Aachen: Interview: „Theater ist im Grunde nie meins gewesen“

Aachen : Interview: „Theater ist im Grunde nie meins gewesen“

Rückblickend, sagt Master_S, sei es gut gewesen, aus der Blumenstadt wegzugehen. Denn Mössingen — wie die Blumenstadt richtig heißt — sei nach der Erfahrung von Simon Berhe — wie Master_S richtig heißt — nicht die allerbeste Kleinstadt, um zum erfolgreichen Musiker und Schauspieler heranzureifen. Das eine ist Berhe bereits, das andere will er werden.

Seit Januar hat er ein Engagement am Das Da Theater, spielt noch bis Juni die Rolle des John in der Musical-Produktion „Summer of Love“. Seit dem 10. Mai kann man seine ersten selbstproduzierten Musikstücke online erwerben. Die „Nachrichten“ haben sich mit dem 26-Jährigen mit Wurzeln in Eritrea darüber unterhalten, wo er herkommt und wo er hin will.

Wenn es um den Grund geht, warum es Sie in die musischen Berufe zieht, kommt die Sprache schnell auf einen Namen: Yemane Baria. Wer ist das?

Berhe: „Das war mein Onkel, der 1997 leider verstorben ist. Er ist aber noch heute der am meisten gespielte Musiker in Eritrea. Dort ist er eine Legende und jeder kennt ihn. Mit ihm wurde mir die Musik quasi in die Wiege gelegt. Ich habe schon oft gehört: ‚Du siehst genauso aus wie er, du wirst bestimmt auch Musiker.‘ Ich wollte damals aber noch unbedingt Fußballprofi werden. In der C-Jugend war dann aber Schluss und ich habe gemerkt, dass es mich ins Showbusiness zieht.“

Und da können Sie sich Ihre Engagements als Schauspieler mittlerweile sogar aussuchen — es läuft gut am Theater.

Berhe: „Als Schauspieler läuft es super. Das liegt natürlich auch daran, dass es nicht so viele schwarze Schauspieler gibt. Deswegen habe ich sehr viele Anfragen.“

Viele Angebote — und Sie haben sich entschieden, im Januar ein Engagement in Aachen am Das Da Theater anzutreten. Was hat den Ausschlag gegeben?

Berhe: „Als das Angebot aus Aachen kam, hatte ich seit 25 Tagen in Berlin gewohnt und gerade die zweite Probe mit einer neuen Band hinter mir. Da hab' ich natürlich intensiv überlegt: ‚Verdammt, mach ich das in Aachen oder mach ich es nicht?‘ Das Angebot hat sich schon sehr gut angehört — Geld hat gestimmt, Wohnung hat gestimmt.

Der Hauptgrund war aber, dass es ein Musical war. Wäre es um ein Theaterstück gegangen, hätte ich wahrscheinlich abgelehnt. Theater ist im Grunde nie meins gewesen, das habe ich auch während meiner Ausbildung schon gesagt. Dann kam das Drehbuch, ich hab's gelesen und die Rolle des John, die ich spielen sollte, hat mir gefallen.“

Auf der Bühne sind Sie regelmäßig zu sehen. Wie sieht es mit Erfahrung bei Film und Fernsehen aus?

Berhe: „Während meiner Ausbildung habe ich in einigen Kurzfilmen mitgespielt, auch in Zusammenarbeit mit der Filmakademie Ludwigsburg. Vor kurzem hatte ich eine kleine Rolle als Soldat in einer Hollywood-Produktion von Oliver Stone mit Joseph Gordan-Levitt über Edward Snowden.“

Erfolg als Schauspieler, und Sie schwenken Richtung Musik. Warum auf einmal?

Berhe: „Die Musik war eigentlich immer schon da. Wenn ich mich heute entscheiden müsste, was ich sein will — Schauspieler oder Musiker — das wäre unglaublich schwer. In der Musik kommt einfach alles von mir selbst. Deswegen ist mir Musik fast doch ein bisschen wichtiger.“

Sie kommen aus Mössingen — der Blumenstadt. Da haben Sie sich unter anderem oft im Jugendzentrum aufgehalten, dort später Musik-Workshops angeboten. Schlägt sich der Heimatort in irgendeiner Form in Ihrer Arbeit nieder, oder hätte das genauso gut Bielefeld sein können?

