Interview: "Café Chantant au Egmont" in Aachen

„Café Chantant au Egmont“ : Win Janssen brachte den Chanson nach Aachen

Win Janssen ist Initiator, Organisator und Moderator des „Café Chantant au Egmont“. Im Interview spricht er über seine Liebe zu Lüttich und die therapeutische Wirkung des Gesangs.

Brechend voll ist es immer. Stammgäste kommen vor 18 Uhr, um die besten Plätze zu ergattern. Die Mitwirkenden aus Lüttich, viele jenseits der 60, auch deutlich Ü70, wirken bisweilen wie aus der Zeit gefallen: Die Herren gern mit Schlips und Wollweste, die Damen mit hochonduliertem Haar; begleitet werden sie am Piano von einem Mann mit Monstermoustache; das ist Philippe, der da gebückt hockt wie Schröder bei den Peanuts. Sie singen hier im Cafe Egmont ihre Lieblingschansons, zwischendurch trauen sich auch Aachener Gäste ans Mikro. Win Janssen moderiert den Abend, meist in einem Hemd in kühnen Farben, dazu breite bunte Hosenträger. Janssen, Jahrgang 1950, ist ein pensionierter Ingenieur (unter anderem bei Uniroyal und Continental) und hat das Café Chantant 1994 initiiert. Seitdem wird im März und November jeden Mittwoch gesungen. Win Janssen ist Initiator, Organisator und Moderator des „Café-Chantant au Egmont“, bei dem Sänger und Sängerinnen aus dem Les Olivettes in Lüttich – dazu Mutige aus dem Aachener Publikum – ihre Chansons darbieten. Mit ihm sprach unser Mitarbeiter Bernd Müllender.

Herr Janssen, wie ist es zum Café Chantant gekommen?

Janssen Das hat viele Vorgeschichten, bis 1956 zurück. 1994 war der erste Versuch, in diesem November geht es mit dem 217. Abend weiter. Aber losgegangen ist es für mich viel früher: Als ich sechs Jahre alt war, nahm uns unser Vater mal nach Lüttich mit.

Und Lüttich hat den kleinen Win interessiert?

Janssen Eher infiziert. Das war eine Reise mitten ins pralle Leben: Die lauten Maronenverkäufer, die „Lotterie National“-Rufer, überall riesige Leuchtreklamen wie kleine Zeichentrickfilme, ganz anders als das düstere Nachkriegs-Aachen. Der Flohmarkt „La Batte“, das etwas frivole Tanzlokal „Le Metro“ schon morgens während der Marktzeit geöffnet, mit einer Viermannband auf einer Empore. Und diese belgischen Fritten! Ich war völlig fasziniert und wollte immer wieder hin, später auch allein per Fahrrad. So mit 16 entdeckte ich schon sonntags nachmittags Schlangen von 20, 30 Metern vor einem Lokal. Brechend voll war das, dunstig, voller Zigarettenqualm, Musikfetzen kamen heraus, sehr geheimnisvoll. Drinnen drängten sich Menschen wie die Sardinen, und alle kamen mit einem Lied dran. Da hatte ich das Olivettes entdeckt. Singen und Mitsingen haben eine Riesentradition in der Wallonie. Man begegnet dem französischen Chanson dort wohl häufiger und intensiver als in Frankreich.

Und Gesang passte?

Janssen Klar, ich singe ja selbst gern, war im Knabenchor Heilig Kreuz und habe als Kind im Stadttheater sogar mit Rudolf Schock in Carmen gesungen. Aktuell singe ich, seit über 20 Jahren, im Aachener Chor KataStrophe. Im Olivettes habe ich mich zu Beginn nicht getraut; erst 1991 habe zum ersten Mal das Mikro gegriffen. Mit Eugene, dem blinden Klavierspieler.

Und?

Janssen Harry Belafonte hab ich mich getraut und Formidable von Charles Aznavour, die Platte lag zum Üben zuhause herum. Formidable haben sie mich gelobt. Und bald gehörte der „l’Alleman“ mit zu den singenden Habitues.

Sie sind liègeophil geworden?

Janssen Das kann man so sagen. Bis heute bedeutet Lüttich für mich Vertrautheit und Exotik zugleich. Früher war Lüttich noch gut mit dem Zug erreichbar. Seit es diesen blöden Thalys gibt, kann man von Aachen nicht mehr nach Lüttich mit dem Zug ausgehen. Damals ging das stündlich und um viertel vor eins per Nachtzug zurück, mit dem „Geisterzug“, ohne offiziellen Haltepunkt in Aachen. Der Ein- und Ausstieg in Aachen war eigentlich nicht vorgesehen. Da wurde nur das Personal gewechselt.

Und dann kam die Idee, die Sänger aus dem Olivettes müssen mal nach Aachen?

