teilnahme abgesagt, und auch die 4 Amigos wollen diesmal nicht die Musik dazu spielen.

Besser hat es das Karlspreisdirektorium hinbekommen, obwohl sich angesichts der Querelen in Europa würdige Preisträger nicht gerade reihenweise aufdrängten. Deshalb sollte eine Entscheidung zunächst erst im Januar 2016 bekanntgegeben werden. Doch einen Tag vor Heiligabend wurde dann Papst Franziskus als neuer Karlspreisträger präsentiert. Dem Kirchenoberhaupt, das Europas Politikern wiederholt auch zum Thema Flüchtlinge die Leviten gelesen hat, wird die Auszeichnung nach Rom gebracht. Was natürlich ein bisschen schade ist, denn diesen Preisträger hätten die Aachener gerne hier willkommen geheißen.

Und diesem Papst wäre sogar zuzutrauen, dass er in Aachen in einer Turnhalle übernachtet.

Mitarbeit: Gerald Eimer, Heiner Hautermans, Achim Kaiser

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