Berhe: „Mössingen, die Blumenstadt (lacht) ... witzig, wenn man das hört und die Stadt kennt. In meinen Augen ist es eher eine kriminelle Stadt und die Erlebnisse dort haben mich natürlich geprägt und beeinflussen jetzt meine Arbeit. Es war eine richtige und sehr wichtige Entscheidung, dass ich da raus bin. Sonst wäre ich irgendwo gelandet, aber sicher nicht auf der Bühne. Deshalb wollte ich früh weg aus der Stadt und das gleiche erreichen wie andere Musiker aus der Region — Tedros Teclebrhan zum Beispiel (erfolgreicher Youtuber; Anm. d. Red.). Mit ihm habe ich große Teile meiner Jugend verbracht und viel von ihm gelernt. Ich sage immer: Teddy hat drei Jahre Vorsprung, und die will ich aufholen.“

Der Gedanke könnte einem kommen. Gerade haben Sie Ihre erste Musik-Single veröffentlicht ...

Berhe: „ ... und dass, obwohl die Konkurrenz in diesem Geschäft für mich härter ist, als im Theater. Musik war zwar Teil meines Studiums, aber nicht das Business rundherum. Deswegen ist es schwer, da überhaupt Fuß zu fassen. Mit dem Video will ich in der Szene jetzt zum ersten Mal auf mich aufmerksam machen und auch anderen Musikern zeigen: Hier bin ich, nehmt mich ernst.“

Es gibt also Ziele, die Sie sich gesteckt haben ... vielleicht eine Art Karriereplan — Abteilung Musik?

Berhe: „Ende 2016 will ich, dass mein Name in aller Munde ist, was Musik betrifft. Anderthalb Jahre habe ich bis dahin noch und ehrlich gesagt dauert mir das schon zu lange. Ich werd‘ schließlich nicht jünger (lacht) und will endlich mit der Musik durchstarten.“

Im Song „Bevor du gehst“, zu dem Ihr erstes Video erscheint, geht es ums Verlassen oder Verlassen werden. Am Ende des Videos stirbt das Mädchen, der Text suggeriert eher den Eindruck einer Trennung. Um welches Verlassen geht es?

Berhe: „Das ist genau die richtige Frage, auf die es aber nicht wirklich eine Antwort gibt. Es soll offenbleiben. Jeder, der den Song hört, kann dann für sich selbst entscheiden.“

Beruht das Lied ausschließlich auf autobiografischem Erleben oder reiner Fiktion?

Berhe: „Entstanden ist der Song nach einer persönlichen Erfahrung — nachdem ich mich von meiner Freundin vergangenes Jahr getrennt habe. Ein wenig auch als Entschuldigung, weil ich mir später doch gedacht habe: das war vielleicht ein Fehler. Ich habe ihr den Song sogar zugesendet und er hat ihr gefallen.“

Neben dem Schauspieler Simon Berhe nun also auch der Musiker Simon Berhe. Bleibt da eigentlich noch Zeit für andere Dinge?

Berhe: „Meine komplette Freizeit verbringe ich mit Produzieren, Proben und dem Marketing für meine Musik — vor allem auf Facebook. Am Das Da Theater bin ich von Donnerstag bis Sonntagabend. Und wenn ich nicht auf der Bühne stehe, gibt es am Theater ein Klavier, das ich gerne nutze. Es ist eine gute Umgebung, um mich zu neuen Songs inspirieren zu lassen.“

Das hört sich an, als ob Sie außer dem Theater nicht viel von der Stadt haben?

Berhe: „Ab und an unternehme ich was mit Leuten, die auch neu in Aachen sind. Musik zum Beispiel ist hier allerdings nicht ganz so stark vertreten wie in Berlin oder in Stuttgart. Wenn hier etwas angeboten wird, Open Air oder Open Stages, dann sind das oft Rock oder Hard Rock-Sachen. Meine Musikrichtung ist eher Pop.“