Internationale Chorbiennale 2019 beginnt am 12. Juni in Aachen

Meer der Stimmen : Internationale Chorbiennale beginnt zum 6. Mal in Aachen

Die 6. Internationale Chorbiennale steht vom 12. bis 22. Juni an. Generalmusikdirektor Christopher Ward probt mit den Aachener Chören gewaltige Klänge und Dichterworte.

Das Meer kocht. Mächtige Wogen türmen sich auf und stürzen gewaltig in Wellentäler, die weiße Gischt spritzt, die Naturgewalten sind entfesselt. „Das will ich hören, mit Macht“, ruft Generalmusikdirektor Christopher Ward den rund 120 Sängerinnen aus fünf Aachener Chören im Probenraum seines Sinfonieorchesters zu, die nun kerzengerade auf ihren Stühlen sitzen.

Bei der sechsten Internationalen Chorbiennale vom 12. bis 22. Juni in Aachen, die unter dem Motto „Nordklang“ skandinavisch-baltische Chöre in den Mittelpunkt stellt, wird es unter den insgesamt 32 Veranstaltungen in Aachen und Umgebung einige Highlights geben, unter anderem das britisch geprägte Sinfoniekonzert am 16. und 17. Juni im Eurogress. Der Titel „Im Meerestreiben“ verbindet Edward Elgars’ Cello-Konzert e-Moll op. 85 mit der groß angelegten „A Sea Symphony“ für Chor, Soli und Orchester von Ralph Vaughan Williams, einem machtvollen Werk, das viele Stimmen und einen Dirigenten verlangt, der zugleich ein erfahrener Chorleiter ist.

„Es wird selten aufgeführt, weil man es nicht so leicht besetzen kann“, sagt Ward, der mit dieser in Leeds 1910 unter der Leitung des erst 38-jährigen Komponisten uraufgeführten Komposition zahlreiche Erinnerungen an seinen Studienort Oxford verbindet. „Ich freue mich riesig, ich kenne das Werk aus meiner Jugend als Chorknabe, da habe ich fünf Jahre lang jeden Tag mindestens vier Stunden lang gesungen“, erzählt Ward, der bereits als Orgel-Stipendiat in Oxford den ersten Chor geleitet hat. „Diese Sinfonie gehört zur englischen Tradition und zum speziellen Repertoire großer Laienchöre.“

Menschen verbinden

Als es um die Planungen der Chorbiennale 2019 in Aachen ging, hat Ward „A Sea Symphony“ vorgeschlagen – mit Erfolg, denn das Ziel des Festivals, die Menschen singend zueinander zu führen, wird mit dieser Produktion beispielhaft erreicht. „Es ist für mich ein Wiedersehen mit allem, was mich in meiner Anfangszeit geprägt hat“, betont er. „Dieses Stück kann man nicht allein aufführen, das würde nicht funktionieren. Die Chorbiennale bietet die Chance, so viele gute Stimmen zu versammeln, wie nötig.“

Und da gibt es für Ward noch persönliche Empfindungen. „Die Familie ist im Sommer jedes Jahr ans Meer gefahren“, erinnert er sich. „Meine Mutter bestand darauf, dass wir früh um vier Uhr losfuhren, damit wir zum Sonnenaufgang am Ziel ankamen.“ Dort war es wie ein Ritual: der erste Blick auf Wasser und Himmel, der Ruf von allen im Auto: „Schaut mal, das Meer!“ Ward lächelt. „Das ist doch genau das Stück! Es klingt in diesem Werk mit, ich muss immer daran denken, da haben Komponist und Dichter großartige Bilder geschaffen, die dieses Gefühl für Natur so spiegeln, wie wir es schon als Kinder erlebt haben.“

Bei der Gestaltung orientiert sich Vaughan Williams am klassischen Aufbau einer Sinfonie. „A Song for All Seas, All Ships“ („Ein Lied für alle Meere, alle Schiffe“) ist eine temperamentvolle Einleitung. „Mit ihren Fanfaren so etwas wie ein Weckruf, das hat Strahlkraft“, schwärmt Ward. „On The Beach at Night, Alone“ („Allein nachts am Strand“) ist ein langsamer Satz, es folgen Scherzo „The Waves“ („Die Wellen“) und Finale „Passage to India: The Explorers“ („Die Entdecker“). In jedem der vier Sätze der Sinfonie, die mit ihren 70 Minuten Spieldauer zu den größten Kompositionen dieses Genres aus dem 20. Jahrhunderts gezählt wird, legt der Komponist ein anderes Gedicht aus dem Zyklus „Leaves of Grass“ zugrunde und setzt es in oratorienhafte Klangbilder um.

