Aachen: Initiative „Aachen unverpackt“ sagt dem Plastikmüll den Kampf an

Aachen : Initiative „Aachen unverpackt“ sagt dem Plastikmüll den Kampf an

Ein klein wenig ungläubig guckt sie schon, die Mitarbeiterin des Netto-Supermarktes am Aachener Karlsgraben, als die Studentinnen sich gleich vor dem Schaufenster auf den Boden hocken, die soeben eingekauften Lebensmittel und diverse Behältnisse hervorholen. Nudelpakete werden aufgerissen, die Teigwaren aus der Plastikverpackung in Stoffbeutel umgefüllt.

Möhren, Weintrauben und anderes Obst und Gemüse werden aus Kunststoffschalen hervorgeholt und in Tupperdosen verstaut. Die Umverpackungen, die man gerade losgeworden ist, landen in bereitgestellten Umzugskisten.

Rund 20 Studierende und andere junge Leute beteiligen sich an der Aktion. Direkt auf der Straße werden die gerade gekauften Lebensmittel umgefüllt. Foto: Roeger

„Aachen unverpackt“ nennt sich die Initiative, die am Montagabend zu dieser Aktion am Karlsgraben aufgerufen hat. Neugierigen Passanten, die den Studenten beim Eintuppern zugucken, drückt man Flyer in die Hand: Das Vermeiden von unnötigem Plastikmüll und vielleicht einmal ein „Unverpackt“-Laden in Aachen sind Ziele der Gruppe.

© : dmp / Heute Montag 13. August 2018; 2018-08-13; Plastikmüll umpacken *** Achtung. Foto: Roeger

„In unseren Augen ist diese Aktion perfekt, um nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Konzerne auf die Problematik des Verpackungsmülls aufmerksam zu machen“, sagt Paul Deubner, der in Aachen studiert, sich bei „Aachen unverpackt“ engagiert und den gemeinsamen Einkauf am Montagabend organisiert hat.

Den Markt am Karlsgraben habe man aus „rein praktischen“ Gründen gewählt, es hätte auch jeder andere Discounter oder Supermarkt sein können. „Die Supermärkte verpacken viele Lebensmittel mehrfach in Pappe oder Kunststoff, obwohl das nicht unbedingt nötig ist“, sagt Deubner.

Es sei eine Zumutung für die Verbraucher, so viel Müll mit nach Hause nehmen zu müssen, sagt eine Aktionsteilnehmerin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. „Man hat den ganzen Abfall in der Wohnung und muss anschließend auch noch dafür bezahlen.“ Das ärgere sie, und darum sei sie auch bemüht, möglichst verpackungsfrei einzukaufen. Beispielsweise habe sie auch ein Abo für eine Gemüsekiste bei einem Bauernhof abgeschlossen. Wöchentlich kommen Obst und Gemüse per Lieferung, ganz ohne Verpackung.

Verpackungsmüll

Die Netto-Zentrale will sich zu der Aktion selbst nicht direkt äußern. Man sei aber bestrebt, Verpackungsmüll zu vermeiden. Beispielhaft wird auf Produkte wie Ingwer und Bio-Gurken verwiesen, die ohne Umverpackung zu haben sind.

Etwas konkreter wird Christian Böttcher, Sprecher des Handelsverbands Lebensmittel. „Das Thema Müllvermeidung ist auch für die Supermärkte in Deutschland wichtig“, sagt er und verweist darauf, dass man sich im Kassenbereich von den Einwegplastiktüten verabschiedet habe. Er nennt aber auch aus Sicht der Händler ein Problem bei m Thema Plastikverpackung: „Auf der einen Seite gibt es den Trend zur Natürlichkeit, zur Müllvermeidung und zum umweltbewussten Einkaufen“, sagt Böttcher.

Auf der anderen Seite gebe es aber auch immer mehr Leute, die wenig Zeit zum Einkaufen und zum Zubereiten von Lebensmitteln haben und Produkte aus dem „Convenience-Bereich“ kaufen wollen. „Viele Kunden wollen mittags einen fertig abgemischten und gewürzten Salat essen und eine bereits geschälte und geschnittene Ananas. Für die Zubereitung von Speisen haben diese Leute keine Zeit, und darauf müssen die Händler reagieren“, sagt Böttcher.

Auf ein weiteres Problem weist Detlef Funken hin, Sprecher der Städteregion. Dort ist das Veterinäramt angesiedelt, das für den Verbraucherschutz zuständig ist. Die sogenannte Hygieneschranke verhindert es, dass Kunden ihre eigenen Behältnisse direkt im Supermarkt mit leicht verderblichen Lebensmitteln befüllen lassen. Das gilt zum Beispiel an der Wurst- und Käsetheke oder auch bei bestimmten Backwaren. „Wenn jemand seine eigene Dose mitbringt, kann der Markt ja nicht garantieren, dass diese Dose keimfrei ist“, erklärt Funken. Und auch wenn die Städteregion gerne bereit sei, kreativ am Thema Müllvermeidung mitzuwirken, könne man den Verbraucherschutz nicht aufgeben.

Innerhalb von wenigen Minuten haben sich die Kisten vor dem Markt am Karlsgraben bis zum Rand mit Müll gefüllt. Auch andere Einkäufer, die zufällig vorbeikommen, kommen der Aufforderung nach, ihren Plastik vor Ort zu lassen und ihre Lebensmittel lose nach Hause zu transportieren. „Ich ärgere mich schon über diesen vielen Müll“, sagt eine Frau, „aber man ist nun mal auf die Supermärkte angewiesen.“

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