Janssen Ende der 80er machte Stefan Dreher das Egmont auf, ganz belgisch, das ganze Meublement in Lüttich gesammelt. Und er fragte: Du kennst doch da solche Musiker. Ein Café Chantant in Aachen? Eigentlich war mein Respekt vor dieser Lütticher Institution viel zu groß.

Respekt vor der Institution?

Janssen Es durfte auf keinen Fall so sein, dass Zuschauer etwas für Aachen Ungewohntes falsch auffassen und ich ungewollt Tanzbären vorgeführt hätte. Aber ich hab in Lüttich gefragt, und eine Gruppe samt Pianist kam dann per Zug nach Aachen. Heute machen wir das mit dem Taxi-Kleinbus. Am ersten Abend war ich zunächst unsicher – und dann sehr froh, als ich Gesprächsfetzen auffangen konnte: Der steht aber voll hinter seinen Leuten, die er aus Lüttich holt... Der Test war gleich ein Riesenknaller. Und die ganz Alten schlugen am besten ein: Simone, die als „Die Unverwüstliche“ angekündigt wurde, und Guillemine, „La Mademoiselle de Paris“. Die hat hier gesungen, bis sie 93 war.

Und wer kommt als Publikum?

Janssen Ein Drittel kommt jedes Mal, ein Drittel einmal in der Kampagne, die anderen sind Gäste, die zum ersten Mal vorbeischauen und Durchreisende. Das sind oft die, die sich nachher bedanken kommen. Die sagen, so was hätten sie noch nie erlebt. Ein Amerikaner, dicker Geschäftsmann, kam immer einmal im Jahr nach Deutschland und legte seine Termine so, dass das Café Chantant dazu passte. An den Abenden soll ein Hauch frankophoner Atmosphäre wehen. Aber es wird nie Wichtiges nur auf französisch gesagt. Wir sind ja kein VHS-Kurs. Und die Liedtexte laufen manchmal über Beamer mit.

Jeder kann mitmachen?

Janssen Natürlich. Jeder kann sich für ein, zwei Lieder anmelden, auch spontan, er oder sie singt dann, am Piano begleitet von Philippe. Es gibt übrigens große Unterschiede – wenn der sangeslustige Wallone vor Publikum ein Lied zum besten geben will, sagt er: Ich gehe singen. Es interessiert die gar nicht, dass die auf einer Bühne stehen. Der Deutsche sagt: Oh, ich habe einen Auftritt. Die Wallonen sind eher spontan und genießen ihr Lied zusammen mit den Zuhörern. Trotzdem gibt es Aachener Stammgäste, die singen, etwa der Leo, der „bel ami va Oche“. Selbst Eckhard von Hirschausen, der nach einem eigenen Auftritt in Aachen später im Egmont dazugekommen war, hat spontan eine Version von Champs Elysées zum Besten gegeben.

Was ist Ihr Glück dabei?

Janssen Singen ist preiswerte Therapie, auch wenn du gar nicht weißt wofür. Aber sie wirkt! Die Erlebnisse in den vielen Jahren kannst du mit Millionen nicht bezahlen. Es ist ja nicht nur die Musik, es ist das Mitsingen, die gemeinschaftliche Stimmung, meist bis nach Mitternacht. Ich bin dabei nur Katalysator, der was antriggert. Spätestens zum Finale singen alle mit, dann genieße ich die Gesichter im Publikum, das ist meine Gage; das ist Glück.

Keine besonderen Momente?

Janssen Höhepunkte waren sicherlich die Duette, die ich mit Simone mehr als Sketch aufführte. „Tu te laisse allez“ von Aznavour: „… Mit deiner schlampigen Figur, gehst du mir wider die Natur ...“ sang ich auf deutsch, sie nahm es persönlich, schimpfte auf wallonisch zurück mit improvisierten Kommentaren. Der Laden lag flach. Oder wenn Guillemine mit über 90 auf französisch Only You sang. Das sind Momente, da bist du schon mal vorab im Paradies gewesen.

Was darf nie fehlen?

Janssen Zwischendrin gegen 22 Uhr gibt es großes Essen für die Olivettes-Gäste im Hinterraum, auf Kosten des Hauses, reichlich, richtig top, nur die besten Käsesorten. Das muss man Belgiern einfach bieten. Merci an den Patron Stefan Dreher!

Es gibt aber etwas Neues?

Janssen Relativ neu sind auch unsere Sing-Along-Nights, zum 5. Mal am 28. November. Also auf englisch; mit Musikern und Sängern aus England und Flandern. Sing along hat auf der Insel eine Riesentradition, saalfüllend, schon vor dem Krieg, als Mitsingabend eine ganz große soziale Nummer. Lange vor Karaoke, mit gutem English Folk und guten Popsongs. Am ersten Abend, dem 7. November, werde ich wohl als Hommage an den verstorbenen Charles Aznavour Formidable singen. Womit es auch für mich im Olivettes angefangen hatte, damals. Ist ja ein schöner Zirkel.

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