Das Wiedersehen nach all den Jahren ist für den Generalmusikdirektor bewegend. „Beim letzten Satz hatte ich die Tränen in den Augen, die Gefühlstiefe erschließt sich mir als gereifter Mensch diesmal noch stärker.“

Was den Engländer Ralph Vaughan Williams speziell an der damals noch gar nicht so bekannten Dichtung des Amerikaners Walt Whitman fasziniert hat, war die Verbindung aus spiritueller Tiefe und der Hoffnung auf eine bessere humanere Welt, die er dichtend ausspricht. Die für damalige Zeit noch ungewohnte Form der freien Verse mit ihrer opulenten Sprache, die feierlich und pulsierend zugleich ist, gab ihm kompositorische Freiheit. Es entwickelt sich ein Rhythmus, auf den sich Orchester, Solisten und Chöre einschwingen. Selbst Ward entdeckt beständig Neues. „Ich würde nie behaupten, ein Werk durch und durch zu kennen“, versichert er. „Ich habe mich seit damals weiterentwickelt.“

215 Choristen auf der Bühne

Insgesamt 215 Choristen werden beim Konzert auf der Eurogressbühne stehen und den Ozean aus Stimmen erklingen lassen. Das ermöglichen als Initiativchöre der Chorbiennale der Junge Chor Aachen, der Aachener Kammerchor, BachVokal – Kammerchor des Aachener Bachvereins, Carmina Mundi und Madrigalchor Aachen sowie von den „Nordklang“-Gästen der Festino Kammerchor St. Petersburg, der Juniešu koris (Jugendchor) Kamë aus Riga/Lettland und der Mieskuoro (Männerchor) Euga aus Finnland. Alle haben sie im Vorfeld Post vom Aachener GMD erhalten. „Im Klavierauszug finden sich bereits wichtige Anweisungen, so ein Werk muss gut und lange vorbereitet werden“, berichtet Harald Nickoll, Leiter von Carmina Mundi. Gleichzeitig fördert „A Sea Symphony“ den Kontakt unter den Chören, denn Chorleiter wie Nickoll oder Martin te Laak (Aachener Kammerchor) haben nicht isoliert gearbeitet, sondern jeder von ihnen versammelte zur Vorbereitung eine „Stimme“ aus allen Gruppen um sich, mit der dann intensiv gearbeitet wurde.

Beim ersten gemeinsamen Treffen mit Ward übernimmt Johannes Honecker, Leiter des Madrigalchors, Lockerungsübungen und Einsingen. Fritz ter Wey (Junger Chor Aachen) und Georg Hage (BachVokal) beobachten alles genau aus dem Hintergrund und beteiligen sich an den Stimmübungen. „Mir ist Textverständnis sehr wichtig“, betont Ward, der eine Woge aus sinfonischer Musik und Menschenstimmen aufbauen will.

Wie die Meeresbrandung

In jedem der vier Sätze der Sinfonie, die mit ihren 70 Minuten Spieldauer zu den größten Sinfonien des 20. Jahrhunderts gezählt wird, greift der Komponist ein anderes Gedicht aus dem Zyklus „Leaves of Grass“ auf und setzt es in oratorienhafte Klangbilder um. „Behold, the sea itself/And on its limitless, heaving breast, the ships“ – eine Zeile, die dem Zuhörer am Anfang wie Meeresbrandung entgegendonnert – und so soll sie gesungen werden. Bei der Probe heißt es: nochmal, nochmal!

Schließlich ein großes Lächeln des Dirigenten, der mit Spannung den festen Blick auf die Choristen hält: „Die Damen sind jetzt mutig geworden! Die Herren müssen es ihnen endlich gleichtun.“ Alle lachen, und es gelingt. „….of waves spreading and spreading far as the eye can reach/Of dashing spray, and the winds piping and blowing“ – auch das ist dem Engländer am Dirigentenpult, der sich Zeile für Zeile vorarbeitet, noch viel zu sanft und brav.

„Das ,spreading‘ muss richtig sprühen, es macht gar nichts, wenn Sie dabei eine feuchte Aussprache haben! Ich habe hier vorn keine Angst“, ermuntert Ward die erfahrenen Chormitglieder, die nun hellwach und zugleich amüsiert sind. Mit Charme, ein paar heiteren Geschichtchen und unüberhörbarer Kompetenz gewinnt er vom ersten Augenblick an ihre volle Aufmerksamkeit. „Gemeinsam wird ein Ganzes daraus“, bekennt er sich als leidenschaftlicher Chorleiter.

Sollte man Texte von Walt Whitman vor dem Sinfoniekonzert lesen? „Warum nicht? Aber man muss es nicht“, betont Ward. „Da sind so starke Bilder in der Komposition, die erzählen den Text. Vom ersten Moment an kann man das Meer sehen und riechen.“ Wie einst im Sommer die Familie.

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